Maden als nützliche Fressmaschinen

Die Larven der Schwarzen Waffenfliege können biologische Abfälle in tropischen Ländern kompostieren. Aufgezogen werden sie in Dübendorf.

Nach der Paarung im Liebeskäfig legt ein Weibchen bis zu 400 Eier in die Rillen eines Plastikballs. Daraus entwickeln sich Larven, die sich verpuppen und für die Weiterzucht verwendet werden. Foto: Eawag

Nach der Paarung im Liebeskäfig legt ein Weibchen bis zu 400 Eier in die Rillen eines Plastikballs. Daraus entwickeln sich Larven, die sich verpuppen und für die Weiterzucht verwendet werden. Foto: Eawag

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In dem fensterlosen, schmalen Raum mit kahlen Stahlwänden ist es heiss und feucht. Ein starker Ammoniakgeruch hängt in der Luft. Es stinkt. Das Atmen fällt einem schwer. Doch der ETH-Studentin Klara Hauser scheint dies nicht viel auszu­machen. Sie öffnet einen Brutschrank und holt ein paar ­tennisballgrosse Plastikkugeln heraus, die mehrere tiefe Einschnitte haben. Dort kleben Zehntausende winzige Eier, aus denen in wenigen Tagen bereits Larven schlüpfen.

Die Aufzuchtstation der Schwarzen Waffenfliege ist in einem Container auf dem Gelände des Wasserforschungsinstituts Eawag in Dübendorf bei Zürich untergebracht. Hier untersucht die Gruppe von Christian Zurbrügg in Zusammenarbeit mit der ETH Zürich, wie eine Heerschar der im Labor gezüchteten Maden verschiedene biologische Abfälle verwertet und wie durch diese Form des Recyclings letztlich ein hochwertiger, nachhaltiger Rohstoff entsteht. Denn die Larven der Schwarzen Waffenfliege reduzieren innerhalb von 14 Tagen den Abfall um rund zwei Drittel und verwandeln diesen zu 20 Prozent in Körpermasse. In kurzer Zeit entwickeln sie sich somit zu regelrechten Proteinbomben.

«Nach dem Schlüpfen fallen die Larven aus den Bällen in eine Schale», erklärt Klara Hauser. Darin befindet sich Hühnerfutter für die ersten Tage des Larvenwachstums. In einer anderen Plastikschale wabert bereits eine dunkelbraune Masse aus grösseren Larven. Dort wuseln die ­Maden wild umher und strecken ihre Köpfe empor. Behutsam stellt Hauser das Gefäss wieder zurück in den Brutschrank.

Gefrässige Larvenim Labor

Aus einem Regal am Ende des Containers holt sie eine andere Schale hervor, in der sich die Maden bis ins Vorpuppenstadium entwickelt haben. Dann wiegt sie 0,2 bis 0,4 Gramm aus der Schale ab und zählt die Tierchen dort drin aus. Auf diese Weise liesse sich die Anzahl der Insekten in der gesamten Schale hochrechnen, sagt Hauser. Dies sei für die Weiterzucht wichtig, so habe es in jedem Käfig am Schluss circa 4500 bis 5500 Fliegen. Die aus den Subtropen und Tropen stammenden Fliegenlarven ernähren sich hauptsächlich von organischen Abfällen. Deshalb sind sie für Christian Zurbrügg auch so interessant: «In Ländern mit mittlerem und tieferem Einkommen liegt der Anteil an organischen Abfällen bei bis zu 80 Prozent.» Diese landen meist auf Deponien, wo sie das Grundwasser verschmutzen und ohne Sauerstoff verrotten. Die Bakterien, die dafür verantwortlich sind, produzieren dabei das Treibhausgas Methan. «Solche Deponien stellen daher ein grosses Gesundheitsrisiko dar», sagt Zurbrügg. Mithilfe der Larven lässt sich dies vermeiden und gleichzeitig ein Abfallprodukt sinnvoll weiterverwerten.

