AKW-Kühlwasser darf Schweizer Flüssen künftig stärker einheizen

Wie reagieren auf wärmer werdende Gewässer? Noch heisseres Wasser einleiten, findet das Uvek. Umweltschützer sind empört.

Kühlwasser heizt Fischen ein: Beim Atomkraftwerk Beznau wird regelmässig 32 Grad warmes Kühlwasser in die Aare geleitet. Foto: Euroluftbild, Picture-Alliance

Kühlwasser heizt Fischen ein: Beim Atomkraftwerk Beznau wird regelmässig 32 Grad warmes Kühlwasser in die Aare geleitet. Foto: Euroluftbild, Picture-Alliance

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Schweizer Gewässer werden wärmer. Im Rhein bei Basel zum Beispiel ist die Jahrestemperatur in den letzten Jahrzehnten um mehr als 2 Grad angestiegen. Der Klimawandel ist in den Gewässern im Mittelland messbar. Mit der Erderwärmung steigt das Risiko, dass sich die Tage im Sommer mehren werden, an denen Flüsse wie im Jahrhundertsommer 2003 über 25 Grad warm werden. Damals kam es zu einem grossen Fischsterben, zum Beispiel im Rhein zwischen Bodensee und Eglisau. Die Atomkraftwerke Beznau und Mühleberg mussten zeitweise die Leistung ihrer Reaktoren drosseln, um die Konzessionsauflagen zu erfüllen. Die Temperatur des in die Aare geleiteten Kühlwassers war in diesem Fall zu hoch.

Denn die Gewässerschutzverordnung schreibt vor: Die Temperatur des Fliessgewässers darf 25 Grad nicht überschreiten. Was aber, wenn solche Bedingungen rein wetterbedingt durch den Klimawandel immer häufiger auftreten? Dazu schreibt das Bundesamt für Umwelt (Bafu): «Aufgrund der Anforderungen der Gewässerschutzverordnung müssten deshalb vermehrt Einleitungen aus Durchlaufkühlungen in Fliessgewässer vorübergehend eingestellt werden, was zum Teil unmöglich oder mit erheblichen wirtschaftlichen Folgen verbunden ist.» Betroffen sind neben Industriewerken auch Atomkraftwerke.

Sonderregel für Beznau geplant

Besonders tangiert sind die Axpo als Betreiberin von Beznau und die BKW, deren AKW Mühleberg allerdings 2019 vom Netz geht. Beide Atomkraftwerke geben ihre Abwärme über ein Durchlaufkühlsystem in den Fluss ab. Die Beznau-Betreiber leiten regelmässig 32 Grad warmes Kühlwasser in den Fluss. Dabei sieht die Gewässerschutzverordnung etwas anderes vor: Kühlwasser darf höchstens 30 Grad warm sein. Überschreitungen sind zwar erlaubt, aber nur «kurzfristig» und «geringfügig». Illegal handelt die Axpo aber nicht. Denn ihre Praxis ist offiziell bewilligt – 1997 vom Bundesrat.

InfografikGrafik vergrössern

Wenn in Zukunft aber die Hitzeperioden länger werden, müssten nach gängiger Regelung die Reaktoren wie 2003 gedrosselt werden. Das hat der Bundesrat nun korrigiert – im Sinne einer Anpassung an den Klimawandel. Heute Freitag treten die neuen Vorschriften in Kraft. In Zukunft könnte Beznau 33 Grad warmes Kühlwasser in die Aare fliessen lassen. Um dauerhaft Kühlwasser mit dieser Temperatur einleiten zu können, braucht die Axpo wiederum eine Ausnahmebewilligung. Wie sich nun zeigt, bereitet das Departement von Energie- und Umweltministerin Doris Leuthard (CVP) eine solche vor. Das federführende Bundesamt für Energie (BFE) bestätigt entsprechende Informationen. Anders als die bestehende wird die neue Ausnahmebewilligung laut BFE aber konform sein mit der Gewässerschutzverordnung. Wie sie im Detail aussehen wird, ist noch unklar. Laut BFE läuft das Verfahren offiziell noch nicht.

