Die Chancen auf einen Hitzesommer

Die Temperaturen der letzten Tage erinnern an die heissen Sommer 2003 und 2015. Was braucht es bis zum Rekord?

Der Sommer hat gestern astronomisch gesehen offiziell begonnen. Dabei schwitzen wir schon länger. Die Wetterdienste warnen vor extremen Temperaturen. Die 30-Grad-Marke wird seit Tagen überschritten. Dennoch relativieren die Meteorologen nüchtern. «Ein paar heisse Tage machen noch keine Hitzewelle», sagt Stephan Bader, Klimatologe von Meteo Schweiz. Er will noch abwarten. Zumindest, da ist er sich fast sicher, wird der diesjährige Juni als zweitwärms­ter seit Messbeginn 1864 in die Annalen eingehen. Die Experten gehen von mindestens fünf weiteren Hitzetagen bis Monatsende aus.

Infografik: Juni-Temperaturen in der Schweiz Grafik vergrössern

Damit ist der Juni aber weit entfernt vom Jahrhundertsommer 2003. Da wurden in Basel 14 Hitzetage registriert, am Flughafen Zürich 13 und in Locarno-Monti gar 19. Von Hitzetag wird gesprochen, wenn das Tagesmaximum auf 30 und mehr Grad Celsius steigt. In den Monaten Juni, Juli und August war es 5 Grad wärmer als im langjährigen Durchschnitt. Die bisherigen Extremtemperaturen für diese Jahreszeit wurden damals um 2 Grad übertroffen.

Infografik: Niederschläge in der Schweiz Grafik vergrössern

Von dieser Entwicklung ist die Schweiz allerdings noch weit entfernt. Dem Sommer 2003 gingen ein trockener Februar und Frühling voraus. Im ersten Halbjahr betrug der landesweite Niederschlag nur 66 Prozent der langjährigen Norm von 1981 bis 2010. «Beim Niederschlag sieht es in diesem Jahr nicht so dramatisch aus, der Wert liegt bei gut 84 Prozent», sagt Stephan Bader.

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Damit ist das Risiko bedeutend kleiner, dass sich der Sommer zu einer mehrwöchigen Hitzeperiode entwickeln könnte. Der Grund: Es gibt einen statistischen Zusammenhang zwischen den Niederschlägen in Winter und Frühling sowie dem Klima im Sommer. Das zeigen Arbeiten von Meteo Schweiz zusammen mit Klimawissenschaftlern der Universität Bern.

«Abgetrocknete Böden sind notwendig für extreme Hitzewellen.»Erich Fischer, ETH Zürich

Mit dem Niederschlag steigt die Feuchtigkeit im Boden. Ist der Boden in den ersten Monaten trocken, so nimmt die Wahrscheinlichkeit eines heissen Sommers zu. Denn in dürren Böden und bei ausgetrockneten Pflanzen wird keine Wärmeenergie verbraucht für die Verdunstung des Bodenwassers und die Transpiration der Pflanzen. Im Jahrhundertsommer war dies der Fall.

Auch Klimamodelle der ETH Zürich für Europa zeigen, dass die Trockenheit der Böden ein entscheidender Faktor für das Ausmass von Hitzewellen ist. «Abgetrocknete Böden sind notwendig, aber nicht hinreichend für extreme Hitzewellen», sagt Erich Fischer vom ETH-Institut für Atmosphären- und Klimawissenschaften. Das heisst: Es braucht stets ein länger anhaltendes, zähes Hochdruck­gebiet. Fast permanent prägten Hochs im Sommer 2003 Mitteleuropa von Mai bis Oktober. Die ausgleichende atlantische Strömung wurde dabei nach Norden umgelenkt.

Zahl der Hitzetage nimmt zu

«Zentraleuropa inklusive der Schweiz gehört zu den Regionen weltweit, in denen sich die Hitzetage über die letzten Jahrzehnte am stärksten intensiviert haben», sagt ETH-Klimaforscher Erich Fischer. In der Schweiz nimmt laut Meteo Schweiz die Zahl extrem hoher Tagestemperaturen seit 1961 bei allen Messstationen zu. Zu den Rekordsommern gehören bisher die Jahre 2003 und 2015.

Auch in diesem Jahr ist laut Stephan Bader von Meteo Schweiz eine Hitzewelle nicht ausgeschlossen. Das zeige der Sommer 2015. Er geht bisher als zweitwärmster in die Messgeschichte ein – obwohl die Niederschläge im ersten Halbjahr in der Norm lagen. Auch in diesem Fall war ein anhaltendes Hoch verantwortlich. «Böden können sich im Verlauf einer Hitzewelle abtrocknen und einen Effekt auf die Temperatur haben», sagt Erich Fischer. Noch sind die Böden aber feucht genug.

Erstellt: 21.06.2017, 20:21 Uhr

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