Gentech ohne Freisetzungsversuche

Neuste Gentechmethoden sind so gut, dass sich veränderte Pflanzen nicht von herkömmlichen unterscheiden. Der Bund und die EU überprüfen nun ihre Gesetze. Die Biobranche ist in Aufruhr.

Ist der pestizidresistente Raps gentechnisch verändert oder eine Neuzüchtung? Rapsfelder in der Blüte. Foto: Hans Blossey (Keystone)

Ist der pestizidresistente Raps gentechnisch verändert oder eine Neuzüchtung? Rapsfelder in der Blüte. Foto: Hans Blossey (Keystone)

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Die Nerven liegen blank in der Biobranche. Anders lassen sich die harschen Reaktionen auf die Aussagen von Urs Niggli nicht erklären. Er ist einer der Wegbereiter der ökologischen Landwirtschaft und Direktor des angesehenen Forschungsinstituts für biologischen Landbau (Fibl), doch seit seinem Interview mit der deutschen «Tageszeitung» (taz) gilt er bei vielen als Nestbeschmutzer. Der Grund: Neuste Gentechnik ist für Niggli nicht des Teufels, sondern birgt im Gegenteil Chancen für die Biolandwirtschaft, etwa mit Resistenzen gegen Pilzerkrankungen. «Es wäre unschön, wenn der konventionelle Bauer eine Kartoffelsorte hätte, die ohne Pestizide auskommt – und der Biobauer eine Kartoffelsorte, die er mit Kupfer spritzen muss», sagte der Agronom im Interview. Er schlägt vor, dass für kleinste, risikoarme Genänderungen mit den neuen Methoden weniger strenge Anforderungen gelten sollen als bei herkömmlichen Gentechpflanzen.

Seither brodelt es in der deutschsprachigen Bioszene. In offenen Briefen wurde gefordert, Niggli auf Linie zu bringen. Davon wollte der Fibl-Stiftungsrat zwar nichts wissen. Das Ziel ist dennoch erreicht. Heute will Niggli sich nicht mehr äussern. Es gehe nur noch um Politik, nicht mehr um Wissenschaft, schreibt er auf Anfrage.

Es kommt nicht von ungefähr, dass die Aussagen von Urs Niggli solche Emotionen auslösen. Es geht letztlich um die Frage, mit welchen Methoden künftig neue Apfel-, Rüebli- oder Kartoffelsorten hergestellt werden und wie informiert Konsumenten darüber sein sollen. Konkret betrifft es Crispr/Cas, eine revolutionäre neue Technik, mit der sich einfach und billig Gene präzise verändern lassen. Die Methode hat sich innerhalb von gut vier Jahren rasant in den Labors weltweit verbreitet. 2015 erklärte sie die Fachzeitschrift «Science» zum «Breakthrough of the Year». Dabei hat Crispr/Cas bis jetzt vor allem zu reden gegeben, weil sie gezielte Genänderungen bei menschlichen Embryonen und Keimzellen in greifbare Nähe rückt. Chinesische Forscher haben vor gut einem Jahr erste solche Versuche in einer Fachzeitschrift veröffentlicht und damit grosse Ent­rüstung ausgelöst.

Gentech-Pilze als Züchtung

Für den Bereich der Landwirtschaft sind Anwendungen jedoch bereits heute real. Im April wurde in den USA erstmals ein Organismus, der mit Crispr/Cas verändert wurde, von der Landwirtschaftsbehörde USDA geprüft. Der Befund: Er fällt nicht unter die amerikanische Regulierung für gentechnisch veränderte Organismen (GVO) und kann wie herkömmliche Neuzüchtungen in Umlauf gebracht werden. Beim Organismus handelt es sich um einen Champignon, bei dem Forscher mit einer gezielten Mutation erreichten, dass er sich bei Druckstellen nicht mehr schwarz verfärbt. Kurz darauf erhielt eine mit Crispr/Cas hergestellte Maissorte ebenfalls die Bescheinigung als Nicht-GVO.

Genom-Editing mit Crispr/Cas9. Quelle: McGovern Institute for Brain Research at MIT/Youtube

Die US-Behörde hat schon früher mehrfach molekularbiologisch bearbeite Organismen als Nicht-GVO zugelassen. Gemäss der Fachzeitschrift «Nature» sollen es insgesamt 30 sein. Dabei handelt es sich um ältere und kompliziertere Methoden als Crispr/Cas, die für ihre unaussprechlichen Namen die Abkürzungen ZFN und Talen tragen. Doch auch sie gehören zu den sogenannten Genome-Editing-Techniken, die einzelne Gene gezielt verändern oder ausschalten können, ohne fremdes genetisches Material einzubauen. Das Erbmaterial lässt sich danach nicht von dem einer herkömmlichen Züchtungssorte unterscheiden.

Auch in Deutschland hat das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) vor gut einem Jahr einen ähnlichen Entscheid wie die US-Behörden gefällt. So soll der herbizidresistente Raps der Firma Cibus, der mit einem Genome-Editing-Verfahren hergestellt wurde, nicht als GVO im Sinne des Gesetzes gelten. Forscher hatten dabei die gleiche Erbgutänderung herbeigeführt wie bei der bereits zugelassenen, mit herkömmlichen Methoden gezüchteten Sorte Clearfield-Raps. Unter anderen könnten gemäss BVL kontrollierte Freisetzungsversuche wie bei herkömmlichen Gentechpflanzen weggelassen werden. «Eine neue Regulierung speziell für Organismen, die mit Crispr/Cas genetisch verändert wurden, ist unseres Erachtens nicht erforderlich», sagt Nina Banspach vom BVL.

