Dürre und Hitze bedrohen die mächtigsten Bäume der Welt

Künden die verfärbten Blätter der Sequoias ihr Ende an? Waghalsige Forscher suchen in den Kronen der Giganten nach Antworten.

Versorgen Menschen seit Hunderttausenden Jahren mit Sauerstoff: Die Mammutbäume im kalifornischen Sequoia-Nationalpark. Foto: Marji Lang (Getty Images)

Versorgen Menschen seit Hunderttausenden Jahren mit Sauerstoff: Die Mammutbäume im kalifornischen Sequoia-Nationalpark. Foto: Marji Lang (Getty Images)

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Schweigend gehen die Forscher über den federnden, von Nadeln bedeckten Boden. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, die Lichter ihrer Stirnlampen fallen auf mächtige rote Säulen. Kathedralenstimmung. Jedes Wort wäre zu laut, jedes Geräusch würde die ehrfürchtige Stille zerreissen. Wendy Baxter blickt auf ihre handgemalte Karte, dann auf die mächtigen Baumstämme, die sich um sie herum nach oben in die Dunkelheit verlieren. «Das muss er sein», sagt sie leise und zeigt auf einen der Baumriesen, «Nummer 233». Dann lässt sie ihren Rucksack mit dem Klettergurt auf den Boden gleiten.

Der Giant Forest, der «Wald der Giganten», im Sequoia-Nationalpark in Kalifornien beherbergt die mächtigsten Bäume der Erde. Tausende Riesenmammutbäume wachsen hier, darunter der Rekordhalter, der «General Sherman Tree», mit 84 Metern Höhe, 31 Metern Stammumfang und 1500 Kubikmetern Stammvolumen der voluminöseste Baum der Welt. Wollten sie ihn umarmen, müssten siebzehn Erwachsene ihn mit ausgestreckten Armen umfassen. Der hölzerne Riese wiegt so viel wie zwanzig ausgewachsene Blauwale oder vier voll beladene Airbusse A380. Um ihn herum recken sich vier weitere der zehn grössten Bäume der Welt in den Himmel. Hier in der Sierra Nevada stehen auf etwa 150 Quadratkilometern die letzten Bestände des Sequoiadendron giganteum. Doch die Rekordbäume sind bedroht.

Eine anhaltende Dürre lässt Kalifornien vertrocknen. Auch wenn der vergangene Winter niederschlagsreicher war, gibt es seit fast sechs Jahren zu wenig Schnee und Regen. Gleichzeitig verbrauchen die knapp 40 Millionen Kalifornier Rekordmengen an Wasser. 2016 starben nach Angaben der US-Forstbehörde in dem Bundesstaat an der Westküste der USA 62 Millionen Bäume. Mehr als 102 Millionen Bäume sind in der seit 2011 herrschenden Dürrephase verdurstet und ausgetrocknet, Millionen weitere sind dem Tod geweiht.

Über Jahrtausende trotzten sie Stürmen und Bränden

Zunächst verendeten nur die Bäume in den Ebenen, die Kiefern, Pappeln, Fichten und Eichen, dann kroch der Tod die Berge hoch. Nun bedroht er die Mammutbäume, die in 1600 bis 2200 Metern Höhe wachsen. Bäume, die über Jahrtausende Stürmen, Waldbränden und Krankheiten getrotzt haben, zeigen Anzeichen von Stress, braune Blätter, absterbende Zweige. Im Januar 2017 fiel der «Tunnel Tree» um, ein mächtiger 2000 Jahre alter Sequoia-Baum, in den Holzfäller in den 1870ern einen Tunnel geschlagen hatten, gross genug, dass ein Mann auf einem Pferd durchreiten konnte. Der Baum vertrocknete von innen.

Es ist 3.50 Uhr am Morgen. Vor eineinhalb Stunden hat der penetrante Smartphone-Klingelton Wendy Baxter (37) und ihren Baumforscherkollegen Anthony Ambrose (49) aus den Schlafsäcken katapultiert. Sie haben sich einen Bagel mit Frischkäse beschmiert und im Pick-up-Truck den flott gebrauten Kaffee getrunken. Es ist ein Augustmorgen, aber hier auf 2000 Metern Höhe ist es kalt. Baum 233 ist 72 Meter hoch, Durchmesser knapp 5 Meter, «ein kräftiger Bursche», meint Ambrose. Vergangene Woche haben sie Dutzende Bäume ausgewählt, mit Armbrüsten Nylonschnüre über abstehende Äste geschossen, dann schwerere Schnüre hochgezogen, schliesslich ihre Kletterseile in Position gebracht. Nun ist 233 an der Reihe.

