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«Komposttee» statt Fungizide

Roger Gündel betreibt einen pestizidfreien Bauernhof. Mit dem grössten Permakultur-Versuch der Schweiz möchte er einen Schritt weiter gehen.

Matthias Meili
Gemüsebauer Roger Gündel mit einem pestizidfreien Kohlrabi. Fotos: Dominique Meienberg
Gemüsebauer Roger Gündel mit einem pestizidfreien Kohlrabi. Fotos: Dominique Meienberg

Die Fläschchen mit den Totenköpfchen waren dem Biobauer Roger Gündel bereits in der Gärtnerlehre zuwider. Er erinnert sich an eine Episode mit ­seinem Lehrmeister, dem er vorschlug, beim Ausbringen der Pestizide Schutzanzüge anzuziehen, genau so wie er es in der Berufsschule gelernt hatte. Doch der Lehrmeister war entsetzt. «Um Gottes willen nein», bekam er zur Antwort, «sonst denken die Leute, wir würden ­etwas Giftiges auf die Felder spritzen.»

Heute bewirtschaftet Roger Gündel den Birchhof in Lieli AG pestizidfrei. Auf 15 Hektaren Land, davon 4 Hektaren Gemüse, arbeitet er nach dem biologisch-dynamischen System, das noch strengere Kriterien vorgibt als die biologische Landwirtschaft. Dabei beschäftigt er fünf Angestellte und drei Lehrlinge. Etwa 10 Prozent seiner Einnahmen kommen aus Direktzahlungen. Zudem hat er ein System von freiwilligen Mitarbeitern aufgebaut, die mithelfen, weil sie seine Ideen gut finden – und dafür gratis Biogemüse beziehen können. Und das boomt offenbar. «Ich muss dauernd Leuten absagen, so gross ist der Andrang», sagt Gündel.

Gartenähnlicher Ackerbau: Helferin Sabrina Volkart pflegt eine Pflanzfläche in der im Entstehen begriffenen Permakultur.
Gartenähnlicher Ackerbau: Helferin Sabrina Volkart pflegt eine Pflanzfläche in der im Entstehen begriffenen Permakultur.

Etwa 100 Meter westlich des Betriebsgebäudes liegt das Gemüsefeld, das etwa so gross ist wie zwei Fussballfelder. Der Weg führt vorbei an einer ­eigens angepflanzten Blumenwiese, die sowohl ein Bienen- und Insektenparadies ist als auch noch guten Gründünger hergibt. Wo das Gemüse auf konventionellen Äckern Reihe für Reihe aus dem nackten Boden spriesst, sieht der Acker im Birchhof eher wie ein grosser Schrebergarten aus. Auf zwei Reihen grünen Salat folgen zwei mit rotem, daneben winken die blassgrünen Blätter von Kohlrabi. Zwischen den Reihen mit Gemüse wächst Gras und «sogenanntes Unkraut», schmunzelt Gündel. «Viele Kollegen rümpfen da die Nase, weil es etwas unordentlich aussieht. Aber das ist mir egal.»

Unkraut gehört zum Konzept

«Das Wichtigste für uns ist ein gesunder Boden», sagt Roger Gündel. «Eigentlich wollen wir ihn unseren Nachkommen besser hinterlassen, als wir ihn erhalten haben.» Dies ist in Oberwil-Lieli, wo der Ackerboden nur aus etwa 2 bis 4 Prozent Humus besteht, keine einfache Aufgabe. Zum Vergleich: Die fruchtbaren Moorböden des Berner Seelandes haben bis zu 30 Prozent Humus. Gündels Rezept sind eine austarierte Fruchtfolge – auf zwei Jahre Gemüseanbau lässt Gündel eine Blumenwiese folgen, im vierten Jahr eine Kleegraswiese, in die er wieder Gemüse einpflanzt –, eine schonende Bodenbehandlung («tief lockern, flach wenden») und viel Gründüngung. «Das heisst, dass wir möglichst wenig Boden unbedeckt lassen», sagt Gündel. Unkraut wird in diesem Konzept zu einer sorgsam gepflegten Kapitalanlage, gejätet wird nur gerade dort, wo die Kulturpflanzen wachsen.

«Meine Salate und Kohlrabi sind genauso gross wie die der anderen.»

Roger Gündel

Roger Gündel zieht ein Kohlrabi aus dem Boden. Doch die Schale ist leicht aufgeraut und bräunlich. «Schneckenfrass.» Wir schneiden das Gemüse auf – schmeckt wunderbar. Gündel hat Glück. Weil er sein Gemüse über rund 100 Gemüseabos und auf dem Markt in Zürich verkauft, bringt er auch weniger makellose Produkte ab. Seine Kunden sind nachsichtiger, es ist ein eher urbanes, junges Publikum. «Meinen Kunden kann ich die Zusammenhänge im direkten Kontakt erklären», sagt Gündel.

