In der Zürcher Wüste

Kakteen und Aloen: In der Sukkulentensammlung spriessen manche Arten, die uns näher sind als wir denken.

Urs Eggli, der wissenschaftliche Kurator der Sukkulenten-Sammlung, erklärt die Anpassungskünste Pflanzen.


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Kein Kaktus hat so viele Stacheln, dass nicht noch eine Blüte Platz hätte», besagt das Sprichwort. Dass dem wirklich so ist, zeigt die Sukkulentensammlung Zürich am Mythenquai. Sie präsentiert knapp 4700 Arten von wasserspeichernden Pflanzen aus allen Kontinenten – ausser Australien. Australien hat zwar ausgedehnte Trockengebiete, doch diese sind selbst für die zähen Sukkulenten zu garstig. «Die Wasserversorgung ist in Australien einfach zu unregelmässig», erklärt Urs Eggli, der die Sammlung der Kakteen, Aloen und anderer Sukkulenten seit über 30 Jahren wissenschaftlich betreut. «Und das können die Sukkulenten nicht leiden. Sie brauchen nicht viel Wasser, aber dieses wenigstens in Form einer jährlichen Regenzeit, und sei diese noch so kurz.»

Die Sukkulentensammlung gehört zu den bedeutendsten botanischen Gärten Europas für wasserspeichernde Pflanzen. Fotos: Doris Fanconi

Die Allgemeinheit denkt bei Sukkulenten vor allem an Pflanzen mit dickfleischigen Stämmen und Stacheln, also an Kakteen. Allerdings haben Kakteen, anders als im Sprichwort, keine Stacheln, sondern Dornen, die biologisch gesehen umgewandelte Blätter sind. Und nicht alle Sukkulenten sind Kakteen. Letztere sind sogar nur der kleinste Teil davon, und sie sind praktisch ausschliesslich auf dem amerikanischen Kontinent beheimatet. Mit einer Ausnahme: In Madagaskar wächst die Kakteenart Rhipsalis baccifera, die nicht mal aussieht wie ein Kaktus.

In Südafrika heimisch: Hoodia gordonii.

Madagaskar, immer wieder Madagaskar. Die afrikanische Insel im Indischen Ozean ist für Botaniker das gelobte Land der Biodiversität. Ein Hotspot der Artenvielfalt mit unzähligen Pflanzen, die nur hier vorkommen, darunter auch viele Sukkulenten. Stolz zeigt Urs Eggli einen Schatz im Madagaskarhaus, die «leichtfüssige Kalanchoe», wissenschaftlich Kalanchoe gracilipes. Sie wächst als Aufsitzerpflanze auf Bäumen und ist mit unserer in Rosettenform wachsenden Hauswurz verwandt, die in den Bergen vorkommt und auch auf Balkonen und in Steingärten beliebt ist.

Nahe Verwandte

Beide gehören zu den Dickblattgewächsen, sind also Cousins und sehen doch völlig anders aus. In den 1990er-Jahren hat Eggli seine «gracilipes» wissenschaftlich eingeordnet. Eine Nebenbemerkung zur botanischen Nomenklatur: Der erste Teil des Artennamens bezeichnet die Gattung und kann quasi mit dem Nachnamen bei Menschen verglichen werden. Der zweite Teil entspricht dem Vornamen. Er ist eigentlich wichtiger, denn mit ihm ist die artspezifische Eigenart der Pflanze verbunden. Eine Aufsitzerpflanze, die nicht fest im Boden verwurzelt ist, wird dann zur Leicht­füssigen, in Latein «gracilipes».

Die wertvollen Samen einer Wolfsmilchart.

«Wenn man die Blüten betrachtet», erklärt Eggli die Verwandtschaft von so unterschiedlich aussehenden Gewächsen wie Hauswurz und «gracilipes», «sieht man an ihrem Feinbau sofort, dass sie verwandt sind. Die Blütenarchitektur ist immer kreisförmig, die Staubblätter bilden immer zwei Kreise, auch wenn das Zahlenverhältnis variieren kann.» Auch die wasserspeichernden Blätter und die Samen sind gleich aufgebaut. Die korrekte Einordnung einer Pflanze ist nicht einfach, und zuweilen kommt es zu einem Gelehrtenstreit, wenn sich die Botaniker bei der Interpretation dessen, was sie sehen, uneinig sind. «Die Klassifikation einer Pflanze ist immer ein Abwägen verschiedener Merkmale», sagt Eggli.

Eine Verwandte unserer Hauswurz: Blüten der Kalanchoe gracilipes.

Er hat seine «Leichtfüssige» zuerst der Gattung der Brutblätter zugeschrieben, sie aber später aufgrund neuer Forschungsresultate wieder unter Kalanchoe eingeordnet, von der es etwa 160 Arten gibt, davon 60 nur in Madagaskar. «Am Schluss muss einfach die Beschriftung stimmen», sagt Eggli. Darin liegt die Verantwortung der botanischen ­Gärten. Sie horten die Pflanzen nicht nur zur Erbauung der Besucher, sondern sie sind für Forscher auch so etwas wie der sichere Hafen bei ihren Erkundungen der Pflanzenwelt. Dazu betreut Eggli ein Herbar mit über 6000 Belegen, in dem die Sukkulenten getrocknet und gepresst in einem gekühlten Raum lagern. Auch von der Kalanchoe gracilipes gibt es einige Belege. Eggli hat sie vom renommierten botanischen Garten Missouri erhalten, mit der Bitte um wissenschaftliche Bestimmung. Was der Kalanchoe-Experte natürlich gern machte.

Erstellt: 01.08.2016, 17:43 Uhr

Sommer-Serie (3)

Verborgene Schätze

Kaum jemand bekommt sie je zu sehen – die wissenschaftlichen Sammlungen der Universitäten und Hochschulen. In dieser Sommerserie blicken wir in deren Archive und Schatztruhen, die für die Forscher einen unschätzbaren Wert haben. Denn manchmal werden sie sogar zu den einzigen Zeugen einer bedrohten Gegenwart.

Nächste Folge: Schweizerisches Kunstarchiv

Artikel zum Thema

Das «Who's Who» des Tierreichs

Serie Vom Puma bis zum Seepferdchen: Das Zoologische Museum der Universität Zürich bewahrt alles auf. Die gesammelten Objekte sind eine wahre Fundgrube für Forscher. Mehr...

Geheimnisvolle Welt der Insekten

Serie Konserviert für die Ewigkeit, ruhen mitten in Zürich kleine und grosse Krabbler neben filigranen und farbenprächtigen Faltern – zu Hunderttausenden in einem Keller der ETH. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Geldblog Wie sicher sind Anlagefonds?

Mamablog Lust auf ein Sexdate, Schatz?

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Werkzeuge einer Revolution

Serie Am Tierspital Zürich sind über 150 Lichtmikroskope ausgestellt. Mehr...

Funkelnde, bizarre Kristalle

Serie Bereits im 19. Jahrhundert begannen Sammler, Mineralien zusammenzutragen. Auch in Zürich. Mehr...

10'000 Schädel im Schrank

Serie Die Skelettsammlung der Uni Zürich hat seltene Exponate von Arten, die bedroht oder bereits ausgestorben sind. Mehr...