Sie verdarb den Japanern den Appetit auf Walfleisch

Sigrid Lüber gründete vor 30 Jahren Oceancare. Die Schweizer Umweltorganisation berät die UNO in Fragen zum Schutz der Meere.

Die Tierschützerin Sigrid Lüber mit ihrer Dalmatinerhündin Wepesi. Foto: Urs Jaudas

Die Tierschützerin Sigrid Lüber mit ihrer Dalmatinerhündin Wepesi. Foto: Urs Jaudas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Begrüssung im alten Gerberhaus in Wädenswil ist ausgesprochen herzlich: ein warmer Blick, ein schief gehaltener Kopf, Schwanzwedeln. Sigrid Lüber ­lächelt. Sie ist es gewohnt, dass ihre Dalmatinerhündin Wepesi erst einmal ein paar Streicheleinheiten von Besuchern fordert. Im Büro am Ende des Gangs möchte auch Themba gekrault werden, eine junge Rhodesian-Ridgeback-Jagdhündin. «Sie haben hoffentlich keine Angst vor Hunden?», fragt Lüber.

Für sie gehören Tiere zum Leben. Vor 30 Jahren – nach einem «magischen ­Moment» – gründete Lüber die Nichtregierungsorganisation Oceancare. Seither widmet sie sich schier unermüdlich dem Schutz von Meeressäugern. Es war 1989 auf den Malediven, als sie mit ihrem Mann, der als Tauchlehrer arbeitete, unter Wasser war. «Da schwamm eine Delfinschule mit 50 bis 60 Tieren auf uns zu und teilte sich», sagt Lüber. Das Paar befand sich auf einmal in der Mitte, umgeben von den Meeressäugern. Als Lüber auftauchte, war für sie klar: «Ich wollte die Tiere und deren einzigartigen Lebensraum schützen.»

Respektvoll, aber hart in der Sache

An der Wand im Büro leuchten auffällige Bilder von Delfinen in Gelb und Blau. Die Fensterbank ziert eine kleine ­Delfinstatue. Das Ziel, die Ozeane zu schützen, hat Lüber in den letzten Jahrzehnten so nachdrücklich verfolgt, dass ihre Organisation längst auf internationalem Parkett gefragt ist. So ist Oceancare beispielsweise 2011 zur Sonder­beraterin der Vereinten Nationen bei Meeresschutzthemen ernannt worden. «Wir sind auf höchster politischer Ebene aktiv», fügt Lüber stolz und zugleich bescheiden an, als könne sie es noch ­immer kaum fassen, welch grossen ­Erfolg und welche Anerkennung sie am Zürichsee mit ihrem inzwischen zehnköpfigen Team und weiteren unzähligen Helfern erhalten hat.

Bereits zuvor war die Präsidentin von Oceancare für die Rechte von Walen bei der Internationalen Walfangkommission aufgetreten, seit 1992 hat Ocean­care einen Beobachterstatus inne. ­Dabei ist Lübers diplomatisches Geschick aufgefallen. «Ich rede mit jedem», sagt sie. Es sei wichtig, auch die Gegner zu ­respektieren. In der Sache blieb Lüber jedoch hart: So deckte Oceancare auf, dass es in der Walfangkommission Stimmenkauf gegeben hatte.

Und wenn die beharrliche Tierschützerin auf direktem Weg nicht weiterkam, erdachte sie clever andere Strategien. Die Walfang-Nationen Norwegen und Japan nennt sie «resistent» gegenüber der Forderung, die Jagd auf Meeressäuger zu stoppen. Also gab Oceancare im Jahr 1997 bei einem renommierten Institut in Tokio eine Studie über die Schadstoffbelastung von Walfleisch in Auftrag. «Es war bereits zuvor aus ­anderen Analysen bekannt, dass das Fleisch von den grossen Meeressäugern am Ende der Nahrungskette schwer belastet ist mit Umweltgiften.»

Die Studie zeigte, dass gerade in Japan das Walfleisch Schadstoffe über die Grenzwerte hinaus enthielt. «Der Konsum von Walfleisch brach daraufhin um 60 Prozent ein», freut sich Sigrid Lüber noch heute.

Delfine aus der Schweiz verbannt

«Man braucht einen sehr langen Atem», sagt die Umweltschützerin, die mit wachen Augen durch ihre Brille blickt. Zwar verhinderte sie gleich mit ihrer ersten Initiative vor 30 Jahren zusammen mit Gleichgesinnten den Bau eines Delfinariums in Martigny VS. Die weitergehende Forderung, den Import von Delfinen in der Schweiz komplett zu verbieten, dauerte jedoch 17 Jahre – von der Petition 1995 mit 93000 gesammelten Unterschriften bis zum Gesetz 2012. Das war gleichzeitig das Aus für das Delfinarium im Conny-Land in Lipperswil TG. «Man kann diese Tiere einfach nicht artgerecht in Gefangenschaft halten», sagt Lüber. Derzeit setzt sich Ocean­care für ein Europa ohne Delfinarien ein. Das ist eines von 26 Projekten, an denen die NGO meist mit anderen ausgewählten Organisationen zusammenarbeitet. «Da müssen wir aber die gleiche Sprache sprechen», sagt Lüber. Radikale Forderungen sind nicht ihr Stil.

