Können diese Augen lügen?

Um ihr Überleben zu sichern, täuschen und betrügen Tiere, was das Zeug hält. So gehen sie dabei vor.

Verwirrt seine Artgenossen gerne mit Täuschungsmanövern: Das Eichhörnchen. Foto: Keystone/Monika Skolimowska

Verwirrt seine Artgenossen gerne mit Täuschungsmanövern: Das Eichhörnchen. Foto: Keystone/Monika Skolimowska

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Hastig gräbt das Grauhörnchen ein Loch in die Erde, um darin die Nuss zu verstecken, die es zwischen seinen Zähnen hält. Zwei Artgenossen sitzen im Geäst eines Baums und gucken ihm interessiert zu. Nun scharrt das Grauhörnchen Erde ins Loch und buddelt nebenan ein neues – und gleich noch eines, um sich alsbald aus dem Staub zu machen. Wo ist nun die Nuss vergraben? Die Konkurrenten auf dem Baum sind verwirrt. Der muntere Kollege hat sie an der Nase herumgeführt, hat mehrere Löcher gegraben, so getan, als verstecke er den Leckerbissen, aber nur in einem Loch ist die Nuss auch tatsächlich gelandet.

Jeder von uns flunkert – tagtäglich. Kleine und grosse Lügen erleichtern uns das Leben. Bei Tieren ist das nicht anders. Immer wieder berichten Wissenschaftler von neuen Beobachtungen zum Thema, und viele regen zum Schmunzeln an. Die beiden Verhaltensforscher Richard Byrne und Andrew Whiten von der Universität St. Andrews in Schottland sammelten in den 1980er-Jahren Geschichten von «lügenden» Tieren. Die meisten betrafen Affen.

Täuscht Verletzungen vor: Ein Schimpanse. Foto: Getty Images

Da war zum Beispiel ein Schimpanse, der von einem Artgenossen verdroschen worden war und immer dann, wenn er seinem Peiniger erneut begegnete, schwer humpelte wie ein gefoulter Fussballspieler, um zu zeigen, wie weh ihm das Bein noch tat. War der Aggressor weg, sprang der «verletzte» Affe munter umher. Ein anderer Schimpanse verschmutzte sein Gehege mit Kot und teilte dem Betreuer in der Zeichensprache, die er gelernt hatte, mit, die Schweinerei stamme nicht von ihm, sondern von einem Tierpfleger.

Verbürgt ist auch die Geschichte eines jungen Pavians, den es nach einer Kartoffel gelüstete, die ein Weibchen gefunden hatte. Er setzte sich neben das Pavianweibchen und fing an, Zetermordio zu schreien. Seine herbeieilende Mutter sah das Pavianweibchen als Bedrohung für ihren Nachwuchs und verjagte dieses. Nun konnte sich der junge Simulant ungestört der zurückgelassenen Kartoffel widmen.

Lügen benötigt Selbstbewusstsein

Die Verhaltensforscher Byrne und Whiten trauten den Affen bewusste Täuschungsmanöver zu. Bei anderen Tieren nahmen sie an, dass die Lügerei mehr dem Zufall als einer Überlegung entspringt. Denn Lügen setzt Selbstbewusstsein voraus: die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen und sich vorzustellen, wie diese auf ein bestimmtes Verhalten reagieren. Selbst Menschen können deshalb erst im Alter von etwa vier Jahren lügen.

Aber eigentlich ist es egal, ob unter Tieren bewusst oder unbewusst getäuscht wird; spannend sind die beobachteten Szenen allemal – und amüsant dazu. Der Trauerdrongo zum Beispiel, ein Vogel aus der Kalahari-Wüste im südlichen Afrika, hat so einige Tricks auf Lager, um den Erdmännchen das Futter zu stibitzen.

Der Wüstenvogel hat bis zu 32 verschiedene Warnrufe in seinem Repertoire.

Die beiden Tierarten leben im selben Gebiet, und der Drongo ist ein verlässlicher Wächter. Er warnt sofort die Nachbarn, wenn ein Feind naht, worauf die Erdmännchen blitzschnell in ihren Erdbau flüchten. Doch manchmal ist der Hunger des Vogels zu gross und die von den Erdmännchen gefundenen Futterhappen zu verlockend – dann lässt der Drongo seinen Warnruf los, auch wenn weit und breit kein Feind in Sicht ist. Flugs sind die Erdmännchen verschwunden, und der Vogel kann sich den Happen schnappen.

