Kann Zürich in zehn Jahren CO2-neutral sein?

Die Stadt fasst sehr ambitionierte Emissions-Ziele ins Auge. Wir zeigen, ob das machbar ist – oder realitätsfremd.

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Das links-grün dominierte Stadtzürcher Parlament hat den Stadtrat überrascht. Er muss seine Klimastrategie neu überdenken. Der Weg in die postfossile Gesellschaft war bisher auf das Jahr 2050 ausgerichtet. Der CO2-Ausstoss pro Kopf soll auf jährlich 1 Tonne sinken. Die Zürcher haben diese Vorgabe 2008 in der Gemeindeordnung mit ihrer Zustimmung zur 2000-Watt-Gesellschaft verankert.

Nun soll das sonst schon ambitionierte Ziel schon 20 Jahre früher erreicht werden – und noch mehr. Die neue Forderung will null Emissionen bis zum Jahr 2030. Damit ist Zürich noch ehrgeiziger als die Stadt Bern. Das Klimapaket der Stadtberner Regierung will bis 2035 den durchschnittlichen CO2-Ausstoss pro Kopf und Jahr auf 1 Tonne reduzieren.

Der CO2-Ausstoss lag 2016 in Zürich bei 4,7 Tonnen pro Kopf – rund 1 Tonne unter dem Schweizer Durchschnitt. Am Donnerstag wird die Stadt die Zahlen für 2017 und 2018 publizieren. Der Wert dürfte dabei weiter gesunken sein – obschon die Bevölkerung seit 2016 um knapp 15'000 Einwohner auf gegen 430'000 gewachsen ist. Dennoch: «Wir werden aber das Ziel von 4 Tonnen für 2020 kaum erreichen, das haben wir bereits früher kommuniziert», sagt Rahel Gessler, Leiterin des Fachbereichs 2000-Watt-Gesellschaft und Mitglied der Geschäftsleitung in der Abteilung Umwelt- und Gesundheitsschutz der Stadt Zürich.

Die Stadtbehörden müssen ihr bisheriges Bilanzierungskonzept für die Emissionen neu überdenken. Das Stadtparlament verlangt, genau genommen, eine Reduktion der CO2-Emissionen auf «netto null». Damit verwendet es einen Begriff aus der Wissenschaft: Es geht nicht nur um den CO2-Ausstoss durch den Menschen, sondern auch darum, wie viel von den Emissionen natürlich oder technisch wieder aus der Atmosphäre durch sogenannte Senken entfernt werden können.

Natürlich ist das zum Beispiel durch die Aufforstung von Wäldern möglich – technisch etwa durch Methoden, CO2 aus der Atmosphäre zu filtern, wie das die Schweizer Firma Climeworks – allerdings erst in kleinen Mengen – anbietet. «Möglich wären auch Emissionszertifikate, um die Emissionen, die wir nicht senken können, zu kompensieren», sagt Rahel Gessler. Letzteres lehnen die links-grünen ­Parteien indes ab. Emissionszertifikate von ausländischen Klimaprojekten sind umstritten. Die Höhe der Kosten dafür sind laut Experten in Zukunft unsicher und die Qualität der Projekte ist nicht immer gesichert. «Bis wir ein neues Ziel setzen, müssen wir uns über solche Fragen im Klaren sein», sagt Gessler.

Diese Optionen kommen aber erst in zweiter Linie zum Zug. Zuerst müssen nun die laufenden, geplanten und künftigen Massnahmen überdacht werden. Die Behörden müssen sich zudem klar darüber werden, ob eine CO2-Bilanzierung allein innerhalb der Stadt Sinn macht oder das Gebiet erweitert werden muss. Zum Beispiel im Verkehr, der nicht erst an der Stadtgrenze entsteht. Bisher arbeiten die Behörden mit einem Computermodell, mit dessen Hilfe abgeschätzt werden kann, wie viele Kilometer ein Auto und ein Schiff auf Stadtgebiet fährt.

