Gestaut, kanalisiert, verbaut

Nur rund ein Drittel der grössten Flüsse der Erde können noch weitgehend störungsfrei ihrem ursprünglichen Verlauf folgen. Das hat grosse Auswirkungen auf Mensch und Natur.

«Flüsse sind die ­Lebensadern unseres Planeten», erklärt Geograf Bernhard Lehner. Im Bild: Das Wasserkraftwerk Mühleberg. Foto: Keystone

«Flüsse sind die ­Lebensadern unseres Planeten», erklärt Geograf Bernhard Lehner. Im Bild: Das Wasserkraftwerk Mühleberg. Foto: Keystone

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Die schlechten Nachrichten über den Zustand der Lebensräume auf diesem Planeten reissen nicht ab. Nachdem der Weltbiodiversitätsrat zu Beginn der ­Woche eindringlich gewarnt hat, dass eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht und etliche für immer verschwunden sind, zeigen Forscher nun im Fachmagazin «Nature», wie sehr der Mensch schon in den Wasserkreislauf und damit in die Lebensadern der Erde eingegriffen hat. Begradigt, kanalisiert, gestaut – so muss man sich den Grossteil der Flüsse rund um den Globus vorstellen.

Statt reissender Ströme, ungezähmter Flussläufe und mit­einander verflochtener Seitenarme auf dem Weg zur Mündung sind die Wasserwege zumeist durch Dämme eingeengt, von ­Beton begrenzt und mittels ­Talsperren in ihrer Fliessgeschwindigkeit gebremst. Gerade mal 37 Prozent der 242 grössten Flüsse der Erde können noch als halbwegs unverbaut gelten. 63 Prozent der Flüsse werden hingegen von Sperren, Begradigungen oder anderen Eingriffen an ihrem natürlichen Verlauf gehindert.

Geografen um Bernhard Lehner von der McGill-Universität im kanadischen Montreal zeigen, dass unter den 91 besonders langen Flüssen – das sind jene, die mehr als 1000 Kilometer Länge aufweisen – nur noch 21 eine direkte Verbindung von der Quelle bis zur Mündung haben. Das internationale Forscherteam, zu dem auch Institutionen wie der WWF gehören, ermöglicht mit seiner Analyse erstmals einen ­genauen Überblick über den ­Zustand und die Verbindung des weltweiten Flussnetzes.

Nur in unwirtlichen ­Gegenden ungestört

Demnach können lediglich in schwer zugänglichen Regionen der Arktis sowie des Amazonas- und Kongobeckens lange Flüsse noch weitgehend störungsfrei ihrem ursprünglichen Verlauf folgen. Unter den ganz grossen Strömen gibt es nur wenige unverbaute Flüsse, wie den 2170 Kilometer langen Irrawaddy, der im Südosten des Himalaja entspringt und dann grösstenteils durch Burma fliesst (2011 aber nur knapp von einem Staudammprojekt verschont wurde), sowie den 2980 Kilometer langen Saluen, der einen ähnlichen Verlauf in Südostasien nimmt. Diese Flüsse fliessen durch unwirtliche und dünn besiedelte Regionen, sind kaum über Verkehrswege erreichbar, und es gibt kaum grosse Städte in der Nähe.

«Die Flüsse der Welt bilden ein kompliziertes Netzwerk mit wichtigen Verbindungen zu Land, Grundwasser und Atmosphäre», sagt Günther Grill, der Erstautor der Studie. «Frei fliessende Flüsse sind für Mensch und Umwelt gleichermassen wichtig, aber die wirtschaftliche Entwicklung auf der ganzen Welt macht sie immer seltener. Mithilfe von Satellitenbildern und anderen Daten untersucht unsere Studie das noch vorhandene Ausmass sowie den Rückgang dieser Flüsse detaillierter als je zuvor.» Inzwischen tragen nach Schätzung der Autoren 60'000 Dämme und Talsperren weltweit dazu bei, Flüsse immer weiter zu begrenzen; fast 3700 neue Dämme sind gegenwärtig in Bau oder geplant.