Wer dreimal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht, sagt ein Sprichwort. Bei den Drongos ist es nicht anders. Der Zoologe Tom Flower von der University of Cape Town in Südafrika hat beobachtet, dass die Erdmännchen nach dem dritten Fehlalarm nicht mehr auf die Warnrufe reagieren. Doch sie machen die Rechnung ohne den Drongo. Der schlaue Vogel wechselt einfach die Sprache und gibt Alarmrufe anderer Vogelarten zum Besten, ja manchmal imitiert er sogar die Warnrufe der Erdmännchen – und die Täuschung funktioniert wieder. Trauerdrongos haben bis zu 32 verschiedene Warnrufe in ihrem Repertoire.

Flunkert mit falschem Alarm: Die Rauchschwalbe. Foto: Getty Images

Falsche Alarmrufe benützen auch Rauchschwalben-Männchen. Zwar nicht in einer «Fremdsprache», aber erstaunlich wirksam. Der Grund für ihr Flunkern ist Eifersucht. Kommt das Männchen zum Nest zurück und sein Weibchen ist fort, muss er annehmen, dass es sich mit einem Nebenbuhler vergnügt. Er signalisiert mit einem Alarmruf «Achtung! Feind in Nestnähe!», worauf das Weibchen sofort zum Nest zurückkehrt. Mit diesem Trick versuchen die Männchen, ihre Weibchen vom Seitensprung abzuhalten. Um Sex geht es auch beim Hahn, wenn er die Hennen mit einem falschen Futterruf in seine Nähe lockt, obwohl er gar keine Nahrung gefunden hat. Er nutzt die Gelegenheit und begattet die verdutzten Hennen.

Auch er wendet den Futtertrick an: Der Güggel. Foto: Getty Images

Den Futtertrick benützen ab und zu auch Raubspinnen-Männchen, um zum Ziel zu kommen. Normalerweise versucht das Männchen sein Weibchen mit einem Geschenk gnädig zu stimmen und bringt ihm eine eingesponnene Fliege mit. «Wer gerade mit Fressen beschäftigt ist, kann nicht beissen», sagt Wolfgang Nentwig, Spinnenspezialist und Professor am Institut für Ökologie und Evolution der Universität Bern. Während das Spinnenweibchen am Geschenk saugt, wird es begattet.

Ganz schlaue Männchen versuchen, der Braut ein bereits ausgesogenes Insekt oder gar ein leeres Fadenpäckchen unterzuschieben. «Doch der Trick mit der leeren Pralinenschachtel ist gefährlich», sagt Wolfgang Nentwig. «Merkt das Weibchen den Betrug, muss das Männchen sehr schnell sein.» Manchmal läuft der Betrug auch umgekehrt: Das Weibchen erobert das Brautgeschenk, ohne eine Paarung zuzulassen. Dann ist er der Geprellte.

Die Bolaspinnen locken mithilfe von imitierten Sexualdüften liebestolle Nachtfalter-Männchen ins Verderben.

Nahrung und Paarung – das sind die zwei wichtigsten Gründe, weshalb Tiere flunkern. Sie versuchen dadurch, sich einen Vorteil zu verschaffen. Damit sich die Geschlechter finden, senden häufig die Weibchen artspezifische Locksignale aus. So weit, so gut. Doch betrügerische Weibchen anderer Arten schaffen es, die Signale zu kopieren und liebestolle Freier in eine tödliche Falle zu locken. So imitiert das Weibchen des Photuris-Glühwürmchens die Lichtsignale der Photinus-Weibchen, worauf deren Männchen auftauchen und vom Photuris-Weibchen gleich vernascht werden, aber anders, als sie sich das vorgestellt haben.

Eine ähnliche Taktik wenden die amerikanischen Bolaspinnen an: Sie locken mithilfe von imitierten Sexualdüften liebestolle Nachtfalter-Männchen ins Verderben. Die Spinnen schwingen einen klebrigen Spinnfaden wie ein Lasso und fangen ihre Beute in Wildwestmanier aus der Luft. Kenneth Haynes, Biologe von der University of Kentucky (USA), fand heraus, dass sich jede der 66 Bolaspinnenarten auf den Duft einer speziellen Falterart spezialisiert hat. Noch einen Schritt weiter geht eine Bolaspinnenart aus Afrika. Sie variiert im Laufe der Nacht ihr Duftbouquet und erwischt auf diese Weise gleich die Männchen von zwei Falterarten.

