Im Schatten gedeiht Kakao besser

In den Tropen pflanzen Landwirte zunehmend Bäume mitten in ihre Felder. Auf diese Weise werden nützliche Tiere angelockt, Pestizide gespart und die Erträge gesteigert.

Viel Handarbeit in einer Kakaoplantage in Madagaskar: Die Pflanze stammt ursprünglich aus dem Unterwuchs des Regenwaldes. Foto: Gianluigi Guercia (AFP)

Viel Handarbeit in einer Kakaoplantage in Madagaskar: Die Pflanze stammt ursprünglich aus dem Unterwuchs des Regenwaldes. Foto: Gianluigi Guercia (AFP)

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Kakaobäume sind Sensibelchen. Pilze, Viren und andere Schädlinge setzen ihnen stark zu. Besonders anfällig sind die Bäume jedoch, wenn sie dicht an dicht in Monokulturen wachsen. Häufig werden die tropischen Pflanzen dann von der Fruchtfäule, dem Swollen Shoot Virus oder der Javanischen Kakaomotte befallen. Viele Kakaobauern in Südamerika oder Indonesien gehen dagegen vor, indem sie grosszügig Pestizide versprühen; das sichert den Landwirten Ernte und Lebensunterhalt. In afrikanischen Ländern fehlt hingegen oft das Geld, um Pflanzenschutzmittel zu kaufen, und auch das Wissen über deren korrekten Gebrauch ist selten vorhanden. Ein Drittel der weltweiten Kakaoernte geht laut Peter Läderach vom International Center for Tropical Agriculture durch ineffektive Schädlingsbekämpfung verloren.

Schattentiere gegen Schädlinge

Doch es existiert eine Gegenstrategie: Wenn Kakaopflanzen mit anderen Bäumen in einem sogenannten Agroforstsystem kultiviert werden, erhöht sich ihre Resistenz gegen Schädlinge. Kakaobäume stammen ursprünglich aus dem Unterwuchs eines Regenwaldes, sie gedeihen also im Schatten oder Halbschatten. Natürlicherweise stehen ein oder zwei Bäume pro Hektare Wald. Kakaobäume in Monokulturplantagen sind hingegen der Sonne ausgesetzt. Und das bedeutet Stress für den Kakaobaum, was seine Abwehr verringert. Es geht also darum, die ursprünglichen Lebensbedingungen der Kakaopflanzen auf Plantagen so zu simulieren, dass der Ertrag stimmt und zugleich der Pestizideinsatz stark reduziert werden kann.

Durch Schattenbäume und eine Vielfalt von verschiedenen, einheimischen Baumarten steigt die Artenvielfalt – das fördert zahlreiche Gegenspieler von Kakaomotte und anderen Schädlingen. Das hat Teja Tscharntke von der Universität Göttingen in einem Forschungsprojekt in Indonesien gezeigt. «Bei 20- bis 40-prozentigem Schatten tummeln sich viel mehr Fledermäuse, Vögel, Spinnen und Insekten wie Ameisen oder Wespen in den Plantagen, ohne dass es zu nennenswerten Ertragsminderungen kommt», sagt der Agrarökologe. Diese Tiere halten Schädlinge in Schach. Auch verhelfen Schattenbäume zu einer Vielfalt von Pilzen in den Kakaoblättern, welche die Ausbreitung schädlicher Pilze verhindern können. Mit einer vielfältigen Pflanzen- und Tiergemeinschaft lässt sich sogar die Produktivität erhöhen. «In unseren Arbeiten am Hochland-Kaffee zeigte sich, dass durch eine Er­höhung der Zahl der Arten bestäubender Wildbienen die Produktivität um 50 Prozent gesteigert werden kann», sagt Tscharntke. Kaffee ist wie Kakao eine Unterwuchspflanze.

Die hohe Biodiversität bietet Bauern zudem weitere Nutzungsmöglichkeiten, indem zusätzliche Nahrung, Medizin, Tierfutter oder Bau- und Feuerholz zur Verfügung stehen. Bananenstauden eignen sich zum Beispiel als Schattenpflanzen. In Peru erzielen Kaffeebauern laut Untersuchungen 28 Prozent ihres Einkommens mit Produkten aus Schattenbäumen. In Afrika nutzen Kleinbauern die Agroforstwirtschaft auch für Getreidefelder. Hier wachsen etwa Mango, Papaya, Akazien oder Neem-Bäume. Das ist vor allem wichtig in Regionen, die von Dürre und Überschwemmungen betroffen sind, etwa in der Subsahara.