Zudem arbeitet Oceancare mit Wissenschaftlern zusammen. Derzeit entwickelt ein internationales Team ein Kollisionswarnsystem mit Hightech-Boyen, die Schiffe über anwesende Wale informieren. Das Projekt soll Pottwale im östlichen Mittelmeer schützen. «Es gibt nämlich bei Griechenland im Hellenischen Tiefseegraben 200 Pottwale», sagt Lüber. Die Tiere seien jedoch stark gefährdet, unter anderem weil durch ihr Verbreitungsgebiet eine der am meisten befahrenen Seewege führt.

Oceancare macht sich auch für eine Pottwal-Population im Mittelmeer stark. Foto: Getty Images

Meeresverschmutzung und Unterwasserlärm sind weitere Themen für Oceancare. Beispielsweise hat die NGO vor vier Jahren Ölbohrungen vor der Küste Ibizas verhindert. «Die dabei eingesetzten Druckluftkanonen erzeugen Lärm und schaden den Meerestieren.»

Ans Aufgeben habe sie auch bei zähen Verhandlungen oder Rückschlägen nie gedacht, sagt Lüber: «Meine Familie hat mich geprägt.» Sie ist als zweitältestes von sechs Geschwistern in Oberuzwil SG ausgewachsen. «Da habe ich gelernt, beharrlich zu sein und Verantwortung zu übernehmen.» Schon damals sei sie sehr tierlieb gewesen, sagt Lüber mit Blick auf ihre Hunde. ­Themba hebt den Kopf und hechelt freundlich. «Ich habe unserer Katze die Mäuse weggenommen und sie in meinem Zimmer gesund gepflegt», erinnert sie sich und lächelt. Da ist es nur logisch, dass die heute 64-Jährige weder Fisch noch Fleisch isst. So wie Lüber einem gegenüber sitzt und ruhig über den Tierschutz erzählt, engagiert, überlegt, voller Wissen, wird klar: Verbohrt oder verhärmt ist sie nicht.

Tätigkeit bei der «bösen» Chemie

Als Sachbearbeiterin bei Bayer, BASF und Dow war Lüber einst sogar bei «der bösen Chemie» angestellt, wie sie sagt. «Ich habe überall, wo ich gearbeitet habe, wunderbare Menschen getroffen.» Eine akademische Ausbildung hat die gelernte Maschinenzeichnerin nicht. «Ich bin Autodidaktin.» Englisch hat sie bei Dow gelernt, Französisch in Lausanne bei ihrem ersten Job nach der Lehre, Italienisch bei einer anderen Arbeit im Tessin. Ebenso beiläufig hat sie sich in der Politik vernetzt. Dabei schart sie «sehr gute Leute» um sich, solche, die wie sie selbst den Meeresschutz als ­Berufung ansehen.

Die Liebe zum Meer führte dazu, dass Lüber immer weniger Zeit zum Reisen hatte. Statt Delfine und Wale zu beobachten, sass sie in Konferenzräumen, um die Tiere zu schützen. «Ich war für Oceancare sieben- bis zehnmal pro Jahr in der ganzen Welt unterwegs zu Verhandlungen», sagt sie. Heute reist ­Sigrid Lüber nur noch halb so viel. Sie ist dabei, die Leitung von Oceancare an ihre Nachfolgerin, Fabienne McLellan, zu übergeben. Selber möchte sie noch bis 70 weiterarbeiten – aber in Teilzeit und mit mehr Ferien. Ans Meer wird sie dennoch nicht fahren, sondern in die Berge. «Es muss für die ganze Familie passen», sagt Lüber und meint damit ihren Mann – und die beiden Hunde.

Erstellt: 06.12.2019, 19:46 Uhr

Artikel zum Thema

Weltmeere heizen sich immer schneller auf

Eine neue Studie zeigt: Die Ozeane haben sich durch Treibhauseffekt an der Oberfläche stark erwärmt. Mehr...

Neuer Versuch mit dem Müllstaubsauger im Pazifik

Video «The Ocean Cleanup» hat sich zum Ziel gesetzt, die Weltmeere vom Plastikmüll zu befreien. Nach einem gescheiterten ersten Anlauf hat man nun einen zweiten Versuch gestartet. Mehr...

Rekordanstieg des Meeresspiegels «gibt Anlass zu grosser Sorge»

2018 ist der Meeresspiegel aussergewöhnlich stark gestiegen. Zum Zögern sei keine Zeit mehr, warnt UNO-Generalsekretär Guterres. Mehr...

Dossiers

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...