Plötzlich zieht es alle in die Arktis

Fischer, Züchter, Kreuzfahrer und Gasfirmen: Im hohen Norden. herrscht Goldgräberstimmung. Eine Erkundungsfahrt.

Russland freut sich über eine eisfreie Passage: Ein Eisbrecher in der Tschuktschensee zwischen Russland und Kanada.

Russland freut sich über eine eisfreie Passage: Ein Eisbrecher in der Tschuktschensee zwischen Russland und Kanada. Bild: Keystone

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Die Arktis ist weiss. Die Arktis schmilzt. Die Arktis ist unheimlich. Ist sie das, die Arktis in unseren Köpfen? Sie klingen nach, die mit Leidenschaft vorgetragenen Worte am Tisch der Bürgermeisterin von Tromsø, wenige Stunden bevor wir an Bord des Küstenwachschiffs gingen: «Wir leben hier. Wir wollen nicht, dass das ein Museum ist. Wir wollen nicht, dass die Leute nur denken: Sie ist weiss, sie schmilzt, sie ist unheimlich.»

Oder die Worte ihrer Kollegin, oben in Hammerfest, bis vor ein paar Jahren die nördlichste Stadt der Welt: Die Leute im Süden, die hätten ja keine Ahnung, sagte sie, und aus ihren Worten sprachen Stolz und Unruhe zugleich. Was sie hier oben auf die Beine stellen. Wie das hier abgeht. «This is the place to be!», rief sie irgendwann aus. In der Arktis passiert etwas, tatsächlich.

Tromsø, eine Stadt oben am 69. Breitengrad. Hammerfest, noch einmal 200 Kilometer Luftlinie weiter hoch ins Dunkel, ein paar Schritte nur vor dem Ende des Kontinents. Und dazwischen eine Nacht auf dem Polarmeer. Unterwegs von Tromsø nach Hammerfest mit der KV Andenes, 3300 Bruttoregistertonnen schwer, 105 Meter lang. Jetzt, kurz nach Mitternacht, verliert sich der Blick im Ozean. Sie ist schwarz, die Arktis, sie schmilzt, und sie ist von solch unheimlicher Schönheit, dass man dem Vollmond verzeiht, dessen heller Schein dem heute unterlegenen Nordlicht nur ein paar blassgrüne Schlieren gönnt.

Da oben, noch ein paar Stunden weiter im Norden, ist die Tønsnes unterwegs – ein kleiner Fischkutter, knapp 50 Meter lang. Die Tønsnes holt gerade ihre Netze ein, Netze prallvoll mit Kabeljau, vor vier Tagen erst ist sie ausgelaufen, aus Tromsø wie wir, jetzt ist ihr Bauch schon halb voll. Kabeljau für die Leute daheim, Kabeljau für Litauen, Kabeljau für die Fish and Chips der Londoner.

Massentourismus bei Spitzbergen

Die Fische, sie ziehen nach Norden. Und mit ihnen die Fischer. Alles zieht nach Norden. Die Lachszüchter. Die Kreuzfahrer. Die Kupferminen. Die Gasfirmen. Die Öltanker. In der Offiziersmesse der KV Andenes steht Birger Ingebrigtsen, Chief of Operations bei der norwegischen Küstenwache. «Das Eis im arktischen Meer verschwindet», sagt er. Sie verfolgen das schon seit Jahren: das Vordringen der Fische, der Kutter, der Touristen. «Wir haben jetzt Garnelenfischer nördlich des 83. Breitengrades. Und im Sommer Kreuzfahrtreisen mit 7000 Passagieren in Spitzbergen.»

Aus Ingebrigtsens Worten spricht Sorge. Früher waren sie nur für Rettungsmissionen bis zum 83. Breitengrad zuständig, jetzt sollen sie den Ozean überwachen bis hoch zum Nordpol. Mit nur 13 Schiffen. «Das bereitet uns gewaltige Probleme.»

