Mehr Macht durch Freunde

Die weiblichen Tüpfelhyänen sind dominanter als die Männchen, weil sie sozial besser vernetzt sind. Bei Konflikten können sie sich auf eine grössere Unterstützung der Gruppenmitglieder verlassen.

Die hell- und dunkelbraun gefleckten Tüpfelhyänen haben einen markanten Kamm auf dem Schädel. Foto: Arco Images, Alamy

Die hell- und dunkelbraun gefleckten Tüpfelhyänen haben einen markanten Kamm auf dem Schädel. Foto: Arco Images, Alamy

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Wer neu zu einem Clan kommt, ist in der Hierarchie erst einmal ganz unten. Zumindest im Ngorongoro-Krater in Tansania, wo die Männchen der Tüpfelhyänen sich im Alter von dreieinhalb Jahren auf Wanderschaft begeben und sich einer benachbarten Sippe anschliessen. Das bedeutet, erst einmal klein beigeben und warten, ob sich vielleicht irgendwann eine Gelegenheit ergibt, in dieser strikten Rangordnung ein wenig aufzusteigen.

Denn der unumstrittene Boss ist hier ein Weibchen. Als Alphatier gibt es den Ton an, hat immer den Vorrang, darf zum ­Beispiel als erstes an ein von anderen Gruppenmitgliedern gejagtes Gnu heran und sich den Bauch vollschlagen. Danach sind die eigenen Nachkommen an der Reihe, die jüngsten ­Töchter und Söhne, dann deren ältere Geschwister sowie die nächsten Verwandten und ganz am Schluss dann der Neu­ankömmling. Für den Fremden bleiben manchmal nur noch ein paar Hautfetzen und Knochen übrig.

Tüpfelhyänen gehören zu den letzten Grossraubtieren Afrikas, die nicht vom Aussterben bedroht sind und in vielen Ländern südlich der Sahara vorkommen. Entgegen ihrem schlechten Ruf als faule Aasfresser sind sie talentierte und ausdauernde Jäger, die bis zu 60 Kilometer pro Stunde rennen können. Doch warum leben sie in einem strengen Matriarchat, in dem ein Männchen nur als Sohn eines hochrangigen Weibchens sich eine hohe Position ergattern kann?

Weibchen mit Pseudo-Penis

Bisher ging man davon aus, dass sich Weibchen im Gegensatz zu den Männchen grundsätzlich mehr Respekt im Clan verschaffen können, weil sie etwas grösser und schwerer sind. Ganz nach dem Prinzip: Der Stärkere ist der Mächtigere. Hinzu kommt, dass die Weibchen stark vermännlichte äussere Genitalien haben und einen Pseudo-Penis sowie Pseudo-Hoden besitzen. Doch nun widerlegt ein Forscherteam vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin und dem Institut des Sciences de L’Evolution de Montpellier (ISEM) in der Fachzeitschrift «Nature Ecology & Evolution» die gängige Hypothese der machohaften Damen.

«Wenn zwei Hyänen streiten, gewinnt diejenige, die auf mehr soziale Unterstützung zählen kann – unabhängig von Geschlecht, Grösse und Aggressivität», sagt Oliver Höner vom IZW. Seit mehr als zwei Jahrzehnten beobachtet er zusammen mit Kolleginnen und Doktoranden die acht im Krater lebenden Clans. Insgesamt hätten sie für die Studie 4133 Auseinander­setzungen zwischen 748 Tüpfel­hyänen ausgewertet und mit einem speziellen Algorithmus analysiert. Die Dominanz der Weibchen in einer Gruppe sei nicht auf ihre körperliche Überlegenheit zurückzuführen, sondern auf die Beliebtheit in der Gruppe, erklärt der Schweizer Zoologe weiter.

Tüpfelhyänen demonstrieren klipp und klar, wer von ihnen wo in der Hierarchie steht. Die Machtspielchen in der Rangordnung lassen sich nicht falsch deuten, ein Aufmüpfiger wird ­sofort in seine Schranken verwiesen. «Blut fliesst dabei selten», sagt Höner. Denn ein Biss könne aufgrund der enormen Beisskraft zu schweren Verletzungen führen.

An vorderster Front gegen den Löwen

Dennoch fletscht ein unterwürfiges Männchen im Streit ums Futter noch kurz die Zähne. Mit dieser Drohgebärde zeigt er dem Gegner oder der Rivalin seine potenziell gefährlichste Waffe, mit der er auch ohne weiteres Knochen eines Büffels durchbrechen kann. Gleichzeitig gehört zu diesem ritualisierten Verhalten unter anderem aber auch, dass er die Ohren gefaltet nach hinten legt. Ein weiteres Zeichen, dass er ehrfürchtig ist und nachgibt.

Wenn ein Löwe kommt, weiss eine sozial gut vernetzte Tüpfelhyäne, dass sie sich auf die anderen stets verlassen kann. Dies führt dazu, dass etwa das Alphaweibchen in der Nähe seines Zuhauses sogar an vorderster Front gegen den eigentlich viel stärkeren König der Savanne antritt. Wenn die Situation extrem brenzlig wird, holt es sich mit lauten Rufen Hilfe. Eine schlecht vernetzte Tüpfelhyäne traut sich dagegen keine so waghalsigen Auseinandersetzungen zu.

Selbstbewusste Halbstarke

Statt der körperlichen Dominanz ist nur der soziale Rückhalt wichtig. Das geht sogar so weit, dass ein Halbstarker es ganz allein mit einer doppelt so grossen Hyäne aufnehmen kann. Denn der Teenie weiss genau, dass im Notfall seine Bodyguards aus der Clique zu ihm eilen und für ihn kämpfen. Dies stärkt sein Selbstbewusstsein und sein Auftreten. Natürlich funktioniert es nur, wenn seine Helfer noch in Rufdistanz sind.

Das Wissenschaftlerteam konnte zudem zeigen, dass auch der vorübergehend hohe Testosteronspiegel bei den Weibchen keine Rolle für die Vorherrschaft über das andere Geschlecht spielt. Denn nur am Schluss der Trächtigkeit wird die werdende Mutter mit Testosteron vollgepumpt. Dies führt dazu, dass dann auch die Föten mit dem männlichen Hormon geradezu überschwemmt werden. Egal, ob später ein Sohn oder eine Tochter geboren wird.

«Viele Verhaltensforscher haben die Dominanz der Hyänenweibchen bisher gern damit erklärt, dass die männliche Seite viel stärker ausgeprägt ist», sagt Höner. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die weiblichen Eigenschaften wie das soziale Engagement und die Vernetzung in der Gruppe seien entscheidend, wie häufig jemand eins aufs Dach bekomme, fügt er hinzu. Das seien jedenfalls die Fakten, wie es im Krater bei den Hyänen abgehe.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 19.11.2018, 21:48 Uhr

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