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Geheimnisvolle Welt der Insekten

Konserviert für die Ewigkeit, ruhen mitten in Zürich kleine und grosse Krabbler neben filigranen und farbenprächtigen Faltern – zu Hunderttausenden in einem Keller der ETH.

Einblicke ins Insekten-Museum. (Realisation: Lea Koch und Doris Fanconi)

Abgeschottet von der Aussenwelt, zwischen einer alten Zivilschutzanlage und einem modernen Labor des World Disney Research Center, liegen im dritten Untergeschoss eines eher unspektaku­lären Gebäudes am Rand des Zürcher Hochschulquartiers wahre Schätze der Natur. Aufgespiesst mit ­feinen Nadeln stecken hier Hunderttausende Käfer, Schmetterlinge, Zwei- und Hautflügler wohlbehütet, akkurat sortiert und sorgfältig bestimmt in den vielen Schubladen aus Holz.

Für Insektenforscher ist die Sammlung der ETH Zürich mit rund 2 Millionen Objekten eine Fundgrube für wissenschaftliche Arbeiten. Die Vielfalt ist gross und reicht vom legendär schillernden Blauen Morphofalter mit Flügelspannweiten von bis zu 15 Zentimetern, über blattgrüne Gottesanbeterinnen mit überdimensional grossen Fangbeinen bis hin zu grazil wirkenden Stabheuschrecken, massiven Goliathkäfern oder pelzigen Wollschwebern.

«Letztere habe ich besonders gern», sagt Zoologe Michael Greeff von der ETH. Die kleinen Fliegen seien raffinierte Brutparasiten. Die Weibchen kleben ihre Eier mit Sand zusammen und werfen diese wie Bomben aus der Luft über den Eingängen der im Boden nistenden Solitärbienen ab. Aus den kleinen Kugeln schlüpfen nach kurzer Zeit Fliegenlarven, die in die Brutzelle der Bienen kriechen und sich dort vom Proviant und den jungen Bienenlarven ernähren.

Riesiger Herkuleskäfer

In den Schaukästen im klimatisierten Kellerraum der ETH sind pro Insektenart oft viele Exemplare vorhanden. Auf diese Weise lassen sich unter anderem Veränderungen im Laufe der Evolution beobachten oder Variationen der Formen und Farben innerhalb einer Art aufzeigen. «Wir haben viele Typusbelege, das heisst wissenschaftlich sehr wertvolle Originale der Erstbeschreibung neu entdeckter Arten», sagt Kurator Rod Eastwood.

Einige davon – etwa ein rund 10 Millimeter kleiner, schwarzer Quedius-Käfer mit kurzen Flügeln und perlschnurartigen Fühlern – würde zwar nicht so imposant wie ein riesiges Herkuleskäfer-Männchen mit langem, nach vorn gerichtetem Horn aussehen, doch der Winzling habe als historisches Belegexemplar für die Forschung einen höheren Stellenwert. In einer Schublade haben die Forscher 48Apollofalter, die in Europa auf der Roten Liste stehen. Weil die Schmetterlinge standorttreu sind, kühlere Temperaturen lieben und in Höhen bis zu 2000Meter anzutreffen sind, leben sie in der Schweiz in isolierten Populationen am Berg. «Durch die Klimaerwärmung müssen sie weiter hoch», erklärt Greeff. Bei niedrigen Bergen führe dies dazu, dass die Falter irgendwann nicht mehr höher steigen können und aussterben. Solche räumlichen Verän­derungen über mehrere Jahrzehnte lassen sich anhand von Individuen aus der Sammlung gut untersuchen.

Bei dem mit schwarzen Streifen und roten Kreisen gezeichneten Apollofalter geht das Männchen bei der Paarung rigoros vor. Zuerst schnappt es sich ein Weibchen und paart sich mehrere Stunden lang. Damit nicht noch ein potenziell besserer Vater zum Zuge kommen könnte, scheidet es nach der Begattung einen Paarungspfropf aus, eine Art biologischer Keuschheitsgürtel.

«Dieser Zitronenfalter ist halb Männchen und halb Weibchen», sagt Eastwood, der eine andere Schublade herauszieht. Insekten seien gewöhnlich entweder männlich oder weiblich. Äusserst selten könne es bei einer frühen Zell­teilung in der Entwicklung zum Verlust eines Geschlechtschromosoms kommen. In diesem Fall habe es dazu geführt, dass die linke Seite männlich und knallgelb sei, während die andere weiblich und blassgelb sei. Nach­kommen könne ein solcher Falter nicht haben.

Nicht nur früher, sondern auch heutzutage erhält die ETH immer wieder neue Objekte für ihre umfangreiche Sammlung. Bevor die Insekten einsortiert werden, kommen sie zwei oder drei Wochen in Quarantäne. «Direkt in die Gefriertruhe», sagt Eastwood. Dann könne man sicher sein, dass auch nichts Lebendiges aus Versehen dabei sei.

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