Unser Meer stirbt

Die Ozeane sind bedroht von der Klimaerwärmung, vom Müll, von Überfischung. Das Bewusstsein dafür wächst viel zu langsam. Doch noch liesse sich etwas retten.

Manila Bay, Philippinen: Jede Sekunde landen Hunderte Kilogramm Plastik in den Meeren. Foto: Reuters

Manila Bay, Philippinen: Jede Sekunde landen Hunderte Kilogramm Plastik in den Meeren. Foto: Reuters

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«Unser Ozean» hiess die internationale Konferenzreihe zum Meeresschutz, die letzte Woche zum vierten Mal stattfand, diesmal auf Malta. Der Name ist sicher gut gemeint, aber eigentlich steckt dahinter ein absurder Besitzanspruch. Der Ozean war lange vor dem Menschen auf der Erde und wird noch lange nach ihm da sein. Wer sagt, dass der Mensch ihn als sein Eigentum betrachten kann, eines gar, das er nach Belieben aufteilen, ausbeuten, zumüllen, aufheizen und versauern lassen darf?

Aber genau das tut der Mensch, und der Raubbau geht täglich weiter. Ein Bewusstsein dafür fehlt fast völlig. Noch scheint ja auch alles in Ordnung zu sein: Das Wasser am Ferienstrand ist blau, der Alaska-Seelachs liegt wie immer im Tiefkühlregal (der Aal nur noch selten, weil er vom Aussterben bedroht ist; aber wer mag schon Aal?). Wie dramatisch die Situation im Jahr 2017 ist, das merkt man erst, wenn man unter die Wasseroberfläche schaut.

Zerstörte Korallenriffe sieht man dort, seit das Klimaphänomen El Niño von 2015 und 2016 das ohnehin viel zu warme Wasser weiter aufgeheizt hat. Wo früher das Leben wuselte, sind heute oft modrige, algenbewachsene Todeszonen zu sehen. Fast 30 Prozent der Korallen am Great Barrier Reef vor Australien sind bereits tot oder schwer geschädigt.

Wenn Forscher befürchten, dass es zur nächsten Jahrhundertwende so gut wie keine Korallen mehr gibt, dann ist das keine Schwarzmalerei, sondern ein Szenario, das durchaus eintreffen könnte. Das ist nicht nur ein ästhetisches Problem für Taucher, sondern ein grundsätzliches: Intakte Korallenriffe sind die Kinderstube für zahllose Fischarten und Lebensraum für viele andere Meeresbewohner. Von ihnen hängt der Fisch- und Artenreichtum der Meere ab.

Nun ist die Natur bemerkenswert anpassungsfähig, vielleicht kämen die Meere mit dem Klimawandel noch irgendwie zurecht. Leider sollen sie sich auch noch mit bis zu 400 Kilogramm Plastikmüll arrangieren, der pro Sekunde in sie hineingekippt wird. Und mit Fischtrawlern, die viel zu viele Fische aus dem Meer holen, oft mit brutalen Methoden, die am Meeres­boden grosse Zerstörung hinterlassen. Manche Fischer ernten Tiefseebestände ab, denen die Evolution nie beigebracht hat, sich mit der Fortpflanzung etwas zu beeilen. Wenn sie sich überhaupt erholen, dann vergehen Jahrzehnte, und das empfindliche Nahrungsnetz im Meer gerät durcheinander. Es sind zu viele Belastungen auf einmal, und alle hat der Mensch verursacht.

Veränderung ist möglich

Es gibt keine einfache Lösung – aber das heisst nicht, dass man nichts tun könnte. Der Klimawandel wird den Meeren nicht erspart bleiben, aber ob es zwei, drei oder gar vier Grad werden, lässt sich noch steuern. Bei der Fischerei hat sich schon einiges getan, jetzt wäre es an der Zeit, Subventionen für viel zu grosse Flotten und schädliche Fangmethoden abzubauen. Den Plastikmüll wird man wohl kaum komplett aus dem Meer fischen können, aber man kann Recycling und Kreislaufwirtschaft vorantreiben, gerade auch in ärmeren Ländern.

Jüngste Erfolge zeigen, dass Veränderung möglich ist. Nie war der Meeresschutz international so präsent wie heute, dazu haben auch Konferenzen wie «Our Ocean» beigetragen. Noch vor wenigen Jahren schien das UNO-Ziel, bis 2020 zehn Prozent der Meeresfläche unter Schutz zu stellen, vollkommen illusorisch. Aber dann folgte Schutzgebiet auf Schutzgebiet. Inzwischen sind es bereits rund sechs Prozent. Wenn es so weitergeht, wird das Ziel leicht erreicht. Zugleich wird über ein erstes Hochsee-Abkommen verhandelt, das es ermöglichen würde, auch die internationalen Meere zu schützen.

Ohne strenge Vorschriften, Kontrollen und Transparenz taugt ein Schutzgebiet allerdings nicht viel. Auch werden Schutzzonen allein die Meere nicht retten, wenn ringsum weiter aus Profitinteresse gewütet wird. Besser wäre ein globales Abkommen ähnlich dem Pariser Klimavertrag, das alle Staaten auf klare Ziele zur Rettung der Meere verpflichtet.

Erstellt: 09.10.2017, 09:55 Uhr

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