«Landwirtschaft ist ungesund»

Der israelische Historiker Yuval Harari hält den Beginn des Ackerbaus für einen Fehler in der Geschichte des Menschen. Unsere Steinzeit-Ahnen würden uns bedauern.

Der Mensch lebte vor der Landwirtschaft gesünder, sagt Historiker Yuval Harari (Archiv).

Der Mensch lebte vor der Landwirtschaft gesünder, sagt Historiker Yuval Harari (Archiv). Bild: Urs Flüeler/Keystone

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Essen Sie Brot?
Fast jeden Tag.

Wie können Sie dann sagen, der Übergang zum Ackerbau sei evolutionsgeschichtlich ein Fehler gewesen? Ohne Bauern kein Brot.
Aus Sicht eines relativ vermögenden Geschichtsprofessors in einem relativ gut entwickelten Land wie Israel scheint die landwirtschaftliche Revolution tatsächlich eine gute Sache. Aber aus der Perspektive eines Bauern im alten Ägypten oder auch im China des 19. Jahrhunderts sieht die Sache weit weniger attraktiv aus. Diese Bauern arbeiteten viel härter als ihre Vorfahren, die Jäger und Sammler. Dennoch war ihre Ernährung insgesamt schlechter, einseitiger. Sie waren häufiger Hunger und Seuchen ausgesetzt und litten auch mehr unter politischer Ungleichheit und Ausbeutung.

Wie war das möglich?
Der Mensch hat sich dem Jagen und Sammeln über Jahrmillionen angepasst. Unsere Körper und unser Verstand sind darauf ausgerichtet, Hirschen hinterherzurennen, auf Bäume zu klettern, Äpfel zu pflücken, den Wald nach Pilzen zu durchschnüffeln. Das bäuerliche Leben dagegen bestand aus dem stundenlangen Pflügen von Feldern, dem Heranschleppen von Wasserkübeln vom Fluss, dem Ernten von Korn unter sengender Sonne. Ein solches Leben schadete dem Rücken des Menschen, seinen Knien, Gelenken, es stumpfte seinen Verstand ab.

Das vorbäuerliche Leben war gesünder?
Ja. Und noch heute gibt es Millionen von Menschen, deren Leben härter und finsterer ist als das der Steinzeitmenschen. Klar, Näherinnen in den Billiglohnfabriken von Bangladesh essen Reis und trinken Bier, ohne Ackerbau undenkbar. Aber zwischen ihren mageren Mahlzeiten arbeiten sie 12-Stunden-Schichten, sieben Tage die Woche, eintönige Arbeit in lauten und verschmutzten Fabriken. Wenn ihre Steinzeitahnen sie sehen könnten, wären sie kaum neidisch. Sie würden ihre Wälder bevorzugen.

Sie haben ihre Wälder aber verlassen, sind vor etwa 10 000 Jahren sesshafte Ackerleute geworden. Warum? Hatten sie die Beeren satt?
Die landwirtschaftliche Revolution begann an mindestens einem halben Dutzend Orten auf der Welt, unabhängig voneinander. Zuerst im Nahen Osten, später in Zentralamerika. Je nach Ort gibt es unterschiedliche Ursachen. Klimawandel und schwindende Nahrungsressourcen waren ein wichtiger Grund. Ein weiterer waren kulturelle Ambitionen: Im Nahen Osten scheint die Landwirtschaft als Nebenprodukt religiöser und politischer Bewegungen entstanden zu sein. Im Südosten der Türkei haben Archäologen einen gewaltigen Tempel ausgegraben, den Jäger und Sammler vor etwa 11 500 Jahren erbaut haben. Diese Anlage scheint etwas mit der frühen Domestizierung des Weizens zu tun zu haben. Schliesslich spielten auch Fehleinschätzungen eine Rolle: Die Menschen dachten, Landwirtschaft würde ihr Leben besser machen. Sie waren einfach nicht in der Lage, die Langzeitkonsequenzen vorherzusehen. Fehler gehören zur Geschichte.

Viele Anthropologen sehen den Beginn des Ackerbaus als Beleg für höhere Intelligenz: Der Mensch erreicht die nötige Hirnkapazität, um sich die Erde untertan zu machen. Richtig?
Es gibt absolut keine Hinweise darauf, dass Bauern intelligenter waren als Wildbeuter. Oder dass sie grössere Gehirne hatten. Tatsächlich hatten die Menschen vor 20 000 Jahren grössere Gehirne als heute. Die durchschnittliche Grösse des Gehirns nimmt seit der landwirtschaftlichen Revolution ab.

