Ist Milch wirklich ungesund?

Viele meiden das Getränk, weil sie sich vor angeblichen Gesundheitsrisiken fürchten. Das sagt die Forschung dazu.

Wirkt präventiv: Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen und viel frische Rohmilch trinken, leiden seltener an Allergien. Foto: Plainpicture

Wirkt präventiv: Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen und viel frische Rohmilch trinken, leiden seltener an Allergien. Foto: Plainpicture

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Vier Halbliterflaschen Kamelmilch sind tiefgefroren bei einem grossen Onlinelieferdienst für 58,75 Euro zu haben, von einer Kamelfarm in den Niederlanden. Sechs Dosen direkt aus Dubai sogar für 19,90 Euro. Teuer? Egal, alles besser als Kuhmilch, so scheint es. Immer wieder versucht man, der Milch ein gesundheitlich negatives Etikett anzuhängen.

«Es ist erstaunlich, wie negativ Kuhmilch heute wahrgenommen wird», sagt Bernhard Watzl, der das Institut für Physiologie und Biochemie der Ernährung am Max-Rubner-Institut leitet. Die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung empfiehlt täglich drei Portionen Milch oder Milchprodukte.

Schweizerinnen und Schweizer trinken im Schnitt rund 1,4 Deziliter Milch pro Tag.

«Wir leben in Zeiten, in denen der Begriff Information an Wert verloren hat», sagt Watzl. Besonders im Bereich Ernährung sei die Dynamik erstaunlich. Mal gehe es um die Gesundheitsrisiken von Fleisch, mal um heilversprechende High-Carb- oder Low-Fat-Diäten und oft eben um vermeintlich gefährliche Inhaltsstoffe der Milch. «Gerade im Zeitalter der Selbstoptimierung wird vieles übertrieben oder aus dem Bauch heraus argumentiert», sagt Watzl.

Eine erstaunliche Entwicklung, wenn man bedenkt, wie wichtig die Kuhmilch für das Überleben unserer Vorfahren in Europa war. Erst vor 7500 Jahren begann sich eine Genmutation im Erbgut der Ackerbauern zu verbreiten. Erst sie machte es Erwachsenen möglich, Milch zu verdauen. Mithilfe der Erbgutvariante bleibt das Enzym Laktase lebenslang aktiv, das bei gestillten Babys die Laktose, den Milchzucker, in zwei gut verträgliche Einfachzucker spaltet. Unfassbar schnell breitete sich die Gen­variante aus, was für einen enormen Überlebensvorteil spricht. Heute kann ein Drittel der Weltbevölkerung als Erwachsener Milch verdauen, in Nordeuropa sind es sogar mehr als 90 Prozent.

Gesunder Milchkonsum

Was aber macht die Kuhmilch so wertvoll? Sie enthält, gemessen an ihrem Energiegehalt besonders viele hochwertige Eiweisse. Auch Vitamin B2 und B12 sind darin vorhanden, viel Jod und Zink. Vor allem Kühe, die sich von Gras und Heu ernähren, liefern Milch mit einem höheren Gehalt an Omega-3-Fettsäuren im Vergleich zu Tieren mit anderem Futter. Manche befürchten, dass bei der Ultrahocherhitzung der Milch auf 135 bis 155 Grad Celsius zur Konservierung wichtige Nährstoffe verloren gehen. Tatsächlich enthält die so entstehende H-Milch einen etwas geringeren Gehalt an B-Vitaminen. «Nur wenn jemand pro Tag grosse Mengen Milch trinkt, wären andere Sorten zu empfehlen», sagt Watzl. Etwa pasteurisierte Milch, die nicht so stark erhitzt werde. Sonst aber falle der Unterschied im Vitamingehalt nicht ins Gewicht.

Wurde früher fettarme statt Vollmilch empfohlen, weisen erste Studien inzwischen auf einen Nutzen des erhöhten Fettgehalts hin. Die Hülle der in Milch enthaltenen Fettkügelchen scheint sich besonders bei Kindern positiv auf die Darmflora, die Kognition und das Immunsystem auszuwirken. «Das ist ein sehr spannendes neues Forschungsfeld», sagt Watzl.

Sogar präventiv soll Milch wirken. Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen und viel frische Rohmilch trinken, leiden seltener an Allergien und Asthma. Das ergaben Beobachtungen einer Münchner Forschergruppe. Eine Studie an 3000 Babys soll das in den kommenden Jahren überprüfen. Allerdings sollen Säuglinge eine vorbehandelte Form der Rohmilch erhalten, da die frische Milch aus dem Euter der Kuh potenziell krank machende Bakterien enthält.

Homogenisierte Milch dagegen werden die Babys nicht erhalten. Wie die Münchner Forscher zeigen konnten, kommt es bei dieser Sorte zu keiner Reduktion des Allergierisikos. Auch Erwachsene profitieren, wenn sie Milch trinken: Das Lebensmittel senkt den Blutdruck, verringert das Risiko für Typ-2-Diabetes und verhindert Übergewicht eher, als dick zu machen. Auch kommt es bei Milchtrinkern zu weniger Schlaganfällen.