In der Schweiz ist der Bund daran, den rechtlichen Status von solchen Genome-Editing-Techniken zu prüfen. Gewisse neue Pflanzenzuchtverfahren würden die Abgrenzung zwischen herkömmlicher Züchtung und Gentechnik infrage stellen, lässt der Bundesrat in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage verlautbaren. Bei der Diskussion müsse dabei die Frage nach den Risiken und die Wahlfreiheit der Konsumenten im Mittelpunkt stehen, heisst es weiter. Bei der Überprüfung der rechtlichen Situation dürfte der Champignon-Entscheid in den USA kaum eine Rolle spielen. «Die amerikanische Regulierung ist nicht mit der Schweiz vergleichbar», sagt Anne-Gabrielle Wuest Saucy, Leiterin Sektion Biotechnologie beim Bundesamt für Umwelt (Bafu). Die Entwicklungen in Deutschland und der EU hat man hierzulande jedoch sehr wohl im Blick. Dort sind die GVO-Definitionen im Gesetz praktisch identisch mit der schweizerischen.

In Europa herrscht allerdings ebenfalls noch Unsicherheit. Die EU-Kommission lässt derzeit die gegenwärtige Rechtslage für Crispr/Cas und andere Anwendungen interpretieren – mit Folgen für die künftige Rechtsprechung. Angekündigt war das Rechtsgutachten im Frühjahr 2016, inzwischen wird es für den Herbst erwartet. Bis dahin ist auch der BVL-Entscheid in Deutschland zum Raps sistiert.

Neuzuchten mit Chemikalien

Unumstritten ist, dass eine Pflanze als GVO gilt, wenn mit Crispr/Cas fremde Gene in das Erbgut eingefügt wurden. Doch wenn Forscher die Technik nur dafür benutzen, um gezielte Mutationen auszulösen, ist der Unterschied zu herkömmlichen Züchtungsverfahren tatsächlich fraglich. Denn die Herstellung neuer Sorten geht schon lange über das einfache Kreuzen von verschiedenen Sorten hinaus. Seit vielen Jahrzehnten verwenden Züchter zum Beispiel ionisierende Strahlen und Chemikalien, um bei Pflanzen ungezielte Mutationen zu bewirken. «Viele Sorten, die heute in der Landwirtschaft verwendet werden, wurden auf diese Weise hergestellt», sagt Wilhelm Gruissem vom Institut für Agrarwissenschaften der ETH Zürich. Auch die Auswahl der Pflanzen, welche die gewünschten Mutationen aufweisen, erfolgt häufig nicht mehr traditionell durch Kultivierung. Vielmehr arbeiten Züchter heute mit Genomanalysen, die ihnen schon im Labor anzeigen, ob gewünschte Eigenschaften in Pflanzen ­vorhanden sind, bevor diese weiterverwendet werden.

«Letztlich handelt es sich bei Crispr/Cas um ein chemisches Züchtungsverfahren», sagt Gruissem. Der Unterschied sei einzig, dass Crispr/Cas gezieltere Mutationen als bisher ermögliche. «Das ist ein Vorteil, weil dadurch keine unbeabsichtigten und unkontrollierten Genveränderungen entstehen», sagt der Pflanzenbiologe. Deshalb hätten Neuzüchtungen mit Crispr/Cas weniger Risiken als neue Sorten, die herkömmlich hergestellt wurden. Für Gruissem braucht es keine eigene Zulassung für Crispr/Cas, sondern eine Gleichbehandlung mit herkömmlicher Züchtung nach aktuellem Gesetz. «Es ist völlig widersprüchlich, wenn die neuen Genome-Editing-Techniken restriktiver reguliert werden als moderne Züchtungsmethoden», so Gruissem.

«Es ist widersprüchlich, wenn die Techniken  des Genome-Editing restriktiver reguliert werden als Züchtungen.»Wilhelm Gruissem, ETH Zürich

Für die Biobranche ist eine solche Gleichbehandlung undenkbar. Der Dachverband für ökologische Landwirtschaft, Bio Suisse, forderte eine strikte Regulierung innerhalb des aktuellen Gentechnikgesetzes. «Zentral sind dabei die etablierten Verfahren zur Risikobewertung, die Rückverfolgbarkeit und die Kennzeichnungspflicht», so Mediensprecher Lukas Inderfurth. Er kritisiert die eingeschränkte Sicht, die ausschliesslich die Gene betrachte. Das sei stark simpli­fiziert. «So spielt zum Beispiel der Einfluss der Umwelt auf die Vererbung eine viel stärkere Rolle als bisher gedacht.» Ein Einwand allerdings, der auch für viele der weniger restriktiv regulierten ­Züchtungsmethoden zutrifft.

Der kritisierte Fibl-Präsident Urs ­Niggli bezeichnet die Ängste der Biobranche als weltfremd. Ob es mögliche Risiken gibt, «das weiss man auch bei einer traditionellen Züchtung nicht».

Erstellt: 18.05.2016, 00:11 Uhr

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