Im Ernst? Weshalb?
In Jäger-Sammler-Gemeinschaften brauchte jeder Einzelne hervorragende mentale Fähigkeiten, um zu überleben. In landwirtschaftlichen und industriellen Gesellschaften aber spezialisierten sich die Menschen immer enger, sodass sie in den meisten Lebensnotwendigkeiten bald von der Arbeit anderer abhingen. Ein Beispiel: Als Geschichtsprofessor muss ich viel über Geschichte wissen. Aber ich habe keinen Plan, wie ich mir mein Essen besorgen soll, mein Haus bauen, meine Kleider nähen. Ich vertraue in all dem auf andere. Als Ganzes weiss das menschliche Kollektiv heute natürlich mehr als in der Steinzeit. Aber das Individuum weiss weniger. Die meisten von uns sind abhängig von globalen Handelsnetzwerken. Wir ähneln den Schimpansen immer weniger und den Ameisen immer mehr.

Sie schreiben, nicht wir hätten die Pflanzen domestiziert, sondern diese uns. Warum?
Nehmen Sie den Weizen. Vor 10 000 Jahren war er einfach ein wildes Gras, das nur im Nahen Osten vorkam. Heute bedeckt er etwa 2,25 Millionen Quadratkilometer Erdoberfläche, etwa 50-mal die Fläche der Schweiz. Diese triumphale Verbreitung rund um die Erde gelang ihm nur durch die Manipulation des Homo sapiens. Dieser Affe führte bis vor etwa 10 000 Jahren ein relativ bequemes Leben als Jäger und Sammler. Dann aber begann er, immer mehr Kraft in den Anbau des Weizens zu investieren. Innerhalb weniger Tausend Jahre machten die Menschen vielerorts von morgens früh bis abends spät kaum mehr etwas anderes, als Weizen zu hegen. Wer hat hier wen domestiziert? «Domus» bedeutet Haus. Wer lebt eingesperrt im Haus neben dem Acker? Der Mensch, nicht der Weizen.

Weshalb sind wir nicht einfach zum Wildbeuterleben zurückgekehrt?
Erstens: Als Jäger und Sammler braucht man aussergewöhnliche Überlebensfähigkeiten. Wenn man diese nicht von klein auf lernt, wird man sie wohl kaum je beherrschen. Zweitens: Die Überschüsse an Nahrungsmitteln, die von der landwirtschaftlichen Revolution produziert wurden, liessen die weltweite Menschenpopulation stark anwachsen, von ein paar Millionen zu Hunderten Millionen. Es hätte keine Möglichkeit gegeben, diese Massen nach einer Rückkehr zum Jagen und Sammeln zu ernähren. Drittens: Die kleinen Eliten, die die landwirtschaftlichen Gesellschaften dominierten – also Könige, Priester, Händler –, genossen ein ziemlich gutes Leben. Sie ernteten die wahren Erträge der landwirtschaftlichen Revolution. Und hatten deshalb keinen dringenden Wunsch, ihre Gesellschaften zurück in die Steinzeit zu führen.

Der Mensch litt also als Bauer häufiger unter Hunger und Mangelernährung, vermehrte sich aber auch stark. Und baute Städte, Opernhäuser, Brauereien. Wäre all diese Pracht ohne Landwirtschaft möglich gewesen?
Absolut nicht. Städte, Königreiche, Opernhäuser, aber auch Armeen, Gefängnisse und Konzentrationslager können ohne Landwirtschaft nicht unterhalten werden. Wie gesagt: Der vermögenden Mittelklasse mag das Ende des Wildbeutertums eine gute Sache scheinen. Dem ausgehungerten Bauern im mittelalterlichen China eher nicht.

Sie untersuchen, weshalb der Homo sapiens viel erfolgreicher war als seine Verwandten. Hat die Landwirtschaft damit zu tun?
Ackerbau ist das Resultat unseres Erfolgs, nicht die Ursache. Der Homo sapiens war bereits die beherrschende Spezies des Planeten, als die landwirtschaftliche Revolution begann. Lange bevor er das erste Feld bepflanzte, brach der Sapiens aus Ostafrika auf, um die Welt zu kolonisieren. Er tötete alle anderen Menschenarten, etwa den Neandertaler, und rottete die Hälfte der übrigen grossen Landsäugetiere aus. Vor 45 000 Jahren überquerte er den Ozean und kam nach Australien. Doch innert einiger Tausend Jahre waren 95 Prozent der dortigen Grossfauna ausgestorben. Das war das Werk von Jägern und Sammlern, nicht von Bauern.

Sie nennen unsere Spezies das gefährlichste Raubtier der Welt. Als Bauern wurden wir dann aber etwas tierlieber, oder?
Nein. Die Landwirtschaft schuf eine komplett neue Form des Lebens: Haustiere. Zu Beginn war diese Entwicklung mässig wichtig, da die Menschen nur etwa 20 Arten von Vögeln und Säugetieren zähmen konnten – wenig im Vergleich zu den Abertausenden wild lebenden Spezies. Doch im Laufe der Jahrhunderte wurde diese neue Lebensform vorherrschend. Mehr als 90 Prozent aller grossen Tiere auf der Erde sind heute domestiziert. Das hat eine neue Form von Leid geschaffen, die immer schlimmer wurde: Die Fleisch-, Milch- und Eierindustrie behandelt Milliarden domestizierter Tiere heute nicht wie lebendige Kreaturen, sondern wie Maschinen. Die Tiere werden in fabrikartigen Anstalten massenweise produziert, ihre Körper nach den Bedürfnissen der Industrie geformt. Sie verbringen ihre Leben in einer gigantischen Fertigungsstrecke, die Länge und Qualität ihrer Existenz ist vorgegeben durch Gewinne und Verluste von Unternehmen. Industriell betriebene Landwirtschaft ist, gemessen am verursachten Leid, wohl eines der ärgsten Verbrechen in der Geschichte.