«Konsequenterweise müsste man die Wärmeeinträge reduzieren.»Nils Epprecht, Schweizerische Energie-Stiftung

Die neue Verordnung samt möglicher Ausnahmebewilligung ist umstritten. «Erhöhte Wassertemperaturen wegen der Klimaerwärmung zuzulassen, heisst, das Pferd von hinten aufzuzäumen», sagt Nils Epprecht von der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES). «Konsequenterweise müsste man die Wärmeeinträge reduzieren.» Auch Michael Casanova von Pro Natura ist besorgt: Mit der neuen Regelung gebe es nun Spielraum für Wärmeeinleitungen bei Wassertemperaturen über 25 Grad. «Die Gewässerökologie wird damit in einer Zeit, in der sie bereits unter grossem Stress steht, noch weiter unter Druck gesetzt als bisher», sagt Casanova.

Der Bundesrat dagegen ortet keine Gefahr. Die Verordnungsänderung führe nur zu «geringen Auswirkungen» auf die Umwelt, sowohl im Einzelfall als auch in der Gesamtheit aller Einleitungen von Kühlwasser in der Schweiz.

Bilder: Die Atomkraftwerke der Schweiz

Die AKW-Betreiber sind verpflichtet, den Wärmeeintrag in die Flüsse zumindest zu minimieren. Dazu gehört etwa, die planbaren Revisionsarbeiten, während derer ein AKW stillsteht, in die heisse Jahreszeit zu verlegen. Das Uvek darf Beznau zudem nur eine Ausnahmebewilligung ausstellen, wenn nachgewiesen ist, dass die Einleitung von 33 Grad warmem Kühlwasser Lebensgemeinschaften von Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen nicht beeinträchtigt und die an das Gewässer abgegebene Wärmemenge insgesamt nicht zunimmt. Es gibt bisher allerdings keine langfristige Studien, die den Einfluss der Kühlwassereinleitungen auf das gesamte Ökosystem eines Flusses untersuchen. «Die Regelung ist ökologisch nicht optimal, aber vertretbar», sagt Adrien Gaudard vom Wasserforschungsinstitut Eawag in Dübendorf. Entscheidend seien letztlich die Folgen des Klimawandels.

Alternative «mit hohen Kosten»

Eine Alternative zur Ausnahmebewilligung wäre es, die Durchlaufkühlung bei Beznau zu ersetzen. Doch der Bundesrat hält ein neues Kühlsystem wie etwa einen Kühlturm für keine «nachhaltige Alternative», da der Bau «mit hohen Kosten und zusätzlichem Ressourcenverbrauch» verbunden wäre. So sieht das auch die Axpo. Sie versichert, dass Beznau in der Vergangenheit alle Vorgaben mit einer vorausschauenden Produktionsplanung und – bei Bedarf – mit der Drosselung der Produktion im tiefen einstelligen Prozentbereich eingehalten habe, namentlich in heissen Sommermonaten.

Die Axpo wird dies, falls erforderlich, auch in Zukunft machen, wie sie sagt. Von einer Lex Beznau zu sprechen, wie dies die Gegner der neuen Regelung tun, hält der Stromkonzern für eine «unstatthafte Verkürzung» des Sachverhalts. Richtig sei, dass die neue Verordnung generell «klar definierte Ausnahmemöglichkeiten» für bestehende Atomkraftwerke schaffe.

Erstellt: 31.05.2018, 23:29 Uhr

Fische unter Stress

Ab 25 Grad wird es lebensgefährlich

Wenn Wasserforscher über die steigenden Temperaturen in den Schweizer Gewässern und deren Folgen berichten, darf ein Beispiel nicht fehlen: das Äschensterben 2003 im Rhein. 26,4 Grad Celsius wurden im Untersee am 13. August gemessen. Die Folgen waren katastrophal. Rund 50'000 Aale und Äschen starben innert weniger Tage zwischen Untersee und Rheinfall. Der Rhein bei Basel überschritt an 15 Tagen die für viele Fische kritische Temperaturschwelle von 25 Grad im Tagesmittel. Solche Ereignisse können sich in Zukunft mit der Erderwärmung häufen, zumal die durchschnittliche Jahrestemperatur in Schweizer Flüssen in den letzten 40 Jahren um 0,8 bis 1,3 Grad angestiegen ist. Das zeigt eine Studie in der Fachzeitschrift «Environmental Science and Pollution Research» am Beispiel von vier Flüssen.

