«Nur zwei Schüler kannten Edelweiss»

Wer im Garten Erfolg haben will, muss anfangen, artgerecht zu gärtnern, sagt Gärtnermeister Klaus Oetjen.

Klaus Oetjen (63) ist Gärtnermeister im Botanischen Garten Alpinum Schatzalp oberhalb von Davos.

Klaus Oetjen (63) ist Gärtnermeister im Botanischen Garten Alpinum Schatzalp oberhalb von Davos.

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Klaus Oetjen, Sie plädieren für artgerechtes Gärtnern. Bei aller Liebe für die Pflanzen – ist das nicht ein etwas starker Begriff?
Nein, es geht mir darum, den Garten aus Sicht der Pflanzen zu betrachten und nicht des Menschen. Wir leben zu oft im «Haben», um es mit Erich Fromm zu sagen. Wir wollen besitzen, wir wollen zeigen...

Was ist daran nicht gut?
Pflanzen kosten heute fast gar nichts mehr. Man fährt ins Gartencenter, kauft, was einem gefällt. Ohne die Pflanze und ihre Bedürfnisse auch nur ansatzweise zu kennen, setzt man sie irgendwo in den Garten, wo es ihr vielleicht gar nicht entspricht, sie nicht wachsen kann. Wer artgerecht gärtnert, der fängt ganz anders an.

Konkret?
Indem er die Pflanze als Individuum ins Zentrum stellt, sich ein Grundwissen über sie aneignet. Es braucht eine neue Einstellung den Pflanzen gegenüber, dann wird man automatisch auch im Garten Erfolg haben.

Haben die Leute heute weniger Pflanzenkenntnisse als früher?
Definitiv. Ich habe hier im Alpengarten schon Klassen mit 20 Schülern gehabt, von denen 17 die Brennnessel nicht kannten. Kürzlich waren 17 Schüler hier, von denen nur zwei wussten, wie das Edelweiss aussieht. Heute kann jeder 10 Automarken aufzählen, aber kennt die Pflanzen ums Haus herum nicht.

Von 17 Schülern erkannten nur zwei das Edelweiss. Foto: Keystone

Pflanzen kennen zu lernen, ist nicht so einfach. Wie geht man vor?
Es hilft, zuerst zu verstehen, was für Lebenszyklen Pflanzen haben. Dass es kurzlebige und langlebige Arten gibt, die Einjährigen und die Zweijährigen, die Stauden (zu denen auch die Gräser, Seerosen, Blumenzwiebeln gehören), sowie die Sträucher und die Bäume. Dann geht man einen Schritt weiter und macht sich mit dem System der Nomenklatur, der lateinischen Namensgebung vertraut. Wer vor dem Kauf einer Pflanze folgende Fragen stellt, ist auf gutem Weg: Wie heisst die Pflanze? Wo ist sie verbreitet? Wie sieht ihr Lebensraum aus? Habe ich diesen Lebensraum in meinem Garten?

Wieso finden Sie es so wichtig, dass man den Namen kennt?
Weil es ein Ordnungssystem ist und einem dabei hilft, im grossen Reich der Pflanze einen Überblick zu gewinnen. Und weil man aus dem Namen viele Informationen ableiten kann. Lautet etwa die Artbezeichnung «carpatica», wie bei der Campanula carpatica, dann weiss man bereits, wo sie beheimatet ist: in den Karpaten.

Und wie helfen Kenntnisse über das Verbreitungsgebiet weiter?
Diese Infos sind für die Pflanze unter Umständen überlebenswichtig. In welcher Klimazone kommt sie natürlicherweise vor? Wächst sie in der kaukasischen Heuwiese oder im europäischen trockenen Wald? Wie sind dort die Sommer, die Winter, wann gibt es wie viele Niederschläge? Und wenn man dies kombiniert mit der Frage nach dem Lebensraum, also, ob sie in Felsspalten wächst, auf dem Stein, hinter dem Stein..., dann ist man schon fast am Ziel und braucht sich nur noch zu fragen: Kann ich dies in meinem Garten bieten?

Dazu müssen eventuelle Störenfriede entfernt werden.Source

Und wenn man dann feststellt, dass man dies nicht kann?
Dann muss man halt die Finger davon lassen oder diesen Lebensraum nachbauen. Wer so gärtnert, der hat schon bald die ersten Erfolgserlebnisse, auf denen er aufbauen kann. Richtig aussuchen und wachsen lassen: Das ist artgerechtes Gärtnern!

Mit welcher Strategie holt man sich dieses Wissen am schnellsten?
Indem man es tut. Indem man anfängt, sich mit den Pflanzen auseinanderzusetzen.

Das geht aber trotzdem auch oft auf Kosten der Pflanzen. Man versucht, die richtige Wahl zu treffen, die Pflanze geht aber trotzdem ein.
Artgerechtes Gärtnern ist ein Lernprozess, der immer auf Kosten der Pflanzen geht. Unser ganzes Leben geht auf Kosten der Pflanzen, wir essen sie auf, brauchen sie für unsere Energiegewinnung und so weiter. Daran ist nichts schlecht. Wichtig ist unsere Einstellung. Dass wir verstehen und den Pflanzen gerecht werden wollen. Man schaut dann auch genauer hin, beobachtet, stellt vielleicht fest, dass der ausgesuchte Standort nicht optimal ist, und versucht es an einer besser geeigneten Stelle.

Und was ist mit jenen Pflanzen, die selber den Weg in den Garten gefunden haben, die man aber nicht will? Lässt man das Unkraut stehen, weil es aus Sicht der Pflanze ja offensichtlich am richtigen Standort wächst?
Nein, denn der Garten ist eine Kulturstätte. Wir verknüpfen Natur und Kultur und versuchen eine gut funktionierende, stabile Vegetationsdecke hinzubekommen. Dazu müssen eventuelle Störenfriede entfernt werden. Im besten Fall erreicht man eine Pflanzengemeinschaft, die so gut funktioniert, dass es kaum mehr zu jäten gibt.

Erstellt: 28.07.2019, 17:57 Uhr

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Zur Person

Klaus Oetjen (63) ist Gärtnermeister im Botanischen Garten Alpinum Schatzalp ob Davos und einer der besten Pflanzenkenner der Schweiz. Auf Führungen und an Vorträgen plädiert er für „artgerechtes Gärtnern“ und hält fest, dass trotz grossem Gartentrend viele Menschen über ein geringes Pflanzenwissen verfügen.

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