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Gletscherforscher eilen angeklagtem Kollegen zu Hilfe

Umweltaktivisten verklagen einen argentinischen Glaziologen. Korrektes wissenschaftliches Verhalten wird ihm zum Verhängnis.

Inzwischen hat sich eine internationale Gemeinde von Gletscherforschern formiert. Im Bild: Der Perito-Moreno-Gletscher in El Calafate, Argentinien. Bild: Keystone
Inzwischen hat sich eine internationale Gemeinde von Gletscherforschern formiert. Im Bild: Der Perito-Moreno-Gletscher in El Calafate, Argentinien. Bild: Keystone

Margit Schwikowski ist empört. Ein argentinischer Kollege der renommierten Schweizer Gletscherforscherin ist angeklagt, Daten im Inventar zu den argentinischen Gletschern zugunsten der Minenbesitzer manipuliert zu haben. «Das ist eine paradoxe Angelegenheit», sagt die Wissenschaftlerin vom Paul-Scherrer-Ins­titut in Villigen. Ricardo Villalba setze sich seit Jahren dafür ein, Gletscher zu schützen, nun werde er ausgerechnet von einer Umweltorganisation verklagt. Schwikowski kennt Villalba von zahlreichen Konferenzen und bearbeitete mit ihm auch gemeinsam ein Projekt. «Das Problem sind nicht die Wissenschaftler, sondern die Minen in den Anden», sagt sie.

Was ist ein Gletscher?

Die argentinische Regierung hatte Villalba und sein Team vom Institut für Schnee, Eis und Umweltforschung in Mendoza beauftragt, die Gletscher zu inventarisieren. Die Glaziologen entschieden sich, für die Untersuchung kostenlose Aufnahmen der US-Satelliten Landsat zu verwenden und dabei nur Gletscher zu berücksichtigen, die grösser als eine Hektare sind. Grundsätzlich gebe es zwar keine Definition, ab welcher Grösse von einem Gletscher die Rede sei, sagt Michael Zemp, Glaziologe an der Universität Zürich. Aber im Fall des Inventars der argentinischen Gletscher sei der Entscheid der Glaziologen wissenschaftlich absolut sinnvoll. Zemp leitet den World Glacier Monitoring Service (WGMS), der seit 1986 – gegründet in der Schweiz – die weltweite Gletscherbeobachtung koordiniert und Gletscherdaten aus 40 Ländern sammelt. Dazu werden die Glaziologen – auch das Team von Mendoza – entsprechend ausgebildet.

Die Landsat-Satelliten haben nur eine Auflösung von 30 Metern. «Das heisst, auf den Bildern wird ein Gletscher mit einer Grösse von einer Hektare mit neun Pixeln abgebildet, das ist zu wenig, um ihn ausmessen zu können», sagt Zemp. Selbst bei besserer Auflösung sei es wegen Schatten, saisonalen Schneeresten und Schutt immer noch schwierig, einen Gletscher klar abzugrenzen. In einem Brief an Ricardo Villalba bestätigte der WGMS bereits im Sommer, dass die Definition einer Minimalgrösse der Gletscher richtig gewesen sei und den internationalen Praktiken entspreche.

Heftige Reaktionen

Doch genau dieses wissenschaftlich offensichtlich korrekte Vorgehen prangern Umweltaktivisten aus der Region San Juan an. Es müssten alle Gletscher, unabhängig der Grösse, kartiert werden. Sie unterstellen Villalba, er habe kleine Gletscher absichtlich nicht inventarisiert, um strengere Vorschriften zum Schutz kleinerer Gletscher zu verhindern. Sie nehmen dabei konkret Bezug auf eine Eisfläche in der Nähe der Goldmine Veladero der kanadischen Firma Barrick Gold, einer der weltweit grössten Goldminen. Wäre diese Fläche im Inventar, hätten drei Unfälle, bei denen giftiges Zyanid ausfloss, verhindert werden können. Ricardo Villalba und seine Kollegen weisen diesen Vorwurf zurück, wie es in einem Bericht in der Fachzeitschrift «Nature» heisst. Im Falle der Goldmine seien das Unternehmen selbst und die Umweltbehörden zuständig.

Inzwischen hat sich eine grosse internationale Gemeinde von Glaziologen formiert, die offiziell gegen das Vorgehen protestieren. «Die Argumentation der Klage gegen ihn ist vermutlich politisch motiviert», sagt Michael Zemp. Auch die Schweizer Akademien der Wissenschaften haben in einem Brief unter anderem an das argentinische Ministerium für Wissenschaften reagiert. Sie machen darauf aufmerksam, dass eine Verurteilung eines Forschers, dessen wissenschaftliche Arbeit breit anerkannt ist, andere Forscher künftig davon abhalten könnte, im Auftrag der Behörden für die Umwelt und die Gesellschaft zu arbeiten.

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