«In der Schweiz schneite es im Sommer beinahe jede ­Woche»

Vulkanausbrüche waren in den letzten 2000 Jahren für scharfe Klimazäsuren verantwortlich.

Der Morteratschgletscher mit einer seiner Moränen (rechts), die zurückblieb, als er 1850 zu schmelzen begann. Foto: Keystone

Der Morteratschgletscher mit einer seiner Moränen (rechts), die zurückblieb, als er 1850 zu schmelzen begann. Foto: Keystone

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Es ist, als stünde man auf einem Feldherrenhügel. Der Blick vom Schuttwall ins Tal, auf die Gletscher­zunge des Morteratsch, hat etwas Ehrfürchtiges, aber auch etwas Melancholisches. Die Seitenmoräne, vielleicht 100 Meter über dem Talboden, markiert das Ende einer grossen Klimaepoche. Die Kleine Eiszeit, die um 1350 begann, ­endete circa 1850. Seither schmilzt der Morteratsch wie auch praktisch alle anderen Alpengletscher kontinuierlich ab. Zurück bleiben die Moränen.

Die Erderwärmung der letzten rund 150 Jahre geschah nicht nur extrem schnell. Ihr Ausmass hat erstmals in den letzten 2000 Jahren auch eine globale Tragweite erreicht, wie diese Woche internatio­nale Klimastudien mit Beteiligung der Universität Bern in den Fachzeitschriften «Nature» und ­«Nature Geoscience» zeigten. Es ist vermutlich einer Reihe von Vulkanausbrüchen am anderen Ende der Welt zu verdanken, dass die Gletscher nicht schon früher einem ­wärmeren Klima ausgesetzt waren.

Grosse Veränderungen in klimatisch schwierigen Zeiten

Die Kleine Eiszeit gehört zu einer Klimaepoche in den vergangenen 2000 Jahren, deren Temperaturverlauf zwar durch ein stetes Auf und Ab geprägt war, sich aber über Jahrhunderte tendenziell ­abkühlte. Sie war durchzogen von längeren Kaltzeiten, die wohl geschichtliche Entwicklungen begüns­tigten.

Historische Quellen ­belegen, dass Kälteeinbrüche ab Mitte des 16. Jahrhunderts in Europa zu Missernten führten, Hungersnöte prägten ­diese Zeit. Klimatische Extreme führten auch kurz vor der Französischen Revolution zu Hungerrevolten. Auch wenn sich Umwelthistoriker davor hüten, allein solche Klimaveränderungen für geschicht­liche Entwicklungen verantwortlich zu machen. Verblüffend ist dennoch, wie ­verschiedene gesellschaftliche Veränderungen stets in klimatisch schwierigen Zeiten abliefen.

Das gilt auch für die letzten 50 Jahre der Kleinen Eiszeit. Ende des 18. Jahrhunderts schien die verheerende Kältephase endgültig vorbei zu sein. Es wurde wieder wärmer. Jahr für Jahr. Doch Anfang des 19.Jahrhunderts ­folgte ein weiterer Einbruch. Eine Reihe von Vulkanen in den Tropen brachen kurz hintereinander aus. Darunter der indonesische Vulkan ­Tambora. Dessen Eruption am 10. April 1815 veränderte das Klima auf der Nordhemisphäre über Jahre.

Auch das Meer kühlte merklich ab

Auch unser Land war stark betroffen. «In der Schweiz schneite es im Sommer beinahe jede ­Woche bis in die Täler, das Getreide und Kartoffeln mussten im Herbst aus einer dem Schnee gegraben werden. Der Preis für Getreide schnellte in die Höhe», schreibt der Umwelthistoriker Daniel Krämer 2015 in seiner Dissertation. Der Titel seiner Arbeit sagt alles über den Notstand aus: «Menschen grasten nun mit dem Vieh». Es war das Jahr ohne Sommer.

Lange Zeit stand der Tambora im Fokus der Klimaforscher. Doch so gigantisch die Eruption war und so stark die Sonnenstrahlung durch den Ausstoss der vulkanischen Teilchen beeinträchtigt wurde: Ein einziger Ausbruch konnte die über zwanzigjährige Kaltphase nicht ­erklären. Das Forscherteam um Stefan Brönnimann von der Universität Bern analysierte deshalb einen grossen Fundus an Beobachtungen und historischen Daten, Klimasimu­lationen und Rekon­struktionen.

Sie entdeckten dabei, dass das «Fünferpack» an Vulkanausbrüchen zwischen 1808 und 1835 jeweils nicht nur eine ein- bis zweijährige Abkühlung der Atmosphäre zur Folge hatte. Die Eruptionen kühlten auch das Meer stark ab, das sich nur langsam davon ­erholte. Die veränderten Verhältnisse im Ozean wirkten sich auf die Druckverhältnisse in der Atmosphäre aus, was wiederum die atmosphärische Zirkulation beeinflusste. Zum Beispiel zogen Tiefdruck­gebiete südlicher über Europa und brachten Schnee. «Das war vermutlich der Grund, dass es in den 1850er-Jahren nochmals einen Gletschervorstoss in den Alpen gab, obwohl die Temperaturkurve wieder leicht anstieg», sagt Stefan Brönnimann.

Grosse Kälteeinbrüche in der Spätantike

Doch die Kleine Eiszeit war nicht die einzige ausgeprägte Kaltzeit in den letzten 2000 Jahren. Wissenschaftler der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL in Birmensdorf ZH gehen davon aus, dass es in der Spätantike im 6. und 7. Jahrhundert eine ­Periode gab, die im russischen ­Altaigebirge ähnliche Kälteeinbrüche hervorrief.

Die Forscher untersuchten die Jahrringbreiten von Hunderten lebendigen und toten sibirischen Lärchen. Aus der Breite der Jahrringe lassen sich die Schwankungen der Sommertemperaturen ­ablesen. Die Forscher verblüffte, dass die erhaltene Rekonstruktion dem Verlauf der Sommertemperaturen der europäischen Alpen der vergangenen 2000 Jahre ähnlich war.

Die Forscher nennen diese Zeit die «Spätantike Kleine Eiszeit». In dieser Periode gab es eine grosse Pest, die vermutlich zum Ende des Oströmischen Reichs beitrug. Zudem war die Völkerwanderung im Gang. Auch hier spielten ­Vulkane eine bedeutende Rolle.



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Erstellt: 27.07.2019, 20:17 Uhr

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