Im Migros-Gestell lässt sich ein solches Kohlrabi aber nicht verkaufen, auch nicht unter dem Biolabel. Die Qualitätsanforderungen sind mittlerweile genau gleich gross wie im konventionellen Anbau: Das Gemüse muss frei sein von Schädlingen und Frassspuren. Eine Studie hat ergeben, dass eine Landwirtschaft ohne Pestizide Ertragseinbussen von 20 bis 40 Prozent zur Folge hat. Weniger eindeutig sind Vergleiche der verschiedenen Anbausysteme, wo der biologische Anbau langfristig einen ähnlich hohen Ertrag bringen kann. Allerdings sind im biologischen Landbau viele Pflanzenschutzmittel auch erlaubt, solange sie nicht chemisch-synthetisch hergestellt sind.

Roger Gündel glaubt, dass die Diskussion um die Erträge überbewertet wird. «Meine Salate und Kohlrabi sind genauso gross wie die der anderen.» Zudem würde so viel Ware weggeschmissen, obwohl es noch geniessbar wäre, dass die Ertragseinbussen einer pestizidfreien Landwirtschaft kaum ins Gewicht fallen würden. «Letztlich muss der Konsument entscheiden, ob er ein tadelloses Produkt möchte oder ein etwas weniger schönes Rüebli, das dafür ohne Pestizide produziert wurde.»

In ausgewogenen Mischkulturen ergänzen sich die Pflanzen optimal.
In ausgewogenen Mischkulturen ergänzen sich die Pflanzen optimal.

Früher – Gündel wirtschaftete die ersten 15 Jahre nach Biorichtlinien, bevor er auf das biologisch-dynamische System umstellte – habe er jeweils auf den Kartoffeläckern auch Kupfer gegen Pilzkrankheiten wie die Kraut- und Knollenfäule eingesetzt. Heute spritzt er mit der Rückenspritze zweimal im Jahr nur noch «Komposttee» aufs Feld, eine Lösung von in Wasser aufgewirbeltem Kompost, die dank der vielfältigen Mikroorganismen einerseits den Boden aktiviert, anderseits die Selbstheilungskräfte der Pflanzen stärken soll. «Damit haben wir gute Ergebnisse erzielt. Und diese Lösung kann ich sogar noch kurz vor der Ernte ausbringen», sagt der Gemüsebauer, «während bei anderen Pflanzenschutzmitteln ein Mindestabstand zur Ernte vorgegeben ist.»

Permakultur im Grossversuch

Für Gündel ist ein Bauernbetrieb vergleichbar mit einem grossen Individuum. Dieses Individuum gilt es zu schützen, Pestizide sind darin Faktoren, welche die natürliche Pflanzenwelt beeinträchtigen. Und dem Boden soll das zurückgegeben werden, was ihm mit der Ernte genommen wird, zum Beispiel mit Dünger vom Hof. Da ihm als reinem Gemüsebauer der stickstoffreiche Tierdünger fehlt, hat er mit seinen Lehrlingen das Projekt Hühnerwagen gestartet. Dabei sollen mehrere Herden von rund 40 Mehrnutzungshühnern und vier Wollschweinen in einem mobilen Heim mit Rüstabfällen gefüttert werden, gleichzeitig die Felder umgraben und düngen und darüber hinaus noch Eier sowie Fleisch liefern. «Damit hätten wir den geschlossenen Kreislauf erreicht.»

Etwas versteckt hinter dem Wald, neben dem Kartoffelacker, liegt Gündels neustes Projekt: die grösste Permakultur der Schweiz. Dabei handelt es sich um eine ausgeklügelte Mischkultur, in der verschiedenste Pflanzen neben- und untereinander und zeitlich abgestuft gedeihen. Alte Gemüsesorten wie Rote Melde oder Baumspinat gedeihen neben Hülsenfrüchten, Johannisbeeren unter Obstbäumen und neben Wildhecken. Eine Mulchwiese liefert den Grasmulch zur Düngung. Jede Pflanze hat eine spezielle Funktion. Die einen werten den Boden auf, weil sie Stickstoff binden, die anderen locken nützliche Insekten an, wieder andere funktionieren als Wasserspeicher. So soll ein Garten entstehen, der das ganze Jahr über saisongerechtes Biogemüse abwirft, und dies erst noch bei minimalem Arbeitsaufwand und ohne Einsatz von Ressourcen wie Wasser, Dünger, Pflanzenschutzmitteln.

Im Endausbau soll die Permakultur 2,7 Hektaren gross werden. Dabei kann Gündel wiederum auf viele Helfer zählen, die von der Idee überzeugt sind und der eigens gegründeten Genossenschaft Vision Birchhof beigetreten sind. Zum Beispiel die 36-jährige Musiklehrerin Sabrina Volkart aus Zürich, die derzeit auf der ersten von fünf geplanten Pflanzflächen jätet. Auf dem Birchhof arbeitet sie an der Umsetzung des Konzeptes, als Lohn erhält sie das Gemüse, das sie selber zieht. «Damit habe ich ein Catering in der Stadt veranstaltet. Es war ein voller Erfolg, auch wenn ich noch nicht alle Busbillette hierher bezahlen konnte», sagt sie und schmunzelt.

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