Nichts wie raus hier

Pferde sind sehr geschickt darin, Türen und Schlösser zu entriegeln. Verhaltensforscher erklären, weshalb das so ist.

Pferde sind von Natur aus sehr neugierig und scharfe Beobachter.

Pferde sind von Natur aus sehr neugierig und scharfe Beobachter. Bild: Keystone

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Wer ein Pferd in einem Stall hält, sollte die Tür nicht nur mit einem simplen Metallstift verriegeln, sondern besser ein Vorhängeschloss daran hängen – und selbst das könnte möglicherweise nicht genug sein. Wie Forscher kürzlich im Fachmagazin PLOS One schrieben, sind Pferde offenbar erstaunlich versiert darin, Türen und Schlösser zu entriegeln. Die Wissenschaftler um Konstanze Krüger von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen ermittelten anhand eines Fragebogens, den sie an Pferdebesitzer weltweit verschickten, wie geschickt Pferde im Türöffnen sind. Ausserdem werteten sie 77 Youtube-Videos aus, die Hengste oder Stuten beim Knacken unterschiedlichster Schliessvorrichtungen zeigen.

Insgesamt trugen sie 513 Fallberichte von Pferden zusammen, die eigenständig und ohne vorheriges Training Türen und Schlösser öffnen konnten. In vielen Fällen waren es relativ simple Verriegelungen, bei denen die Pferde einen Bolzen nach oben oder zur Seite schieben mussten. Diese klassifizierten die Forscher als leichter, auch weil die Tiere nur wenige Bewegungen dafür benötigten.

Für einige Schlösser mussten die Pferde dagegen komplexere Bewegungen ausführen – und waren dennoch erfolgreich. So öffneten die Vierbeiner 43 Drehverschlüsse, drückten 42 Türklinken nach unten, knackten 40 Karabiner und meisterten 34 Mal elektrisch gesicherte Zäune, indem sie mit ihrem Maul den isolierten Griff bewegten, ohne den unter Spannung stehenden Metallzaun zu berühren.

Die meisten Pferde hatten nur eine bestimmte Tür oder ein spezielles Gatter im Griff. Allerdings gab es auch Pferde, die den gleichen Schliessmechanismus an verschiedenen Orten betätigten oder sogar mehrere verschiedene Verriegelungen nacheinander lösten. Letztere beeindruckten die Forscher besonders. «Bei einigen Tieren kann man sagen, sie haben das generelle Prinzip verschlossener Tore verstanden», sagt Studienautorin Krüger.

Die Studie basiert grossteils auf Schilderungen von Pferdehaltern. Ob die immer die Wahrheit sagen?

Wie die Wissenschaftler aber selbst einräumen, unterliege die Studie gewissen Zweifeln, basiert sie doch zum Grossteil auf Schilderungen von Pferdehaltern – und diese müssen nicht immer akkurat sein. Auch kann nicht ausgeschlossen werden, dass der ein oder andere Pferdehalter eine vermeintliche Meisterleistung seines vierbeinigen Freundes etwas zu wohlwollend interpretiert oder ihm die Fähigkeit – anders als behauptet – sehr wohl antrainiert hat. Zumal auch das Videomaterial überwiegend leicht zu knackende Tore zeigt, bei denen «nur» ein Schieber horizontal oder vertikal bewegt werden musste. In neun Videos drücken die Pferde immerhin eine Türklinke nach unten, von den komplexeren Aufgaben existieren so gut wie keine Filmaufnahmen.