Rohmilch kann bei Kindern das Allergierisiko senken: Ein Schweizer Bauer melkt eine Kuh. Foto: Keystone

Mit einem Mythos muss Watzl allerdings aufräumen. Kuhmilch schützt nicht vor Osteoporose. «Das Kalzium der Milch hilft zwar, die Knochen während der Wachstumsphase eines Menschen zu stärken», sagt der Ökotrophologe. Osteoporose habe jedoch viele verschiedene Ursachen, die sich nicht mit Milch bekämpfen liessen.

Risiko: Prostatakrebs

Nur für ausgeprägte Milchliebhaber haben Forscher ein klares Risiko gefunden. Männer, die im Schnitt mehr als 1,2 Liter Kuhmilch pro Tag trinken, erkranken öfter an Prostatakrebs als andere. Dafür könnten tierische Hormone in der Milch verantwortlich sein. Und Kuhmilch scheint bei Heranwachsenden die Produktion mancher Wachstumshormone anzukurbeln.

Die Mengen, die Erwachsene in der Schweiz im Durchschnitt trinken, sind überschaubar: rund 140 Gramm pro Tag. Was jedoch nichts daran ändert, dass dennoch Ängste bestehen vor vermeintlich neu entdeckten Gefahren der Kuhmilch.

Wir wissen aus vielen Arbeiten, dass der Kuhmilchkonsum das Risiko für Dickdarmkrebs senkt.Bernhard Watzl

Im Februar zum Beispiel hielt das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg eine Pressekonferenz ab. Hauptperson der Veranstaltung war der Nobelpreisträger Harald zur Hausen, er hatte in den 1980er-Jahren das Humane Papillomavirus als Verursacher von Tumoren am Gebärmutterhals ausgemacht.

Im Februar aber gab er bekannt, ringförmige DNA-Strukturen entdeckt zu haben, die Jahrzehnte nach ihrer Übertragung das Risiko für Dickdarm- und womöglich auch für Brust- und Prostatakrebs erhöhen können. Diese molekularen Kringel lassen sich in Rindfleisch und Kuhmilch nachweisen.

Zur Hausen und Kollegen vermuten, dass sich Menschen schon innerhalb ihres ersten Lebensjahres mit den neu entdeckten Kringeln infizieren, den sogenannten Bovine Meat and Milk Factors (BMMF). Zur Hausen hegt den Verdacht, dass diese kleinen DNA-Elemente Krebs auslösen können.

Andere Forscher sind skeptisch. «Die Daten, die bisher zum Risiko der BMMF in Bezug auf Krebs oder andere Erkrankungen ­vorliegen, reichen für eine wissenschaftliche Risikobewertung nicht aus», sagt Anja Buschulte, Fachtierärztin für Lebensmittelsicherheit am Bundesinstitut für Risikobewertung (BFR) und Mitautorin einer Stellungnahme des BFR. Auch widerspricht die neue Hypothese der Evidenz vieler wissenschaftlicher Studien. «Wir wissen aus vielen Arbeiten, dass der Kuhmilchkonsum das Risiko für Dickdarmkrebs senkt», sagt Bernhard Watzl.

Alarmismus?

Auch der Hautarzt Bodo Melnik aus Gütersloh warnte jüngst davor, dass Milch die Entstehung bösartiger Tumoren begünstigen könnte. Der Mediziner, der an der Universität Osnabrück lehrt, warnt seit Jahren vor angeblichen Gesundheitsgefahren durch Milch. Worauf sich seine aktuellen Behauptungen stützen? Er geht davon aus, dass in der Milch enthaltene Mikroribonukleinsäuren, kurz Mikro-RNA, im menschlichen Körper Schaden anrichten. Melnik beruft sich auf einen sehr jungen Forschungszweig, der sich mit den Auswirkungen der Mikro-RNA im menschlichen Organismus beschäftigt. Tatsächlich können die winzigen Strukturen das Ablesen des Erbgutstrangs beeinflussen.

Ob sich das positiv oder negativ auf den Organismus auswirkt, kann niemand pauschal beantworten. «Wir wissen aus der Grundlagenforschung, dass jede Zelle Hunderte dieser Mikro-RNAs enthält», sagt Albert Braeuning, Toxikologe am Bundesinstitut für Risikobewertung. Auch sei bekannt, dass Mikro-RNAs die Zellteilung in verschiedenen Tumoren anregen können. Doch ging es in diesen Studien um körpereigene, menschliche Mikro-RNA.

Melnik jedoch behauptet, dass auch Mikro-RNA aus Milch Prozesse im menschlichen Körper beeinflusst. ETH-Forscher hingegen zeigten 2015 mit Maus­experimenten, dass der Körper Mikro-RNA aus Nahrung praktisch nicht aufnimmt, vielmehr werden gemäss einer ETH-Mitteilung die Moleküle im Dünndarm in ihre Bausteine zerlegt.

Was all die Studien für den Alltag bedeuten? Dass Menschen getrost weiter Kuhmilch trinken können; in einer Stellungnahme des BFR wird der Konsum weiterhin «uneingeschränkt empfohlen». Auf der Website von Agroscope, dem Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung, heisst es: «Seit je gehören bei uns Milch und Milchprodukte zu einer ausgewogenen gesunden Ernährung.»

Erstellt: 29.07.2019, 19:09 Uhr

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