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Im Gehölz liegt die Zukunft

Im polnischen Bezirk Schlesien wird viel für den Wald getan. So wird ein Teil der Kohle-Emissionen kompensiert.

Es ist grau, kalt, und es regnet. Boleslaw Bobrzyk ist dennoch in aufgeräumter Stimmung. «Es ist ein guter Tag.» Es ist der Regen, der ihn aufheitert. Der Sommer war trocken, im vergangenen Winter fiel praktisch kein Schnee. Erwartet hatte er bis zu einem halben Meter, das ist normal. «Der Grundwasserspiegel liegt nun zwei Meter tiefer als sonst», sagt der Forstingenieur vom Forstamt des Katowice-Wald­distrikts. «Vielleicht ist es der Klimawandel», schmunzelt er in Anlehnung an die Klimakonferenz, die seit bald zwei Wochen in Katowice stattfindet.

In jedem Satz, den er während der Fahrt zum stadtnahen Wald spricht, ist Stolz zu spüren. Gut 40 Prozent des Stadtgebietes von Katowice sind mit Wald bedeckt. Er wird den mitgereisten Journalisten einen intakten Wald präsentieren. Trotz den schwierigen Umweltbedingungen. Katowice ist die Hauptstadt des polnischen Verwaltungsbezirks Schlesien. Hier leben rund 300'000 Menschen, und die industrielle Agglomeration um Katowice ist die grösste in Polen. Sie ist reich an Kohle- und Erzlagern. Nicht weit weg vom Stadtzentrum steht ein Steinkohle-Kraftwerk, das für die Stadt Wärme und Strom liefert. Es gehört dem Energieproduzenten Tauron, der zur Gruppe der grossen Energieunternehmen gehört, die an der Klimakonferenz als Sponsor auftreten.

Viel Waldfläche verloren

Die Fahrt mit dem Bus dauert keine 20 Minuten, schon ist die Stadtgrenze erreicht, und die Strasse mündet ins grösste Waldgebiet des Distrikts, der insgesamt 14 Städte und Gemeinden umfasst und eine Fläche von rund 140 Quadratkilometern abdeckt – ein Flecken in der gesamten Waldfläche Polens, die mit rund 73000 Quadratkilometern fast zweimal so gross wie die Schweiz ist.

Ziel ist der 20 Meter hohe Beobachtungsturm im Naturreservat Murckowski. Er ragt weit über die Wipfel der Bäume hinaus. Von dort oben hat man den Überblick, ob es irgendwo brennt. «Im Oktober gibt es besonders viele Waldbrände», sagt der Reservatsmanager Grzegoroz Skuraczah. In Sachen Feuer belege diese Gegend einen Spitzenplatz in Europa. Deshalb wurde ein effektiver Feuerschutz aufgebaut, mit einem Netz an Beobachtungstürmen und einer regelmässigen Luftüberwachung.

Laub- weichen den Nadelbäumen

Die Wälder sind hier besonders unter Stress, vor allem durch den Menschen. Würde man die Waldfläche verteilen, erhielte jeder Bewohner etwa zehn Quadratmeter Wald. Das ist 20-mal weniger als der nationale Durchschnitt. Die Belastung durch Massentourismus und Erholungssuchende aus der Agglomeration ist gewachsen. Die Lokalregierung hat deshalb mehr als 90 Prozent des Distriktwaldes unter Schutz gestellt.

Die Forstleute sind aber auch aus einem anderen Grund nach Murckowski gefahren. Im Naturreservat steht noch ein natürlicher Wald mit alten Buchen und Eichen. Diese Baumarten sind in den Wäldern um Katowice und in ganz Polen nicht mehr dominant. Auf knapp 70 Prozent der Waldfläche stehen heute Nadelbäume, davon mehr als die Hälfte Kiefern. Ende des 18. Jahrhunderts waren 40 Prozent der Landfläche mit Wald bedeckt, hauptsächlich mit Laubbäumen. Die Industrialisierung und im Zweiten Weltkrieg die grosse Holznachfrage an den Kriegsfronten führten zu einem Kahlschlag.

Laubbäume weniger sensibel

Ende des Krieges war nur noch die Hälfte der ursprünglichen Waldfläche vorhanden. Die polnische Regierung lancierte deshalb einen Aufforstungsplan, der jedoch auf schnell wachsende Kieferbäume setzte. Ein Dämpfer folgte in den 80er-Jahren, als der saure Regen, der durch die Abgase der Kohlekraftwerke entstand, ein Waldsterben verursachte.

In Katowice denken die Förster deshalb um. Der Wald wird nicht mehr durch Pinien verjüngt, sondern durch Buchen, Eichen und Birken. «Die Laubbäume sind resistenter gegen die Luftverschmutzung», sagt Boleslaw Bobrzyk. Der Forstingenieur verheimlicht nicht, dass Schwefel, Stickstoffe und der Russ aus den Kohlekraftwerken und den Kohleheizungen der Wohnhäuser nach wie vor ein Problem sind – obwohl der Schwefel- und der Russgehalt in den letzten Jahren gesunken sind. Immer mehr Heizenergie stammt von Solaranlagen, Geothermie und Holz, doch der Löwenanteil wird durch die Verbrennung von Kohle produziert. Das gilt noch mehr für die Stromproduktion, die zu 90 Prozent durch Kohlekraftwerke abgedeckt wird.