«Es ist eine grosse Herausforderung, noch Lücken im Massnahmenplan zu finden oder Möglichkeiten, jene Massnahmen zu beschleunigen, die durch die Stadt umgesetzt werden können», sagt Silvia Banfi Frost, Energiebeauftragte der Stadt Zürich. Dabei gehe es nicht nur um eine technische Regulierung. «Es muss auch volkswirtschaftlich und sozialpolitisch Sinn machen.» Ein Beispiel: Der Zyklus für Haussanierungen muss beschleunigt werden. «Das könnte aber zur Folge haben, dass etwa Heizungen ersetzt werden, die noch gar nicht amortisiert sind», erklärt Banfi Frost. Das könne zu Mieterhöhungen führen.

«Ohne Rahmenbedingungen auf Bundes- und Kantonsebene können wir netto null bis 2030 nicht erreichen.»Silvia Banfi Frost, Energiebeauftragte der Stadt Zürich

Ein Verbot für fossile Heizungen gehört bereits in der Roadmap zur 1-Tonnen-Gesellschaft bis zum Jahr 2050 zu jenen Massnahmen, die CO2 am stärksten reduzieren. Allerdings sind der Stadt hier die Hände gebunden. «Wir warten auf das neue Energiegesetz des Kantons», sagt ­Rahel Gessler.

Die Stadtbehörden können beraten, Fördergelder sprechen oder die Fernwärme in Quartieren ausbauen. Die meisten Massnahmen basieren jedoch auf Freiwilligkeit. «Ohne die entsprechenden Rahmenbedingungen auf Bundes- und Kantonsebene können wir netto null bis 2030 nicht erreichen», sagt Silvia Banfi Frost. Das gilt auch für andere Optionen wie die Einführung einer CO2-Abgabe auf Treibstoffe, die Besteuerung von Flugreisen und Mobility Pricing, von der eine klimawirksame Lenkung der Verkehrsnutzung erwartet wird.

Die beiden Zürcher Expertinnen blicken fast etwas neidisch auf den Stadtkanton Basel. Die Stadt Basel hat bereits ein griffiges Energiegesetz mit entsprechenden Fördermitteln. «Bei uns werden 80 Prozent der Heizungen durch fossile ersetzt», sagt Gessler, «in Basel sind es in­zwischen grösstenteils erneuerbare Energiequellen wie Wärmepumpen oder Fernwärme.»

Die links-grüne Allianz im Gemeinderat fordert deshalb einen Fonds in der Höhe von 50 Millionen Franken. Mit diesem Geld sollen Hausbesitzer dazu animiert werden, von Öl- und Gasheizungen auf CO2-arme Wärmeproduktion umzusteigen. Auch soll der Stadtrat den Ausbau der Fotovoltaikanlagen in der Stadt Zürich forcieren. Bis 2030, so das Ziel, sollen mindestens 10 Prozent des städtischen Strombedarfs durch Fotovoltaik gedeckt werden.

Graue Energie fehlt

Zudem soll der Stadtrat die städtische Fahrzeugflotte auf leichte und energieeffiziente Motorfahrzeuge mit alternativen Antriebsformen umrüsten. Ob die Stadt ihr verschärftes Klimaziel erreichen wird, hängt nicht zuletzt auch davon ab, wie umfassend der CO2-Ausstoss ihrer Bewohner betrachtet wird.

In den bisherigen Berechnungen fehlt ein wichtiges Element: die sogenannten grauen Emissionen von importierten Waren und Dienstleistungen, die in der Stadt konsumiert werden. Bisher fehlten dazu die entsprechenden Daten, um eine quantitative Aussage machen zu können.

Wie gross die Lücke für die Gesamtbilanzierung ist, lassen Daten des Bundesamts für Umwelt (Bafu) erahnen: Demnach stossen die Schweizer pro Kopf Treibhausgase im Umfang von jährlich 5,6 Tonnen aus. Mehr als das Doppelte, nämlich 14 Tonnen, sind es allerdings, wenn man jene Emissionen addiert, welche Importgüter im Ausland ver­ursachen.

Aber selbst ohne diese graue Energie: In den letzten gut 25 Jahren betrug die Pro-Kopf-Ersparnis etwa 1,5 Tonnen, sie sank von 6,2 auf 4,7 Tonnen. In zehn Jahren auf null Emissionen heisst, die CO2-Reduktion in der Stadt Zürich müsste um den Faktor 6 beschleunigt werden.

Erstellt: 02.07.2019, 18:18 Uhr

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