Keine Region der Erde trifft der Klimawandel so schnell und so stark wie die Arktis. Das Meereseis reflektiert das Sonnenlicht und wirft es zurück in die Atmosphäre. Schmilzt das Eis, wird mehr Sonnenlicht vom Meer absorbiert, das Wasser erwärmt sich schneller, was wiederum dazu führt, dass noch mehr Eis noch schneller schmilzt. Die Temperaturen steigen in der Arktis doppelt bis dreifach so schnell wie im Rest der Welt.

Rekordpreise für Kabeljau

Ein paar Stunden später auf der Tønsnes. Dag Martin Tverborgvik, der diensthabende Inspektor, schlüpft in den Schutzanzug, der ihn fünf, sechs Stunden lang am Leben halten kann, sollte er – Berufsrisiko – einmal ins arktische Meer fallen. Wenn die See zu rau ist, dann nehmen sie den Helikopter, seilen sich ab auf die anderen Schiffe. Heute aber klettern er und seine Kollegen ins Speedboot, mit 30 bis 40 Knoten springt es über die schwarzen Wellen. Der Kutter dreht bei, die Mannschaft lässt eine Strickleiter die Bordwand herab. Tverborgvik und die anderen springen vom schwankenden Speedboot auf die Leiter, ziehen sich hoch.

Die norwegische Küstenwache beim Training. Sie ist für ein ständig wachsendes Gebiet zuständig. Foto: Jens Christian Boysen.

Nach der Begrüssung prüft Tverborgvik zuerst die Netze. Dann eilt der Inspektor in den Schlachtraum, wo der nächtliche Fang über Fliessbänder auf vier Männer zurollt. Schweigend köpfen sie die Fische, nehmen sie aus, dazu der Lärm der Maschinen. Melden die Fischer Art und Menge ihres Fangs korrekt? Verstecken sie Fische? Fischen sie in verbotenen Gewässern? All das prüfen in Norwegen die Inspektoren der Küstenwache. Gesetzeshüter sollen sie sein, Umweltschützer. Und Retter, wenn Schiffe in Seenot geraten.

Auf der Tønsnes serviert der Kapitän Kurt Bendiksen Kaffee. Er hat in seinen 30 Jahren als Fischer schon viel gesehen, so gut wie heute ging es der Fischerei in diesen Gewässern selten. Die Fischer unten im Schlachtraum, sie verdienen bis zu 100'000 Euro im Jahr. «So gute Preise für den Kabeljau hatten wir meiner Lebtage noch nie», sagt Bendiksen. «Früher sind wir nie mit dem ­Kabeljau hoch nach Spitzbergen. Jetzt fischen sie dort oben sogar Garnelen.»

Es lockt das grosse Geld

Das Wasser wird wärmer, dem Kabeljau gefällt das. Der Polardorsch aber zieht sich zurück, mit dem Eis verschwinden seine Laichplätze. Wale und Robben konkurrieren mit den Zuwanderern aus dem Süden ums Futter. Die Fettschicht der Robben werde dünner, sagt Tore Haug, Wissenschaftler vom Meeresforschungsinstitut in Tromsø. Gleichzeitig versauern die steigenden CO2-Konzentrationen die Gewässer. «Viele Arten im Ozean bilden Schalen oder Panzer. Werden sie das noch können im sauren Wasser?»

Eine der letzten unberührten Regionen der Welt wird von Tag zu Tag weniger unberührbar. Neue Abenteuer locken. Plötzlich tauchen zwischen den kleiner werdenden Eisschollen Familien auf Segelbooten auf. Surfer kommen zum Arktissurfen. «Zwischen all dem schmelzenden Eis ist eine Menge Geld zu verdienen», sagte der Moderator auf der diesjährigen «Arctic Frontiers»-Konferenz in Tromsø. Die Konferenz bringt jedes Jahr Arktis-Experten am 69. Breitengrad zusammen. Aber auch Big Oil, Big Gas, Tourunternehmer, Grossfischer, Aquafarmer: glänzende Augen allerorten. Russland freut sich über eine bald für die kommerzielle Schifffahrt eisfreie Nordostpassage, auf der die Container von Asien nach Europa schneller reisen. Grönland investiert in den Abbau von Mineralien, die die tauende Erde freigibt: Platin, Gold, Silber, Nickel, Palladium, Diamanten.