Die beiden Waldökologen der Universität von Kalifornien in Berkeley untersuchen die Gesundheit der Riesenmammutbäume. «Da müssen wir hoch», sagt Baxter und starrt in die Dunkelheit nach oben. Das Schwarz des Himmels wird sich bald in ein tiefes Blau verwandeln. «Wir brauchen kleine Zweige von der Krone des Baumes», erklärt sie, «idealerweise eine Probe vor der Morgendämmerung, wenn die Bäume am entspanntesten sind, und eine in der Mittagshitze, wenn sie am meisten unter Stress stehen.» Sie hakt ein paar Seilklemmen ein und beginnt sich fast wie eine Raupe nach oben zu ziehen. Nach ein paar Minuten ist der helle Schein ihrer Kopflampe im Astwerk des Kolosses verschwunden.

Bäume verhungern, weil sie die Poren schliessen müssen

Riesenmammutbäume spielen eine entscheidende Rolle im Wasserkreislauf des Nationalparks. Ihre Stämme sind wie riesige Strohhalme, die bis zu drei Tonnen Wasser am Tag aus dem Boden saugen, mehr als alle anderen Bäume. Die Feuchtigkeit geben sie über ihre Schuppenblätter an die Luft ab. Dieser Vorgang erzeugt Unterdruck in den Wasseradern des Baums. Je ­trockener die Atmosphäre ist und je weniger Grundwasser zur Verfügung steht, desto stärker wird die Spannung. Unter Extrem­bedingungen kann der Wasserfluss wie ein Gummiband abreissen. Dann bilden sich Gasblasen, die die Kapillaren im Stamm verstopfen. Geschieht das häufiger, verliert der Baum seine Blätter und stirbt.

Die Blätter des Baums steuern den Gasaustausch durch winzige Poren. Sie nehmen Kohlendioxid aus der Atmosphäre auf und setzen Sauerstoff und Wasserdampf frei. Leidet ein Baum zu sehr unter Trockenheit, schliesst er seine Poren. Dadurch stoppt der Wasserverlust, aber es hindert den Baum auch, Kohlen­dioxid aufzunehmen. Wenn die Poren zu lange verschlossen bleiben, verhungern die Pflanzen.

Der «General Sherman Tree» ist Rekordhalter. Er wiegt so viel wie zwanzig Blauwale.

Eineinhalb Stunden später. Erschöpft ist Baxter wieder am Boden angelangt. Sie nimmt ihren lila Helm ab, das Haar klebt verschwitzt am Kopf. Die Forscherin hat Plastikbeutel mit kleinen Zweigen des Baumes mitgebracht – und eine Schürfwunde am Oberarm. Fünf Besteigungen liegen noch vor ihr, die Bäume 231 und 272 und nochmals Baum 233 in der Nachmittagshitze. «Ich mache das hier seit vier Jahren», sagt sie, ihre dunklen Augen blitzen, «aber es ist jedes Mal eine irre Erfahrung hochzuklettern. Ich fühle mich wie eine Ameise, wenn ich oben auf der Krone sitze.» Eigentlich wollte Baxter Ärztin werden, dann sattelte sie um auf Ökologie. «Im Grunde bin ich jetzt auch eine Art Doktor», sie grinst, «nur ist es bei den Bäumen ein wenig mühsamer, zur Diagnose zu kommen, als bei Menschen.»

Die Baumkolosse stehen seit Hunderttausenden Jahren auf den Hängen der Sierra Nevada. Sie gehören zu den widerstandsfähigsten Organismen der Erde. Das älteste datierte Exemplar ist 3200 Jahre alt. Erreichen Mammutbäume nach einigen Hundert Jahren ihr Jugendalter, sind sie so gut wie unzerstörbar. Ihre Rinde ist weich und faserreich, sie enthält nur wenig Harz. Das macht die Bäume sehr feuerfest. Die Tannine, die ihrem Holz einen starken Zimtduft verleihen, vertreiben Insekten und Pilzkrankheiten. «Eine perfekte Konstruktion», sagt Anthony Ambrose, «eigentlich müssten sie schon einige Dürren überlebt haben, wenn sie 2000 oder 3000 Jahre alt sind.»

