«Je schneller man handelt, desto günstiger wird es»

ETH-Forscher Reto Knutti bezeichnet die Klimaklage als interessant. Fraglich sei, wie viel Verantwortung ein einzelnes Land trage.

Der Rhein bei Diepoldsau SG. Bild: Ennio Leanza/Keystone

Der Rhein bei Diepoldsau SG. Bild: Ennio Leanza/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ist es aus wissenschaftlicher ­ Sicht gerechtfertigt, den Bund einzuklagen, weil dieser angeblich zu wenig gegen den Klimawandel unternehme?
Die Klage ist grundsätzlich nachvollziehbar. Dazu gibt es wissenschaftliche Fakten. Für den Klimawandel ist der Mensch mitverantwortlich, da gibt es keine Zweifel mehr. Eindeutig ist auch, dass die Welt derzeit Emissionen aus fossilen Energien zu wenig reduziert, um das erklärte politische Ziel im neuen Pariser Klimaabkommen zu erreichen. Die Frage ist nur: Kann man diese globale Feststellung auch auf ein einzelnes Land übertragen? Klimawandel ist, da sind wir uns einig, ein globales Problem.

Aber es gibt eine unterschiedliche Verantwortung.
Das stimmt. Die gemeinsame, aber differenzierte Verantwortung ist einer der Grundsätze der UNO im internationalen Klimaschutz. Das ist doch eine schöne Formulierung.

Warum?
Gemeinsam heisst, dass es keine Trittbrettfahrer mehr geben darf. Differenziert meint einerseits, dass der Verursacher bezahlt. Andererseits muss abgewogen werden, welchen Beitrag die einzelnen Staaten leisten können, abhängig von der Entwicklung und von den finanziellen Möglichkeiten.

Es geht also letztlich um Fairness?
Ja, aber hier kann die Wissenschaft nicht allein entscheiden. Sie kann nur helfen, um sich in der internationalen Politik einig zu werden, nach welchen Kriterien die Klimaverpflichtungen verteilt werden sollen. Die Klimaforschung kann einschätzen, wie viel Treibhausgase noch in die Atmosphäre ausgestossen werden dürfen, um das Klimaziel zu erreichen. Rund zwei Drittel dieses Emissionsbudgets sind bereits aufgebraucht. Nun geht es darum, das letzte Drittel des Budgets möglichst gerecht auf die einzelnen Staaten zu verteilen.

Gibt es eine eindeutige Stossrichtung?
Wir haben zusammen mit der Firma Infras verschiedene Optionen geprüft. Sicher ist: Man kann es drehen, wie man will, Westeuropa muss in jedem Fall bis 2050 die Emissionen der Treibhausgase um mindestens 80 Prozent reduzieren.

Im Klimavertrag gibt es keine zeitlichen Zielsetzungen. Wie lange können wir eine Reduktion der Emissionen hinauszögern?
Je schneller wir handeln, desto kostengünstiger ist es. Wenn die globalen Emissionen erst 2030 den Höhepunkt er­reichen, lässt sich nach den Modellen nur mit extrem viel Aufwand eine Reduktion auf null Emissionen bis 2060 noch erreichen. Es braucht viel Zeit, um gesellschaftlich und technisch dem ­postfossilen Zeitalter näherzukommen. Kommt hinzu, dass der Handlungsspielraum enger wird, je länger wir zögern, und wir deshalb schneller reagieren müssen.

Sie wurden informell angefragt, als wissenschaftlicher Berater für die Klage zu arbeiten. Sie haben es ausgeschlagen. Warum?
Ich versuche, als Wissenschaftler unabhängig zu sein. Es gab zum Beispiel kürzlich einen Vorstoss im Kanton Zürich, der darauf abzielt, schrittweise alle Ölheizungen zu verbieten. Eine Reihe von Wissenschaftlern unterschrieb diesen Vorstoss in dem Sinne, dass die Fakten korrekt seien. Die Medien schrieben dann unter anderem, Wissenschaftler forderten den Ausstieg. Somit wurden wir ungewollt Teil einer politischen Forderung – und das ist heikel.

Wie denken Sie über die Klage?
Es ist ein interessanter Ansatz. Der Staat hat tatsächlich die Verantwortung, seine Bürger zu schützen. Aber in diesem Fall ist unklar, wie er dieser Verantwortung nachkommen soll. Die Frage ist, ob eine Lösung über den Rechtsweg einfacher und angemessener ist als jene eines politischen Aushandlungsprozesses. Das muss aber das Gericht entscheiden.

Sind die gesetzten Klimaziele noch zu erreichen?
Vielleicht. Bis jetzt wurde Klimaschutz mit stockenden internationalen Verhandlungen gleichgesetzt. Nun gibt es immer mehr Firmen, die in neue Technologien investieren. Anleger streichen Investitionen in fossile Energie aus ihren Portfolios, und Vorstösse wie die anvisierte Klage gegen den Bund gibt es weltweit. Es kommt Bewegung in die Sache.

Erstellt: 22.06.2016, 13:04 Uhr

Artikel zum Thema

Klimakampf der alten Damen

Frauen im AHV-Alter wollen den Bund einklagen, weil dieser zu wenig für den Klimaschutz mache und sie übermässig davon betroffen seien. Ein Urteil in den Niederlanden lässt sie hoffen. Mehr...

175 Staaten unterzeichnen Klima-Abkommen – Rekord

Im Rahmen einer feierlichen Zeremonie in New York haben Staatenvertreter aus aller Welt – auch der Schweiz – ihre Unterschrift unter das neue Klimaschutzabkommen gesetzt. Mehr...

Reto Knutti ist Professor am ­ETH-Institut für Atmosphäre und leitender Autor beim UNO-Weltklimarat IPCC.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...