Tromsø, das sich seit neuestem gerne «Hauptstadt der Arktis» nennt, jubelt über das zweitstärkste Wachstum aller norwegischen Städte. «Unsere Wirtschaft hebt ab», sagt Tromsøs Bürgermeisterin Kristin Røymo bei einem Mittagessen. Und mit der Wirtschaft wächst auch die Bevölkerung.

Ölförderung im Land der erneuerbaren Energien

Auch in die südlicher gelegene Stadt Hammerfest kehren viele junge Leute wieder zurück. «Sie glauben plötzlich wieder an die Zukunft», sagt Marianne Sivertsen Næss, die stellvertretende Bürgermeisterin. Das liege an Schneewittchen – Snøhvit auf Norwegisch.

Snøhvit ist ein Gasfeld, weit draussen unter der Barentssee, 1984 entdeckt, seit 2008 angezapft über eine 143 Kilometer lange Pipeline hierher nach Hammerfest. Ein Märchen, tatsächlich: Seitdem regnet es Geld. Der Konzern Equinor zahlt dem Städtchen jedes Jahr allein 200 Millionen Kronen an Besitzsteuern.

22 Prozent aller unentdeckten Öl- und Gasreserven der Welt werden in der Arktis vermutet, fast alles davon unter dem Seeboden. Das Rennen darauf hat begonnen, Russland sprintet vorneweg. Während Norwegen seinen eigenen Energiebedarf zu 98 Prozent aus regenerativen Quellen bezieht, hat die Regierung in Oslo gleichzeitig grünes Licht gegeben für die Ausbeutung neuer arktischer Öl- und Gasfelder, so hoch im Norden wie nie zuvor.

Widersprüchliches Verhalten

Ein ökologischer Sündenfall, sagen Kritiker. Die Leute in Hammerfest sehen das anders. Sie entsetzen sich über Brüssel, wo das EU-Parlament vor zwei Jahren über einen mehr symbolischen Antrag abstimmte, alle Öl- und Gasbohrungen nördlich des 62. Breitengrades zu unterbinden, dem Schutz der Arktis und des Klimas zuliebe. Wollen sie uns als Nächstes das Atmen verbieten?, fragen Lokalpolitiker. Der Antrag in Brüssel fiel durch, aber wenn man die Antragsteller richtig verstand, lag ihnen eher daran, künftigen Generationen das Atmen weiterhin zu ermöglichen.

Sogar Fahrzeuge sollen smart werden: Eine finnische Firma hat elektrische Schneemobile entwickelt. Foto: Keystone

Die diesjährige Arktiskonferenz in Tromsø hatte sich als Motto «Smart Arctic» gewählt. Wenn man den paar Klimaforschern lauschte, die dort referierten, konnte man nicht nur Verzweiflung beobachten, sondern auch die Verblüffung darüber, dass die Welt die Zeichen nicht sehen möchte. Doch ganz ohne Effekt bleiben sie nicht, die Berichte wie jener, der vor kurzem die Klimaerwärmung auf Spitzbergen beschrieb: Regen statt Schnee im arktischen Dezember, tauende Böden, der Januar erneut 4,7 Grad wärmer als normal – der 98. solche Monat in Folge. In Tromsø werden die Menschen wegen des Klimawandels künftig ihre neuen Häuser weiter weg von der Küste bauen. Sie wollen die Stadt möglichst autofrei machen. Tromsø gehört zu den Orten, die kein Öl und kein Gas wollen.

Was in der Arktis geschieht, bleibt nicht in der Arktis. «Hier geschieht so vieles, von dem wir noch nicht die Konsequenzen absehen können. Aber alles hängt mit allem zusammen», sagt der Forscher Tore Haug.

Und auf der Konferenz in Tromsø rief Norwegens Aussenministerin Ine Eriksen Søreide den Leuten draussen zu, sie sollten auf die Arktis schauen: «Wir haben es hier zuerst gesehen. Und bald trifft es euch.»

Erstellt: 25.02.2019, 20:26 Uhr

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