«Frei fliessende Flüsse sind für Mensch und Umwelt gleichermassen wichtig.»Günther Grill, Autor der «Nature»-Studie von der McGill University, Montreal (CA)

Die Wissenschaftler haben für ihre Analyse den Status von mehr als zwölf Millionen Flusskilometern erfasst. Besonders interessierte sie die «Konnektivität» von Flüssen, ein Begriff, der mit «Durchgängigkeit» nicht vollständig umschrieben ist. «Es geht darum, wie Flüsse mit ihrer Umgebung verbunden sind», sagt Lehner. «Flüsse sind die ­Lebensadern unseres Planeten. Neben dem Transport von lebensnotwendigem Wasser stellen die Verbindungen der Flüsse stromauf- und abwärts, zu Flussauen, Seen und Feuchtgebieten den Austausch von Tier- und Pflanzenarten, Nährstoffen und Sedimenten sicher, was für die nachhaltige Funktion des gesamten Ökosystems von zentraler Bedeutung ist.»

Werden diese Verbindungen unterbrochen, wirkt sich das nachteilig auf den Kreislauf des Wassers und den der Lebewesen und Inhaltsstoffe aus. «Dies kann wiederum negative Rückwirkungen auf die natürliche Leistung von Fliessgewässern haben, etwa die Bereitstellung von sauberem Trinkwasser oder Nahrungsmitteln für die Binnenfischerei», sagt Lehner. Die Forscher hoffen, dass mithilfe ihrer Daten besonders schützenswerte Flüsse erhalten und Infrastrukturmassnahmen optimiert werden können, sodass Mensch wie Umwelt davon profitieren.

Mäandrierende Flüsse sind eine Idealisierung

Gesunde Flüsse mit ausreichend frischem Wasser versorgen mit ihren grossen Fischvorräten zig Millionen Menschen mit Nahrung und tragen zudem mit fortwährend Richtung Mündung ­gespülten Sedimenten dazu bei, das Flussdelta auch bei steigendem Wasserstand über dem Meeresspiegel zu halten und so die Folgen extremer Fluten zu mildern. «Die frei fliessenden Flüsse der Welt werden jedoch immer weniger», sagt Geograf Lehner.

Manche Flüsse würden zwar nicht durch Verbauung an ihrem freien Fliessen gehindert, sondern durch intensive Wasserentnahmen, die zum Austrocknen führen. Dadurch werden natürliche Verbindungen zwischen den Wasserwegen ebenfalls unterbrochen. Laut dem Living-Planet-Index sind die Süss­wasserarten seit 1970 bereits um 83 Prozent zurückgegangen – so viel wie in keinem anderen Lebensraum.

Um Flüsse ist es nicht gut bestellt, doch idyllische Vorstellungen vom sich in weiten Bögen schlängelnden Strom entspringen nicht dem Vorbild der Natur. Das Bild von kurvigen Flussläufen, die sich in grossen Mäandern ihrer Mündung entgegenschlängeln, wie sie wohl auf jeder Naturzeichnung eines Kindes zu finden sind, ist selbst eine Idealisierung der Natur und hat wenig mit dem Urzustand der Flüsse zu tun, die einst Europa durchzogen.

Erst Mühlteiche führten zu grösseren Flüssen

2008 zeigten Forscher im Fachblatt «Science», dass bauschige Bögen im Flussverlauf zwar pittoresk aussehen, aber das Ergebnis von Begradigung und Zivilisation sind. Europa war demnach vor 1000 Jahren von einem Netzwerk an Wasserläufen durchzogen. Erst mit dem Bau Tausender Mühlen im Mittelalter und dem Stau des Wassers in Mühlteichen seien aus vielen feinen Verästelungen grössere Flüsse entstanden, die dann einen geschlängelten Verlauf nahmen.

Die Regulierung der Flüsse durch den Menschen ist also ­kein Phänomen der Moderne – in jüngster Zeit zeigen sich die verheerenden Auswirkungen dieser Eingriffe in die Natur allerdings immer deutlicher.

Erstellt: 10.05.2019, 07:57 Uhr

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