«Ist eine schöne Blume mehr wert als ein Gras?»

Die Schweiz habe beim Naturschutz ein Defizit, sagt der Botaniker Niklaus Zimmermann. Es bräuchte mehr Flächen, die komplett von Nutzung ausgenommen seien.

Derborence im Kanton Wallis: Besterhaltene Urwaldlandschaft der Schweiz. Foto: Philippe Saire (Agentur)

Derborence im Kanton Wallis: Besterhaltene Urwaldlandschaft der Schweiz. Foto: Philippe Saire (Agentur)

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Wo verbringen Sie am liebsten Ihre Freizeit?
Ich bin sehr gerne in den Bergen und in Wäldern.

Und wie muss ein solcher Wald aussehen, damit er Ihnen gefällt?
Ich habe Freude an der Artenvielfalt in einem Wald. Einer meiner Professoren sagte einmal, dass er am liebsten im ganzen Mittelland nur Buchenwälder sehen würde, nur diese würden den natürlichen Zustand der Schweiz widerspiegeln. Selbst Magerwiesen haben ihm nicht viel bedeutet, weil diese im Mittelland auch auf menschliche Nutzung zurückgehen. So weit würde ich nicht gehen, aber ich sehe auch gerne Flächen, die naturbelassen sind.

Gibt es das noch in der Schweiz?
Der Wald in der Derborence im Wallis wird als der am besten erhaltene Urwald der Schweiz angesehen. Er wurde schon vor rund 300 Jahren von einem Bergsturz von der Nutzung abgeschnitten. Eine Schutzfläche entwickelt ihre Natürlichkeit erst mit einiger Zeit, wenn natürliche Gleichgewichte wieder entstehen. Und sie sollten eine minimale Grösse aufweisen.

«Die Monetarisierung der Artenvielfalt kann einen Hinweis geben, aber das reicht sicher nicht aus. »

So wie der Nationalpark?
Der Nationalpark ist aus botanischer Sicht nicht das beste Beispiel. Wenn im Herbst die Jagd beginnt, nimmt die Dichte von Hirschen im Park sehr stark zu, weil man sie dort nicht jagen darf. Das führt zu unnatürlich hohen Populationsdichten. Durch den starken Frass wird die Regeneration der Vegetation beeinträchtigt. Das Ökosystem ist dort daher nicht wirklich im Gleichgewicht.

Man müsste die Hirsche auch im Nationalpark bejagen dürfen?
Ja, oder es müsste Bären und Wölfe haben als natürliche Feinde.

Sie haben am neuen Weltbiodiversitätsbericht mitgearbeitet, der dieses Wochenende herauskommt und der den Zustand der weltweiten Artenvielfalt beschreibt.
Ich habe das Kapitel über die treibenden Kräfte von Biodiversitätsveränderungen in der Region Europa-Zentralasien verfasst. Jetzt erscheint der vollständige Bericht für die einzelnen Regionen, der auch eine Zusammenfassung für die Entscheidungsträger enthalten wird.

Wie hat sich die Biodiversität denn entwickelt? Man spricht von einem sechsten Massensterben.
Es ist kein Massensterben in dem Sinn, dass wir jedes Jahr Tausende von Arten verlieren. Wenn man durch den Wald läuft, merkt man das noch nicht direkt. Aber bezogen auf evolutionäre Zeiträume, die Millionen Jahre umfassen, erkennen wir, dass die Biodiversität derzeit sehr rasch abnimmt. Wir wissen heute, mit welchen Raten die Artenvielfalt von Vögeln, Säugetieren oder bei Insekten entstanden ist. Dabei sind immer auch Arten wieder ausgestorben. Wenn man diese Raten vergleicht, kann man schon von einem Massensterben sprechen, auch wenn man dies nicht von heute auf morgen bemerkt.

Wie ist der Zustand in der Schweiz?
Eindrücklich sind die Roten Listen mit den gefährdeten Arten, die besonderen Schutz verdienen. Vor kurzem wurde eine neue Liste veröffentlicht. Je stärker die Arten in früheren Listen als gefährdet klassiert waren, desto seltener wurden sie wieder gefunden. Das zeigt, dass ein Rückgang feststellbar ist.