Neun Minen im Walddistrikt

Die Luftqualität in den Städten Schlesiens gilt in Europa als besonders schlecht. Der Europäische Gerichtshof stellte letzten Frühling fest, dass Polen zwischen 2007 und 2015 die von der EU geforderte Luftqualität in keiner Weise erreichte. Wer in diesen kalten Tagen durch die Innenstadt von Katowice spaziert, weiss, wovon hier die Rede ist.

Selbst im Wald spürt man die Kohleverbrennung in der Atemluft. Ausgerechnet im Naturreservat Ochojec, der nächsten Station der Reise. Hier zerstörte einst eine Mine einen Teil der Landschaft. Heute wächst wieder ein intakter Wald. Nur ein Tümpel mit aufrechten toten Baumstämmen erinnert noch an die schlechten Zeiten. Die Minenarbeit im Untergrund hinterlässt tiefe Spuren. Es entstehen Müllgruben, der Grundwasserspiegel wird abgesenkt, oder das Risiko für Überflutungen steigt. Im Katowice-Walddistrikt wurde inzwischen ein Teil der Zerstörung mit Erfolg renaturiert. «Die Biodiversität steigt in diesen Zonen», sagt Boleslaw Bobrzyk. Doch noch immer sind im Walddistrikt neun Minen in Betrieb.

Wald ist eine Absicherung

Der Forstingenieur nimmt kein Blatt vor den Mund: «Noch brauchen wir die Kohlekraft, aber sie muss verschwinden, auch wegen des Klimawandels.» Dass sich Staatspräsident Andrzej Duda auch mit der Kohlekraft eine nachhaltige Entwicklung für Polen vorstellen kann, kommentiert er nicht. Er schmunzelt. Für die Gesundheit und ein weiteres Wachstum des Waldes wird die polnische Regierung jedenfalls alles unternehmen.

Die Bäume sind eine Absicherung. Sie speichern das Treibhausgas Kohlendioxid aus der Luft, um zu wachsen. Die Menge beträgt im Jahr laut den Berechnungen der Regierung gut 31 Millionen Tonnen. Das bedeutet, dass knapp 10 Prozent der Emissionen durch die Verbrennung fossiler Brenn- und Treibstoffe durch die Waldleistung kompensiert werden können. Oder anders: Polen muss weniger in erneuerbare Energie investieren.

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An Kälte gewöhnte Bäume vertragen Trockenheit schlecht

Die Schweiz wird wärmer und trockener im Zuge des Klimawandels. Die häufigeren und längeren Trockenphasen setzen nicht nur Ackerpflanzen zu, sondern auch Waldbäumen. In alpinen Hochlagen könnte es für Bäume schwierig werden, wie ein internationales Wissenschaftlerteam im Fachblatt «Nature Communications» berichtet. Forschende aus Kanada, Deutschland und von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) sind der Frage nachge­gangen, warum einige Bäume Dürre besser aushalten als an­dere. Dazu nutzten sie ein Langzeitexperiment mit kanadischen Küstenkiefern. Diese an Kälte angepassten Bäume im Norden Kanadas vertragen kaum Trockenheit.

Dürretolerante Sämlinge

Vor über 30 Jahren wurden Sämlinge dieser Kiefern aus den kaltfeuchten Wäldern Nordkanadas in wärmere Regionen verpflanzt und so eine Erwärmung des Klimas simuliert. Die Forschenden untersuchten nun anhand der Jahrringe der inzwischen erwachsenen Kiefern die biolo­gischen Hintergründe der ge­ringen Trockenheitstoleranz dieser Baumart.

Die Ergebnisse zeigen, dass Bäume aus diesen nördlichen, kalten Regionen physiologisch schlecht an starke Trockenheit angepasst sind. Zum Beispiel produzieren die verpflanzten Bäume bei Dürre Holzzellen mit sehr dünnen Zellwänden. Das macht sie anfällig für Schäden ihres Wasserleitsystems bei Trockenheit. Zudem stellte sich heraus, dass die Bäume offenbar die Poren in ihren Blättern (Spaltöffnungen) bei Trockenheit schlecht regulieren können, um Wasserverluste zu verringern.

Gemäss der WSL seien die Ergebnisse auch für die Schweiz und die Bäume in den Hochlagen der Alpen interessant: Zwar verbessern sich die dortigen Wachstumsbedingungen durch die Erwärmung vorübergehend, zunehmende Trockenphasen könnten diesen Vorteil jedoch zunichtemachen. Die Forstwirtschaft könne sich jedoch darauf einstellen, indem sie dürretolerantere Sämlinge aus südlicheren Regionen anpflanzt. (sda)

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