Dass Pferde aber kognitiv dazu imstande sind, auch kompliziertere Schliessmechanismen zu knacken, ist zumindest denkbar. Ein Beispiel dafür hat die Pferdeforscherin Vivian Gabor geliefert. In ihrer Doktorarbeit versuchte die wissenschaftliche Mitarbeiterin im Department für Nutztierwissenschaften an der Universität Göttingen, Pferden das Prinzip der Gleichheit beizubringen. Dabei standen die Tiere vor einem Flachbildschirm und sollten einen Knopf drücken, sobald gleiche Symbole angezeigt wurden. Jede richtige Aktion wurde mit einer kleinen Leckerei belohnt. Nach einiger Zeit hatten die Tiere das Muster verinnerlicht und konnten schliesslich nicht nur gleiche Symbole, sondern auch die gleiche Anzahl von Symbolen erkennen. «Mit der Studie konnten wir zeigen, dass Pferde zu abstraktem Lernen in der Lage sind und dabei eigene Regeln in ihrem Kopf erschaffen», sagt Gabor und fragt: «Warum sollen sie dann nicht auch herausfinden, wie das Gattertor geöffnet werden kann?»

Auch Melissa Schedlbauer, Tierärztin und Pferdeforscherin an der LMU München, hält die Ergebnisse für valide. «Pferde können tatsächlich sehr gewitzt sein», sagt sie. Das zeigen auch ihre eigenen Erfahrungen. «Ich habe lange an einer Pferdeklinik gearbeitet. Die Pferde waren in Ställen untergebracht, die mit einem besonderen Schliessmechanismus gesichert waren», sagt sie. «Um das Tor zu öffnen, musste zunächst ein erster Riegel nach oben gezogen und dann ein zweiter Riegel nach links geklappt werden. Ein sicherer Verschluss, möchte man meinen.» Sie hätten die Tiere jedoch unterschätzt: «Die Pferde haben immer wieder beobachtet, in welcher Reihenfolge wir Menschen die Schieber betätigen. Am Ende mussten wir ein Metallschloss anbringen, damit uns die Tiere nicht ausbüchsten.»

Sind Pferde also besonders intelligent? Auf manche treffe das bestimmt zu, sagt die Tierärztin, allerdings werde kein Tier als Genie geboren. Stattdessen sei vermeintliche kognitive Brillanz oft das Ergebnis langwieriger Trial-and-Error-Verfahren. Das sieht Vivian Gabor ähnlich. «Pferde sind von Natur aus sehr neugierig. Wenn sie Langeweile verspüren, ist es keine Überraschung, wenn sie mit dem Maul an Türverschlüssen herumspielen und dabei irgendwann verstehen, wie die Stalltür entriegelt wird», sagt sie. Die in Zusammenhang mit dem Schlossknacken wohl wichtigste Eigenschaft der Vierbeiner sei jedoch etwas anderes, sagen Schedlbauer und Gabor: Pferde sind extrem scharfe Beobachter.

Einst machte der «kluge Hans» als rechnendes Pferd Furore. Dabei hatte er anderes im Sinn

Keine Geschichte könnte diese These wohl besser untermauern als die vom «klugen Hans». Der «kluge Hans», so hiess ein schwarzer Araberhengst des Mathematikers Wilhelm von Osten, der um das Jahr 1900 herum einige Berühmtheit erlangte. Wie sein Besitzer vor Zuschauern regelmässig demonstrierte, hatte er seinem Pferd vermeintlich das Rechnen beigebracht. Ob Addieren, Subtrahieren, Multiplizieren oder schlicht Dinge zählen, der «kluge Hans» lieferte stets das richtige Ergebnis, indem er wiederholt mit seinem Vorderhuf aufstampfte.

Recht schnell fiel Wissenschaftlern jedoch auf, dass Hans nur dann klug war, wenn er den Fragesteller sehen konnte. Trug der Hengst Scheuklappen, hatte er das Attribut «klug» nicht länger verdient und scheiterte kläglich. Der Psychologe Oskar Pfungst war es schliesslich, der das Rätsel löste: Durch unbewusste Kopf- oder Augenbewegungen signalisierten die Fragesteller dem Pferd, wann es mit dem Stampfen aufzuhören hatte. Hans konnte also mitnichten rechnen, sondern war stattdessen in der Lage, subtilste Änderungen in der Mimik von Menschen zu deuten – eigentlich eine kaum minder beeindruckende Fähigkeit.

Erstellt: 09.08.2019, 18:28 Uhr

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