Täuscht ihr Geschlecht vor: Die Trauersepia. Foto: Getty Images

Manchmal ist es für Männchen besser, sich nicht als solche zu erkennen zu geben, vor allem in Anwesenheit von grösseren und stärkeren Artgenossen. Da hilft es mitunter, sich als Weibchen auszugeben. Nur so werden schwächere Männchen in Ruhe gelassen oder – noch besser – können sich dank der Täuschung ungehemmt fortpflanzen. Schmächtige Männchen der Gattung Sepia, Tintenfische mit kurzen Saugarmen, sehen aus wie Weibchen und kommen so ungeniert am dominanten Männchen vorbei ins Nest, wo sie die dort liegenden Eier befruchten.

Noch raffinierter stellen sich die männlichen Trauersepien in Australien an: Sie können ihre Farbe nach Bedarf ändern – und zwar beide Körperseiten unabhängig voneinander. Gerät ein Sepiamännchen zwischen ein Weibchen und ein anderes Männchen, färbt es die Körperseite, die dem Weibchen zugewandt ist, männlich und die andere Körperseite zum Nebenbuhler hin weiblich. Dieser freut sich schon, zwei Weibchen vor sich zu haben, während der Verkleidungskünstler auf seiner anderen Körperseite bereits mit dem Weibchen flirtet.

Verkleidet in den Harem des Kollegen

Noch bunter treiben es die männlichen Meerasseln, die zu den Krebsen gehören. Grosse, dominante Männchen locken mit einem Parfüm paarungswillige Weibchen an und stapeln sie gleich im Dutzend in ihrer Höhle. Jedes dieser Weibchen wird, sobald es sich frisch gehäutet hat, begattet. Doch die liebestollen Männer werden manchmal von ihren Geschlechtsgenossen übers Ohr gehauen. Diese «verkleiden» sich als Weibchen, indem sie klein und grazil bleiben. Unerkannt führen sie so im Harem des Kollegen ein ausschweifendes Leben, ohne dass der Meerassel-Casanova etwas davon mitkriegt.

Betrügen hilft den Tieren nicht nur bei der Weitergabe von Leben, es kann mitunter auch das eigene Leben retten. Das Opossum, eine katzengrosse amerikanische Beutelratte, stellt sich bei Gefahr tot. Sie legt sich auf die Seite und blickt mit glasigem Blick ins Leere, verharrt, minutenlang, bis die Luft rein ist. Dabei fällt das Tier nicht etwa in Schockstarre, sondern trickst bei vollem Bewusstsein, wie Messungen von Hirnstromkurven im Labor gezeigt haben.

Stellt sich tot, bis die Luft wieder rein ist: Das Opossum. Foto: Getty Images

Noch dicker trägt die kubanische Zwergboa auf. Auch die Schlange täuscht mit viel Hingabe vor, den letzten Atemzug gemacht zu haben. Zu einem leblosen Knäuel zusammengerollt, verströmt sie eine nach Aas riechende Flüssigkeit. Damit täuscht sie vor, sie sei bereits am Verwesen. Überdies lässt sie spezielle Äderchen platzen, sodass sie aus Mund und Nase blutet und ihre Augen rot anlaufen. Den meisten Raubtieren vergeht dabei der Appetit, und sie lassen das schauspielernde Reptil links liegen.

Einen ganz anderen Bluff begeht der Pandabär. Die Männchen markieren ihr Revier wie Hunde mit Urin. Dabei gilt: Je höher die Duftmarke, desto beeindruckter sind die Weibchen. Einige Pandas helfen deshalb etwas nach und pinkeln im Handstand an den Baum. Wer seine Duftmarke so hoch setzen kann, muss bestimmt ein grosser Kerl sein. Mögliche Partnerinnen sollen so schon in Stimmung gebracht werden, bevor sie dem Inhaber des Reviers begegnen. Grösse, ob behauptete oder tatsächliche, spielt im Tierreich eben eine Rolle.

(Schweizer Familie)

Erstellt: 06.12.2018, 15:28 Uhr

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