Die Sequoias sind ein Symbol für die USA

Doch genau das ist die Frage: Schädigt die herrschende Dürre die Mammutbäume mehr als alles bisher Dagewesene? Und welche Rolle spielt es, dass nur wenige Dutzend Kilometer westlich der Sequoia-Wälder das Central Valley liegt, die Gegend mit der schwersten Luftverschmutzung der USA, einem krank machenden Gemisch aus Smog, dem Rauch von Waldbränden, aus Abgasen und Staub, aufgewirbelt durch starke landwirtschaftliche Nutzung?

Später am Nachmittag stösst Nate Stephenson zu den Kletterern. Der bärtige 60-jährige Waldökologe und Sequoia-Spezialist lebt seit 37 Jahren in Three Rivers, einem Ort am Rand des Nationalparks. Er trägt Grün – von Hose über Hemd und Jacke bis Baseballmütze. Stephenson war es, der vor drei Jahren den Mammutbaumalarm ausgelöst hatte. Er war im Giant Forest auf Händen und Knien auf dem Boden herumgekrochen, um die Auswirkungen der Dürre auf die zentimetergrossen Jungpflanzen zu untersuchen, als er kurz nach oben blickte. «Ich konnte nicht glauben, was ich da sah: einen ausgewachsenen Mammutbaum mit braunen Blättern. Dann fand ich noch eine andere Sequoia, deren Äste nah am Boden waren. Tote Blätter rieselten herab. So etwas hatte ich in mehr als dreissig Jahren Baumforschung nicht gesehen.» War das die Dürre? Und ist es eine Art Generalprobe für den Klimawandel?

Stephenson schlug bei den Behörden Dürrealarm. Schliesslich sind die Sequoias auch so etwas wie ein Symbol für die USA: gross, stark, einzigartig und – unzerstörbar. In Windeseile wurden Forscher abgestellt, mit dem Auftrag, zu untersuchen, ob und wie sehr die Trockenheit die resistenten Riesen stresst. Ein Spezialflugzeug misst bei Überflügen die chemische Zusammensetzung und die Struktur der Wälder. In ihren Laboren verknüpfen Baxter und Ambrose die Daten ihrer Messungen mit den Daten, die sie aus den Luftbildern gewinnen konnten. Die Spektrometeraufnahmen zeigen riesige rote, also höchst gefährdete oder schon tote Flächen. Doch zum Glück sind auf den Bildern die meisten Sequoia-Haine noch in beruhigendem Blau. «Das heisst, sie haben genug Wasser», sagt Wendy Baxter und ergänzt nach einer nachdenklichen Pause: «Noch!»

«Wir wissen mehr über die Tiefsee als über diese Bäume.»Nate Stephenson

Baxter und Ambrose sitzen auf dem sonnengewärmten Waldboden. Erschöpft stopfen sie sich Energieriegel mit Erdnussbutter und Schokolade in den Mund, dazu Käsestücke und Cracker, das Ganze spülen sie mit Riesenschlucken aus der Wasserflasche hinunter. Ihr Mittagessen. Stephenson und einige Helfer sammeln die in luftdichten Behältern verpackten Zweige ein. Es soll der letzte Baum für heute gewesen sein.

«Wir wissen mehr über die Tiefsee als über diese Bäume», sagt Stephenson. «Das hier ist die Krönung der Pflanzenwelt, und wir kapieren nichts.»Ambrose steht stumm auf und lehnt sich an den roten Stamm von Nummer 264. Er schliesst seine Augen, und erst jetzt sieht man die ganze Müdigkeit seines staubigen Gesichts. Nach einer endlosen Minute öffnet er die Augen abrupt. Er zeigt zum nächsten Baum. Die anderen sehen ihn fragend an. Dann sagt er: «Come on, den steig ich jetzt noch hoch.» Er zieht den Klettergurt straff und setzt den Helm auf. «Wir haben schliesslich nicht viel Zeit, oder?»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 02.11.2018, 10:38 Uhr

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