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Radikale Anklageschrift

Der Papst lanciert mit seiner Umwelt-Enzyklika eine Wachstums- und Systemdebatte, wie man sie von Wissenschaftlern erwartet hätte.

Klimaschädliches Wachstum: Wolkenkratzer in der Provinzstadt Qingdao, Volksrepublik China. Foto: Reuters
Klimaschädliches Wachstum: Wolkenkratzer in der Provinzstadt Qingdao, Volksrepublik China. Foto: Reuters

Papst Franziskus sorgt sich in seiner Enzyklika «Laudato si» um die Erde – und kritisiert darin ohne Milde die internationale Klima- und Umweltpolitik. Ein halbes Jahr vor der weg­weisenden Klimakonferenz der UNO in Paris, erkennt er ein unheiliges Bündnis zwischen den Mächtigen der Wirtschaft und den Verfechtern uneingeschränkter Technologie, die sich einzig an der Maximierung von Produktion und Konsum orientieren.

Die Analyse über den ökologischen Zustand der Erde überlässt Franziskus den Naturwissenschaftlern. Er beschreibt den Klimawandel und seine Folgen getreu nach den Erkenntnissen des Weltklimarats IPCC. Seine Schlussfolgerungen hingegen laufen entlang einer moralischen und sozialethischen Linie: Der Papst klagt jene an, die der Verschwendung und Konsumsucht frönen. Er geht mit der Politik ins Gericht, die sich durch die Macht der Finanzwelt blenden lässt. Die Globalisierung wird auf dem Buckel der Armen ausgetragen. Die reichen Länder profitieren von den Habenichtsen, die billig für den Luxus im Westen produzieren und zu arm sind, um sich um Umweltschutz zu kümmern. Die Logik der Marktwirtschaft ist Franziskus zuwider, weil die Mächtigen die Regeln bestimmen und dabei Milliarden Menschen im Teufelskreis der Armut zurücklassen.

Veränderte Weltordnung

Der Papst lanciert im Grunde eine Wachstums- und Systemdebatte, die heute nur ein kleiner Zirkel von Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlern führt. Es wäre zwar ungerecht, den Reichen, also uns, pauschal Ignoranz vorzuwerfen. Dafür fliessen zu viele Milliarden der staatlichen und privaten Entwicklungshilfe zu den armen Staaten. Doch dies ist in erster Linie Armutsbekämpfung, meistens ohne Konsequenzen für das politische und wirtschaftliche System eines Landes.

Den Industriestaaten ist wohl bewusst, dass sie sich im internationalen Klimaschutz eine historische Schuld aufgeladen haben. Dies ist im Grunde im Kyoto-Protokoll manifestiert. Im Klimavertrag der UNO-Klimarahmenkonvention verpflichten sich ausschliesslich Industriestaaten, Treibhausgase zu reduzieren, weil der Anstieg der Emissionen in den 1990er-Jahren ausschliesslich der reichen Welt anzulasten ist. Inzwischen hat sich die Weltordnung verändert. Das päpstliche Nord-Süd-Muster gilt nicht mehr. China ist vom Schwellenland zu einer Wirtschaftsmacht gereift, die heute mehr Treibhausgase pro Kopf ausstösst als der Durchschnitt in Europa. Brasilien, Indien und Südafrika streben nach dem Vorbild der westlichen Welt nach Wohlstand.

Die Ressourcen reichen nicht

Im Gegensatz zum Kyoto-Protokoll sollen deshalb im neuen Klimavertrag, der im Dezember in Paris verhandelt wird, alle Vertragsstaaten, ob reich oder arm, ihren Beitrag am Klimaschutz leisten. Zudem geht es um die finanzielle und technische Hilfe der Industriestaaten, damit sich die armen Länder umwelt- und klimaschonend entwickeln können.

Das wäre ganz im Sinne der Enzyklika von Papst Franziskus. Nur orientieren sich die Regierungen der armen Staaten in der Frage um das Recht auf Entwicklung am Wohlstand der Reichen. Dafür reichen die Ressourcen der Erde nicht aus. Wie formulierte es die deutsche Bundeskanzlerin unlängst: «Wir müssen lernen, den Wachstumsbegriff neu zu definieren.» Das wäre ein Anfang.

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