Verglichen mit einem Konsumenten hat ein Landwirt immerhin noch Bezug zu Tieren. Auf dem Bauernhof ist man der Natur näher.
Das ist naiv. Bauernhöfe sind näher bei Fabriken als bei der wilden Natur. Es hat vier Milliarden Jahre gedauert, bis der erste Bauernhof entstand. Danach nur 10 000 Jahre bis zum ersten Supermarkt.

Fehler oder nicht: Unsere jüngere Geschichte ist bäuerlich. Wie prägt das unser Selbstbild?
Die Landwirtschaft hat dafür gesorgt, dass die Menschen sich allen anderen Tieren überlegen sehen, sich als wirklich gesondert von der restlichen Natur verstehen. Die meisten unserer alten Religionen sind von der landwirtschaftlichen Revolution geschaffen worden. Darum reden sie von Hirten und Lämmern. Wir verbinden Religion normalerweise nicht mit Ackerbau, aber zumindest in ihren Anfängen waren Judaismus, Christentum und Hinduismus landwirtschaftliche Unternehmungen. Ihre Theologie, Mythologie und Liturgie kreiste um die Beziehung, die der Mensch zu den domestizierten Pflanzen und Tieren unterhielt. Die Götter boten sich an als Vermittler. Wenn die Menschen ein Opfer darbrachten, meist in der Form von landwirtschaftlichen Produkten oder Tieren, dann beschützten die Götter die Herden und die Ernte.

Wir in der Schweiz feiern Landwirtschaft als Teil unserer Identität. Ist das nostalgisch?
Unsere bäuerliche Vergangenheit prägt nicht nur unsere religiösen Rituale und Mythen, sondern auch unsere Sprache, unsere Metaphern, unsere Märchen. Aschenputtel lebt genauso in einem Bauerndorf wie die Schlümpfe. Nationalhelden wie Jeanne d’Arc und Wilhelm Tell sind tief verwurzelt im landwirtschaftlichen Leben. Daher ist es nicht erstaunlich, dass viele moderne Staaten am Bauerntum festhalten, auch wenn mancherorts nur noch weniger als fünf Prozent der Bevölkerung auf einem Hof ihre Lebensgrundlage verdienen.

Sollte eine Nation sich im Kriegsfall nicht selber versorgen können?
Die heutige Welt ist global. Unsere Hauptprobleme – von der Erderwärmung bis zum Aufstieg künstlicher Intelligenz – sind alle globaler Natur. Es gibt nur ein einziges Schiff, es heisst Planet Erde. Wenn es sinkt, sinken wir alle mit ihm. Es gibt viele Gründe, eine grosse landwirtschaftliche Produktion aufrechtzuerhalten. Wer aber glaubt, man könne globale Katastrophen mit eigener Butter und eigenem Brot abwenden, irrt sich wahrscheinlich.

Ihr Buch endet mit dem Ende des Homo sapiens. Heute überwinden wir unsere biologischen Grenzen, verändern unser Erbgut. Werden wir Superbauern des Lebens, unser eigenes Saatgut?
Genau. Seit dem Aufkommen des Lebens auf der Erde vor etwa vier Milliarden Jahren war das Leben regiert durch natürliche Selektion. Ob du ein Virus warst oder ein Dinosaurier, du hast dich unter den Gesetzen der natürlichen Selektion fortentwickelt. Und egal, welche fremden und seltsamen Formen das Leben annahm, es war immer beschränkt auf den Bereich des Organischen. Ob Kaktus oder Wal: Leben bestand stets aus biologischem Material. Nun schickt sich die Wissenschaft an, natürliche Selektion durch intelligentes Design zu ersetzen, ja sogar nicht biologisches Leben zu starten. Eine neue Ära bricht an, in der unorganisches Leben von uns geformt wird. Niemand hat auch nur die geringste Idee, was die Folgen davon sein werden.

* Das Interview wurde schriftlich geführt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.05.2016, 15:53 Uhr

Yuval Harari

Der Historiker Yuval Harari, 1976 geboren, ist Professor an der Hebrew University in Jerusalem, Israel. Mit «Eine kurze Geschichte der Menschheit», auf Deutsch 2013 erschienen, gelang ihm ein Bestseller. Das Buch sucht nach Ursachen für den Aufstieg des Homo sapiens.

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