So hat Amy Quandt, Ökologin an der University of Colorado, für eine Region in Kenia kürzlich berechnet, dass Agroforstsysteme die Resilienz gegenüber Naturereignissen verbessern und das Einkommen von Kleinbauern sichern. Wenn die Getreideernte etwa durch Dürre vernichtet wird, bleiben immer noch Mangos oder Papayas als Nahrung oder Feuerholz zum Verkauf. Diese Diversifizierung könnte Landwirten helfen, mit den Folgen des Klimawandels zurechtzukommen, die in manchen Regionen Afrikas drastisch ausfallen dürften.

Verdoppelung der Erträge

Bäume leisten noch mehr. Der sogenannte Anabaum (Faidherbia albida) spendet auf kargen Feldern Dünger gratis, wenn seine stickstoffreichen Blätter abfallen. Auch die Wurzeln des Baumes führen dem Boden aus tieferen Schichten Stickstoff, Phosphor und Kalium zu. «In den vergangenen Jahrzehnten haben mehr als 100'000 Bauern in Sambia diese Düngebäume in ihre Maisfelder gesät», sagt John Reganold, Agrarwissenschaftler an der Washington State University. In Niger und Mali wurden auf einer Fläche von fünf Millionen Hektaren wild wachsende Anabäume auf Hirse- und Sorghum-Feldern stehen gelassen. Da die Bäume bis zu 30 Meter hoch werden, bieten sie auch Schutz vor heissen, trockenen Winden und vor Wasserverdunstung. «Dies kann die Erträge verdoppeln», meint Reganold.

Bäume helfen auch, das Wasser in der Erde, in tieferen Bodenschichten zu fixieren und bei Dürre verfügbar zu machen. Bei sehr starkem Regen können Bäume die Fliessgeschwindigkeit in den dabei entstehenden kleinen Bächen und Gullys drosseln, sodass Äcker und Dörfer nicht überflutet werden. Auch die zunehmende Erosion in vielen Regionen der Subsahara können die Bäume aufhalten. Zudem spenden sie Mensch und Tierherden Schatten. «Agroforstsysteme sind eine vielversprechende Option, wenn es darum geht, sich an den Klimawandel anzupassen», so Quandt.

Zugleich wirkt das Anbausystem dem Klimawandel sogar ein wenig entgegen. «Durch mehr Biomasse und eine verbesserte Bodenfruchtbarkeit können Agroforstsysteme besonders gut Kohlendioxid binden», sagt Tscharntke. Seine Analysen besagen, dass Agroforstsysteme in Indonesien fast genauso viel des Klimagases fixieren können wie Wälder, in denen keine Landwirtschaft betrieben wird. Zudem spart der Verzicht auf mineralische Dünger und Pestizide, bei deren Herstellung und Ausbringung ebenfalls Klimagase frei werden, Energie ein.

Traditionell dominieren Agroforstsysteme die Landwirtschaft in vielen tropischen Regionen. Laut Cathy Watson vom World Agroforestry Center wird bereits fast eine Milliarde Hektaren mit Agroforst bewirtschaftet, 1,2 Milliarden Menschen leben davon. «Agroforst muss aber durch agrarpolitische Massnahmen, etwa durch finanzielle Anreize und die landwirtschaftliche Beratung in den betroffenen Ländern, weiter gefördert werden.» Auch westliche Konsumenten können helfen. «Durch den Kauf von ökologisch zertifiziertem Kaffee oder Kakao kann man einen Beitrag zur umweltfreundlichen Agrarforstbewirtschaftung leisten», sagt Tscharntke.

Erstellt: 20.03.2018, 18:35 Uhr

Kakaobohnen in Zahlen

Anbau, Verarbeitung und Konsum

4 Millionen

Tonnen Kakao werden weltweit angebaut. Drei Viertel davon in Afrika, 17 Prozent in Südamerika und 10 Prozent in Asien/Ozeanien. Der grösste Produzent ist die Elfenbeinküste. Aus diesem Land kommen 40 Prozent aller Kakaobohnen weltweit.

1 Prozent

der weltweiten Kakaoproduktion wird in der Schweiz verarbeitet. Spitzenreiter sind die Niederlande mit 13 Prozent, gefolgt von der Elfenbeinküste (12 Prozent) und Deutschland (10 Prozent).

5,5 kg

kakaohaltige Produkte konsumieren Schweizerinnen und Schweizer im Durchschnitt pro Kopf und Jahr (umgerechnet auf die Menge Kakaobohnen). Nur in Belgien liegt der Jahreskonsum mit 5,8 Kilogramm pro Kopf noch höher.

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