Hitzestress setzt Delfinen zu

In Westaustralien brachten Delfine nach einer Hitzewelle deutlich weniger Junge zur Welt. Auch die Überlebensrate sank.

Delfine schwimmen in der Shark Bay. Video: Sonja Wild / Dolphin Innovation Project

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Um Beute aufzuspüren, senden Delfine mit ihrem Vorderkopf hochfrequente Schallimpulse. Immer wieder schicken sie Klicklaute los. Werden diese dann etwa von der Schwimmblase eines Fischs reflektiert, machen sich die marinen Jäger die Information sofort zunutze. «Selbst bei schlechter Sicht können Delfine mithilfe der Echo-Ortung noch erfolgreich Nahrung finden», sagt Michael Krützen von der Universität Zürich, der seit mehr als zwei Jahrzehnten das Verhalten und die Genetik der smarten Meeressäuger in der Shark Bay vor der westaustra­lischen Küste erforscht.

Doch nun macht sich der Wissenschaftler Sorgen um die dort lebende, bisher noch recht grosse Population der sogenannten Indopazifischen Grossen Tümmler. Denn seine Mitarbeiterin Sonja Wild hat im Rahmen ihrer Dissertation nachgewiesen, dass in den vergangenen Jahren die Überlebensrate der Tiere sowie auch die Anzahl der Kälber deutlich abgenommen hat. Dies berichtet das Zürcher Forscherteam zusammen mit Kollegen aus Australien, England und den USA in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift «Current Biology».

Aufgrund einer marinen Hitzewelle im australischen Sommer Ende 2010 und Anfang 2011 finden die Delfine dort bis ­heute weniger Nahrung im Vergleich zu früher. «Wir haben erstmals zeigen können, dass ein solches Extremereignis auch Jahre später noch negative Konsequenzen für marine Säugetiere hat», sagt Krützen. Bedenklich sei, dass durch den Klimawandel mit solchen verheerenden Anomalien in Zukunft noch häufiger zu rechnen sei.

Massenhaftes Fischsterben

Doch was war passiert? Durch das Wetterphänomen La Niña erwärmte sich damals das Wasser in der Shark Bay so stark, dass es während mehr als zwei Monaten zwei bis vier Grad Celsius über der sonst zu dieser Zeit üblichen Durchschnittstemperatur lag. Dies führte dazu, dass in der Meeresbucht mehr als ein Drittel der Seegraswiesen beschädigt war. Die grünen Pflanzenteppiche sind äusserst wichtig für das ganze Ökosystem, weil dort unter anderem auch viele Fische heranwachsen und ihr Futter finden.

«Ein solcher katastrophaler Habitatverlust hat Folgen für die kleinsten Lebewesen bis hin zu den Top-Prädatoren, die ganz oben in der Nahrungskette sind», erklärt Krützen. Die Beschädigung der Seegraswiesen führte zum Massensterben von unzähligen Wirbellosen und Fischschwärmen. Das Wasser war ­damals so warm, dass es auf einmal eine trübe Färbung hatte.

1991 wurde die legendäre Shark Bay aufgrund ihrer natürlichen Schönheit, biologischen Vielfalt und faszinierenden Ökologie sowie auch wegen ihrer mehr als 3,5 Milliarden Jahre alten, durch Lebewesen entstandenen Ablagerungsgesteine zum Unesco-Weltnaturerbe. Neben Delfinen schwimmen dort unter anderem auch Seekühe herum. Der enorme Artenreichtum geht vor allem auf die dort typischen Seegraswiesen zurück, die sich nach der Hitzewelle vor acht Jahren bis jetzt nicht mehr richtig regenerieren konnten.

Delfin­experten aus Zürich beobachten die Population vier Monate im Jahr. Foto: Simon Allen/Dolphin Innovation Project

Von 2007 bis 2017 untersuchte die Gruppe um Krützen insgesamt mehr als 1000 Delfine in einem 1500 Quadratkilometer grossen Gebiet der Bucht und dokumentierte sie alle. «Wir ­können die einzelnen Indivi­duen anhand ihrer Finne und ihrer ­Körperkolorierung an der Seite unterscheiden, da beides wie ein individueller Fingerabdruck ist», sagt der Zürcher Forscher. Zusätzlich hätten sie von vielen Tieren auch die genetischen Daten, sodass sie genau wüssten, wer mit wem verwandt sei.

Weil die Delfine in der Shark Bay ortstreu sind, scheint der Mangel an Fischen vor allem schwächeren Tieren wie etwa den trächtigen oder laktierenden Weibchen sowie deren Nachwuchs geschadet zu haben. So stellten die Forschenden fest, dass nach der Hitzewelle die Überlebensrate je nach untersuchter Delfingruppe um entweder sechs oder zwölf Prozent ­gesunken war. Zudem war generell auch die Reproduktionsrate von Weibchen nach der Hitzewelle wesentlich kleiner.

Futtersuche in der Tiefe

Das Besondere an der Shark Bay ist, dass es dort zwei Typen von Grossen Tümmlern gibt: Die einen benutzen einen Meeresschwamm als Werkzeug für die Jagd, die anderen nicht. Wer zu den Schwammträgern gehört, kommt im Vergleich zu seinen Artgenossen besser mit der veränderten Situation klar. Denn ihre Jagdgründe sind die bis zu zwölf Meter tieferen Gebiete ohne die grünen Seegraswiesen.

Mit einem Meeresschwamm als Schutz vor der Schnauze pflügen sie den Meeresboden durch. Auf diese Weise können sie sich nicht an Steinen und Muscheln verletzen. Wird ein im Sand versteckter Plattfisch oder etwa eine Muräne dadurch aufgeschreckt, wirft der Delfin den Schwamm weg und schnappt sich die Beute. Rund 150 von mehr als 3000 Delfinen in der Shark Bay verwenden diese clevere Jagdtechnik. «Sie haben Glück, dass ihre Hauptnahrungsquelle nicht durch die Hitzewelle betroffen war», sagt Krützen.

Jedes Jahr während vier Monaten beobachten die Delfin­experten aus Zürich zusammen mit Kollegen aus dem Ausland täglich zwischen drei und zehn Gruppen. «Wir schauen, was sie machen, wer mit wem unterwegs ist und ob die Weibchen Kälber haben», erklärt der Forscher. Sie würden fast jeden kennen und hätten von ihnen auch Fotos in der umfangreichen Datenbank.

Aus der Luft erforschen

Um eine DNA-Probe vom Tier zu erhalten, wird von einem anderen Boot aus mit einem Biopsiegewehr ein Pfeil direkt ins Fettgewebe unter seiner Rückenflosse geschossen. Danach fällt der Pfeil heraus und schwimmt im Wasser, sodass das genetische Material eingesammelt und später im Labor analysiert werden kann.

«Neu beobachten wir die Delfine auch mit Drohnen», sagt Michael Krützen. Dadurch lassen sich ihre schnellen Interaktionen in der Gruppe noch besser verfolgen. Selbst gehen die Forschenden nie ins Wasser. «Schliesslich heisst die Bucht Shark Bay», fügt er hinzu. Und die circa vier Meter langen Hammer- und Tigerhaie kämen regelmässig zu ­ihnen ans Boot. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 01.04.2019, 17:36 Uhr

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