Sie haben im Weltzustandsbericht die treibenden Kräfte beschrieben. Wer ist schuld am Artenverlust?
Direkt wirkende Treiber sind die fortschreitende Landnutzung, dann auch der Klimawandel, invasive Arten, die Nutzung von natürlichen Ressourcen und Verschmutzungen.

Was sind die wichtigsten Faktoren?
Wie beeinflusst die Landnutzung die Artenvielfalt?
Dies betrifft vor allem die Land- und die Waldwirtschaft und insbesondere auch den Siedlungsbau. Dabei spielt nicht nur der Landverbrauch, sondern auch die Intensität der Nutzung eine Rolle. Wenn eine Wiese zu früh oder zu oft gemäht wird, verschwinden einzelne Pflanzenarten, falls deren Samen nur langsam reifen. Deshalb gibt es ja auch Vorschriften darüber, wann die Landwirte frühestens mähen dürfen, um Ausgleichszahlungen zu erhalten.

Ist der Einfluss des Menschen immer negativ? In den Städten hat die Vielfalt zum Beispiel zugenommen.
Für einzelne Arten können die Eingriffe natürlich auch positiv sein. Aber häufig wird die natürliche Biodiversität zurückgedrängt. Es stimmt, in einer Stadt hat es auch viel Biodiversität, mehr sogar als im Umland. Aber das sind eher Ansammlungen von Arten, die nicht die gleichen ökologischen Leistungen erbringen können wie ein natürlich gewachsenes System. Sie tragen kaum zur Bodenbildung bei, reinigen kein Trinkwasser und so weiter. Das ist vielleicht ein Punkt, in dem die Frage der Biodiversität falsch kommuniziert worden ist.

Inwiefern hat die Wissenschaft hier ein Problem?
Als die Biodiversität vor ein paar Jahrzehnten erstmals so richtig ins öffentliche Bewusstsein drang, hat man möglicherweise zu stark auf die Vielfalt einzelner Arten fokussiert. Die blosse Anzahl von Arten galt lange als einfach zu kommunizierendes Merkmal für eine gesunde Biodiversität. Dabei ist die Artenzahl nicht das alles entscheidende Merkmal. Wichtiger ist, welche Arten in ihrem natürlichen Zusammenspiel zum Funktionieren eines gesamten Öko­systems beitragen, sodass dieses seine Leistungen erbringen kann.

«Die Artenzahl ist nicht das alles entscheidende Merkmal.»

Der neue Biodiversitätsbericht versucht, die Leistungen, welche eine gesunde Artenvielfalt den Menschen bringt, in Geldwerten umzurechnen. Ist ein solches Preisschild der richtige Weg im Biodiversitätsschutz?
Das ist ein kontroverser Punkt. Es gibt keine Einigkeit, wie man den Wert einer Art berechnen soll. Ist eine schöne Blume mehr wert als ein unscheinbares Gras, das aber für das Funktionieren des Ökosystems wichtig ist? Und wie geht man mit Arten um, die vielleicht erst richtig wertvoll werden, wenn der Klimawandel einsetzt? Einerseits ermöglicht ein monetärer Wert einen Vergleich. Andererseits ist es gar nicht möglich, alle Elemente in die Bewertung einzubringen.

Immerhin stehen im neuen Bericht nicht mehr nur einzelne Arten im Fokus, sondern der Wert ganzer Habitate?
Das ist ein Fortschritt, das stimmt. Trotzdem bin ich nicht sicher, ob man sämtliche Leistungen eines Habitats monetär bewerten kann. Der Schutz der Artenvielfalt ist letztlich ein politischer und gesellschaftlicher Entscheid. Die Monetarisierung der Artenvielfalt kann einen Hinweis geben, aber das reicht sicher nicht aus. Wenn man das nur nach diesen Aspekten macht, geht die ganze emotionale Seite verloren.

