Insektengift bedroht Spatzen

Schweizer Forscher haben untersucht, welche Auswirkungen die Chemikalien auf Singvögel haben. Das Gift taucht sogar auf Bio-Betrieben auf.

Pestizide schwächen nicht nur Bienen: Ein Haussperling (Passer domesticus), umgangssprachlich als Spatz bekannt. Foto: Nicolas Armer, Keystone

Pestizide schwächen nicht nur Bienen: Ein Haussperling (Passer domesticus), umgangssprachlich als Spatz bekannt. Foto: Nicolas Armer, Keystone

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Eigentlich sollen Neonikotinoide unerwünschte Insekten bekämpfen, doch sie beeinflussen auch die Gesundheit und vermutlich sogar die Bestandsentwicklung bestimmter Vogelarten. Vor allem Vögel, die sich im Ackerland aufhalten, sind solchen Pestiziden auf verschiedene Art und Weise ausgesetzt. Sie können durch das Versprühen der Chemikalie etwas abbekommen oder über die Nahrung, indem sie etwa das mit dem Wirkstoff gebeizte Saatgut fressen.

So berichtete vergangene Woche eine kanadische Forschergruppe um Christy Morrissey von der University of Saskatchewan in der Fachzeitschrift «Science», dass Dachsammern, ein in Nordamerika heimischer Zugvogel, durch die Aufnahme von realistischen Mengen des Neonikotinoids Imidacloprid weniger frassen, stark an Gewicht verloren und deshalb später von ihrem Rastgebiet aufbrachen.

Doch damit nicht genug: Eine Schweizer Studie der Universität Neuenburg zeigt nun erstmals, dass durch das Neonikotinoid Acetamiprid die Spermiendichte des Haussperlings, umgangssprachlich auch Spatz genannt, deutlich abnimmt.

Schon kleine Mengen reichen

Für die in der Fachzeitschrift «Environmental Research» vor kurzem online publizierte Untersuchung wurden insgesamt 56 männliche Spatzen gefangen und in einer Voliere gehalten. Die Vögel erhielten während drei Wochen oral entweder eine sehr geringe Dosis einer Acetamiprid-Lösung oder eine Kochsalzlösung als Kontrolle.

Dabei stellte sich heraus, dass das Insektizid zwar nicht die Mobilität der Spermien beeinflusst, aber die Spermiendichte stark reduziert. «Dies deutet darauf hin, dass sich schon kleine Mengen von Neonikotinoiden negativ auf die Fruchtbarkeit der Singvögel auswirken», sagt Ségolène Humann-Guilleminot, die inzwischen an der Universität Bern forscht.

Seit Anfang dieses Jahres ist in der Schweiz die Anwendung gewisser Neonikotinoide im Freiland verboten. So dürfen hierzulande die drei Substanzen Imidacloprid, Thiamethoxam und Clothianidin nur noch im Gewächshaus verwendet werden, da diese hochwirksamen Insektenvernichtungsmittel für Bienen ein Risiko darstellen. Imidacloprid wurde zuvor unter anderem für Zuckerrüben-Saatgut während der gesamten Saison benutzt. Die um ein 1000-Faches weniger toxischen Kandidaten Acetamiprid und Thiacloprid sind dagegen weiterhin erlaubt.

Niedrigste Werte bei Biobetrieben

Im Sommer 2015 untersuchte Ségolène Humann-Guilleminot, ob sich diese fünf Neonikotinoide in Vögeln nachweisen lassen. Für die im Januar 2019 im Fachblatt «Science of the Total Environment» online publizierte Studie besuchte sie mit ihren Kollegen damals insgesamt 47 landwirtschaftliche Betriebe im Mittelland. Dazu fingen sie dort 617 Spatzen ein und analysierten deren Federn. In allen Proben stellten die Forschenden Spuren von Neonikotinoiden fest. Die niedrigsten Werte fanden sie bei den Spatzen von Biobetrieben und bei solchen mit integrierter Produktion (IP-Suisse), die höchsten bei konventionell bewirtschafteten Betrieben.

Obwohl Neonikotinoide nur auf konventionellen Anbauflächen eingesetzt werden dürfen, sind in der Schweiz praktisch alle landwirtschaftlichen Böden mit diesen Insektiziden verunreinigt. Dies berichtete das Forscherteam der Universität Neuenburg gemeinsam mit der Vogelwarte Sempach vor ein paar Monaten in der Fachzeitschrift «Journal of Applied Ecology».

Demnach fanden sie auch noch an weit vom Einsatzort entfernten Orten Rückstände von Neonikotinoiden, wie etwa auf Flächen nach IP-Suisse oder Bio-Standard und sogar in Biodiversitätsförderflächen. Vermutlich stammten die Verunreinigungen aus aufgewirbeltem Staub oder Abdrift von konventionellen Flächen oder wurden mit dem Grund- oder Oberflächenwasser eingeschwemmt.

Vögel verlieren Appetit

«Neonikotinoide sind für Insekten um ein Vielfaches giftiger als DDT», sagt Livio Rey von der Vogelwarte Sempach. In der kanadischen Studie wurden den Dachsammern nur Mengen verabreicht, die sie in etwa mit ein paar behandelten Körnern gefressen haben könnten. Schon diese geringe Dosis reichte aus, damit die Dachsammern keinen Appetit mehr hatten und innerhalb von ein paar Stunden an Körpergewicht verloren.

Bedroht: Bienen leiden ebenfalls unter dem Einsatz von Insektiziden. Foto: Gurinder Osan, AP Photo, Keystone

Bisher dachte man stets, dass die Neonikotinoide nur spezifisch auf Insekten wirken. «Doch immer mehr Studien zeigen, dass neben Bienen auch Vögel durch die Wirkstoffe geschwächt werden», sagt der Biologe Livio Rey.

Bei verschiedenen Vogelarten, darunter auch Rebhühnern, habe man unter Laborbedingungen herausgefunden, dass diese Insektizide das Immunsystem, die Reproduktion sowie den Hormonhaushalt durcheinanderbringen. «Die zentrale Frage ist, wie das Bundesamt für Landwirtschaft ein so schädliches Pestizid überhaupt zulassen konnte», fügt er hinzu.

In Europa sind bereits die zwei neuen Wirkstoffe, Sulfoxaflor und Flupyradifuron, für den Markt zugelassen, die bei Insekten – ähnlich wie die Neonikotinoide – als Neurotoxin wirken und die Weiterleitung von Nervenreizen stören. «Es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese auch in der Schweiz erlaubt sind», sagt Ségolène Humann-Guilleminot.

Biobetriebe verwenden indes ein natürliches, schnell in der Natur abbaubares Insektizid aus den Blüten der Tanacetum-Art. «Es ist wie die Neonikotinoide auch ein Nervengift für Insekten», sagt Olivier Félix vom Bundesamt für Landwirtschaft. Der Unterschied sei, dass es nur ein Kontaktgift sei und nicht wie das nun verbotene Imidacloprid über die Wurzeln weiter in die Pflanze gelange und dort bleibe.

Erstellt: 19.09.2019, 20:47 Uhr

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