Arbeitsplätze schaffen als Mehrwert

In mehreren Ländern testet die Eawag Versuchsanlagen für organische Abfälle, darunter auch Biogas- und Kompostieranlagen. Doch in Indonesien zum Beispiel, wo der Boden sehr fruchtbar ist, findet der Kompost wenig Abnehmer. «Nur wenn aus dem Produkt ein Mehrwert geschaffen werden kann und dadurch auch Arbeitsplätze entstehen, wird Recycling vor Ort umgesetzt», erklärt Zurbrügg. Deshalb hat die Eawag vor vier Jahren nahe Surabaya, der zweitgrössten Stadt Indonesiens, eine Larvenanlage zur Verwertung von Gemüse- und Obstabfällen installiert, die sich bewährt hat und nun von der Stadt Surabaya weiterentwickelt wird.

Am Standort in Dübendorf wird dagegen vor allem in kleinerem Massstab geforscht, welche Art von organischem Restmüll, ­darunter auch Restaurantab­fälle, sich gut für die Fütterung dieser Insektenart eignet. Die aus­gewachsenen Larven sind etwa zwei Zentimeter gross und ­haben einen hohen Protein- und Fettanteil. «Dies macht sie auch als Tierfutter sehr interessant», sagt Zurbrügg. Denn ­weltweit steige der Fleisch­konsum der Weltbevölkerung jährlich um etwa 3 Prozent. Weil Hühner, Fische und Schweine heute mit Futtermais, Sojabohnen und Fischmehl gefüttert werden, brauche es dringend ­Alternativen.

Ausgewachsene Larven haben einen hohen Protein- und Fettanteil.

Hinzu kommt, dass Soja und Mais grosse Ackerflächen beanspruchen, die dann nicht mehr für den Lebensmittelanbau zur Verfügung stehen. Soja verbraucht zudem viel Wasser und Chemikalien. «Das ist nicht nachhaltig, aber billig», sagt Zurbrügg und nennt ein anderes Beispiel. «Für die Aufzucht von einem Kilo Zuchtfisch braucht es vier Kilo wild gefangene Fische, die zu Fischmehl verarbeitet werden.» Einer der Gründe für die Überfischung der Weltmeere. «Daher sind andere Proteinquellen wie etwa die Larven der Schwarzen Waffenfliege auch so interessant.»

An der Eawag dienen die Maden aber nicht als Futtermittel, sondern werden zu Forschungszwecken analysiert oder dürfen sich dort verpuppen und auch vermehren. Da dies in einem anderen Gebäude stattfindet, verpackt Klara Hauser zur Sicherheit die Behälter zweimal. Denn keine einzige Larve oder Fliege darf entkommen: Sie sind in der Schweiz nicht heimisch und unterliegen daher der Einschliessungsverordnung. Deshalb hängen an der Tür auch warnende Zettel: «Vorsicht, biologische Gefahr!» und «Zutritt nur für berechtigte Personen!».

Auch in diesem Raum herrscht ein ähnlich unange­nehmes Klima wie im Container. Auf den weiss abgeklebten ­Tischen stehen hier sogenannte Liebeskäfige mit Tausenden von Fliegen, in denen sie sich paaren. Doch meist schwirren sie chaotisch herum oder ­hocken träge an den Netzen. In ihrem letzten Entwicklungsstadium fressen sie nicht mehr, sondern trinken lediglich Wasser. Denn sie leben nur noch etwa eine Woche. Und ihre einzige Aufgabe besteht darin, in dieser Zeit möglichst viele Nachkommen zu produzieren.

Zitronenwasser gegen den Gestank

«Die Weibchen legen 200 bis 400 Eier», sagt Hauser. Damit keine Fliegen aus dem kleinen Labor entkommen, sind alle Öffnungen von Klimaanlage, Abfluss und Lüftung mit zusätzlichen Netzen abgedeckt. Und in Schalen zwischen den Käfigen steht Zitronenwasser, das den Gestank etwas reduzieren soll. Stunden danach hängt einem der penetrante Geruch noch in der Nase und in den Kleidern. Dies sei nur an der Eawag so auffallend, da die Fliegen in kleinen Räumen gehalten würden, meint Zurbrügg bei einem späteren Gespräch. In Indonesien wehe dagegen der Wind durch die offene Anlage, sodass es kein Problem sei. In Surabaya hätten sie mit der Schwarzen Waffenfliege geradezu eine Win-win-Situation. Denn aus einer Tonne Bioabfall erzeugten sie dort jeden Tag bis zu 200 Kilogramm ­proteinhaltige Larven. Und man ­füttere auch bereits Hühner und Fische damit.

Erstellt: 25.10.2018, 23:01 Uhr

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