«In einer Stadt hat es auch viel Biodiversität, mehr sogar als im Umland. Aber eher bloss eine Ansammlung von Arten.»

Macht die Schweiz genug für den Schutz der Artenvielfalt?
Wir sind wahrscheinlich irgendwo im Mittelfeld, nicht ganz schlecht, aber auch nicht ideal. Es wird viel gemacht. Aber die Strategie, den Artenschutz auf der gesamten Fläche anzustreben, indem wir eine intensive Nutzung durch eine sanfte, vordergründig nachhaltige Nutzung ersetzen, hat auch Nachteile. Heute merken wir nämlich, dass die sanfte Nutzung eben auch eine Nutzung ist und so ebenfalls teils negative Einflüsse auf die Artenvielfalt hat.

Was wäre nötig?
Wir bräuchten mehr Flächen, die einen kompletten Schutz erhalten. Da ist in den letzten Jahren in anderen Ländern sehr viel mehr passiert. Ausser dem Nationalpark, in dem ein Komplettschutz zumindest angestrebt wird, haben wir nur wenige, sehr fragmentierte, kleine regionale Schutzgebiete. Aber diese sind nicht sehr effektiv oder noch nicht, weil sie erst seit kurzem geschützt sind.

Erstellt: 23.03.2018, 06:40 Uhr

Niklaus Zimmermann


Der Botaniker (54) ist am Forschungsinstitut für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) tätig und zugleich Mitglied der WSL-Direktion.

Biodiversitätsbericht

Botschaft an die Regierungen

Die Klimaberichte des Weltklimarates sorgen regelmässig für Aufregung. Nun zieht der vor sechs Jahren gegründete Weltbiodiversitätsrat (IPBES) nach. Im Rahmen seiner sechsten Plenarsitzung vom 17. bis zum 24. März in der kolumbianischen Stadt Medellin veröffentlicht er voraussichtlich heute Freitag erstmals den Zustandsbericht über den Stand der weltweiten Artenvielfalt. Wie der Weltklimabericht enthält er auch Zusammenfassungen mit politischen Handlungsempfehlungen, die von den Regierungen der Mitgliedsländer abgesegnet werden müssen und an denen bis zuletzt Satz für Satz gefeilt wird.

Im wissenschaftlichen Teil haben über 550 Experten aus der ganzen Welt die Erkenntnisse über den Biodiversitätsverlust zusammengetragen. Der Report ist in vier Teilberichte über die Weltregionen Europa/Zentralasien, Asien, Amerika und Afrika gegliedert. Neu sind darin nicht so sehr die Erkenntnisse, dass die Natur unter Druck steht, sondern die Auswirkungen, welche der Artenrückgang auf die Menschheit hat. Auch enthält der Bericht Studien zu den sozioökonomischen Folgen des Artenverlustes und möglicher Gegenmassnahmen. «Der Bericht ist nicht bindend, spricht aber Empfehlungen aus», sagt Niklaus Zimmermann, der als koordinierender Leitautor das Kapitel über die Ursachen des Biodiversitätsverlusts in der Region Europa/Zentralasien verantwortet. «Er wird auch politisch heikle Punkte ansprechen.»

Die Schweiz ist als eines von 129 Mitgliedsländern im Rat vertreten und nimmt auch mit einer Delegation an den Beratungen in Kolumbien teil, darunter der Biologe Markus Fischer von der Universität Bern, selber Leitautor und Vorsteher des gesamten Teilberichts der Region Europa/Zentralasien.

Den grössten Einfluss hatten in der Vergangenheit die zunehmende Landnutzung und die Verschmutzung, zum Beispiel durch Pestizide. In Gewässern auch die Fischerei. Der Klimawandel hat in Mitteleuropa bisher noch keinen massiven Einfluss, aber das ändert sich nun. An den Vegetationsgrenzen wie zum Beispiel an der oberen Waldgrenze oder auf Berggipfeln sind bereits starke Veränderungen im Gange. (mma)

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