Die Wassertemperatur spielt eine entscheidende Rolle für Fische und wirbellose Kleinlebewesen. Sie beeinflusst deren Stoffwechsel, das Immunsystem und die Entwicklungsstadien. «Stress kann schon bei 20 Grad beginnen», sagt Adrien Gaudard vom Wasserforschungsinstitut Eawag in Dübendorf. Bei erhöhten Temperaturen löst sich weniger Sauerstoff im Wasser. Manche Organismen sind jedoch auf einen minimalen Sauerstoffgehalt angewiesen – zum Beispiel die Bachforelle. Ab 25 Grad wird es denn auch für Bachforellen und Äschen lebensgefährlich.

Hohe Wassertemperaturen begünstigen jedoch auch die Ausbreitung von Krankheiten. Zum Beispiel die Proliferative Nierenkrankheit (PKD). Sie wird durch den Parasiten Tetracapsuloides bryosalmonae verursacht. Diese Krankheit studierten Wissenschaftler bereits vor 15 Jahren im Rahmen des Forschungsprojekts Fischnetz. Sie stellten dabei fest: Bachforellen infizieren sich bei Wassertemperaturen oberhalb von 8 Grad. Der Ausbruch der Krankheit erfolgt dann, wenn sich das Wasser über mehrere Wochen im Tagesdurchschnitt auf 15 Grad erwärmt. Diese Beobachtungen wurden inzwischen auch in Island und Norwegen gemacht.

Fische reagieren auf Hitzewellen schon heute. Wird es ihnen zu heiss, beginnen sie zu wandern. Sie suchen sich kühlere Lebensräume in höheren Lagen. Das Bundesamt für Umwelt schätzt anhand eines Modells, dass sich der optimale Raum für die Bachforelle bis zum Jahr 2050 mindestens um 6 Prozent verringert, wenn die Erwärmung nicht gebremst wird. Auch Äschen werden sich neue Lebensräume suchen müssen.
Allerdings würden die Fische stark behindert, wären sie bereits heute auf grosser Wanderschaft. Verbauungen und Wasserkraftwerke stoppen sie beim Aufstieg. In den nächsten Jahrzehnten müssen deshalb in der Schweiz Fischtreppen gebaut werden, wo Fischen die Wanderschaft verwehrt wird. Zudem lässt die Vernetzung der Flüsse in der Schweiz ­immer noch zu wünschen übrig. Dabei wären kleinere, beschattete Seitenflüsse ein optimaler Ausweichort, falls eine Hitze­welle die Wassertemperaturen allzu schnell ansteigen lässt. Fischökologen fordern deshalb, die Revitalisierung von kleinere Bächen voranzutreiben.

Einen Lichtblick gibt es dennoch: Fische können sich auch an veränderte Umweltbedingungen anpassen. Bachforellen wurden auch schon in Gewässern gesichtet, die 27 Grad warm waren. (lae)

Artikel zum Thema

Nur die Axpo braucht den Beznau-Strom

Analyse Dass der Reaktor Beznau I wieder ans Netz gehen darf, freut eigentlich nur die Axpo. Für eine sichere Stromversorgung ist der umstrittene Altreaktor unnötig. Mehr...

Als die Schweiz zur Atomnation aufstieg

Zoom Historische Farbbilder von der Baustelle des Kernkraftwerks Beznau, eines der ältesten der Welt. Zum Blog

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Farbenspiel: Hibiskusblüten spiegeln sich auf einer nassen Fensterscheibe bei Frankfurt am Main. (14. Juli 2019)
(Bild: Frank Rumpenhorst) Mehr...