Schlau bis ins hohe Alter

Riesenschildkröten lernen schnell und erinnern sich lange – neugierig sind sie auch.

Schau mir in die Augen, Grosser: Galapagos-Riesenschildkröte. Foto: A. Schumacher (Laif)

Schau mir in die Augen, Grosser: Galapagos-Riesenschildkröte. Foto: A. Schumacher (Laif)

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Er heisst der Kleine Bub, ist 179Kilo schwer und sofort bereit, sein Gelerntes zu zeigen, als ihm Francesco Biondi einen roten Gummiball an einer Stange vor die Nase hält. Die Aldabra-Riesenschildkröte stapft auf den kleinen Ball zu, beisst hinein und bekommt von Tierpfleger Biondi ein Stück Rüebli. Der Kleine Bub lebt zusammen mit vier Gefährten in der Masoala­halle im Zoo Zürich. Eine andere Riesenschildkröte schläft derweil in einer etwas entfernten Anlage: die Galapagos-Riesenschildkröte Jumbo.

«Jumbo hat mich sehr beeindruckt», erinnert sich Tamar Gutnick. «Ich habe noch nie so eine grosse Schildkröte gesehen», sagt die Zoologin am Telefon. Sie arbeitet heute in Japan an der ­Graduate University in Okinawa. Zuvor forschte sie im Zoo Zürich und im Tiergarten Schönbrunn in Wien an Galapagos- und Aldabra-Riesenschildkröten. Der Kleine Bub und der 200 Kilo schwere Jumbo waren auch darunter.

Zusammen mit ihren Kollegen fand Gutnick Erstaunliches: «Wir waren überrascht, wie schnell die Riesenschildkröten lernen und wie lange sie sich an das Gelernte erinnern», sagt sie. Vor allem die Zürcher Riesenschildkröten verblüfften sie und ihre Kollegen. Die Tiere lernten viel schneller als ihre Verwandten in Wien. «Das lag daran, dass die Riesenschildkröten in Zürich innerhalb ihrer Gruppe trainiert worden waren und nicht einzeln wie in Wien», vermutet Gutnick. Das Team hat die Ergebnisse kürzlich in der Fachzeitschrift «Animal Cognition» veröffentlicht.

Charles Darwin reitet auf dem Panzer der Giganten

Früher galten Reptilien als triebgesteuert und die Riesenschildkröten insbesondere als träge in der Bewegung und im Denken. Dabei habe kaum jemand Riesenschildkröten genauer erforscht, sagt Gutnick. Bekannt war zwar, dass schon Charles Darwin, als er 1835 die Galapagosinseln besuchte, auch die Riesenschildkröten beschrieb, zum Beispiel, dass sie täglich beträchtliche Distanzen von ihren Schlafstellen zu Futterplätzen zurücklegten. Doch auch der damals 26-jährige Darwin schien nicht allzu viel von den kognitiven Fähigkeiten der Giganten gehalten zu haben. Er machte sich einen Spass daraus, sie zu überholen, und sobald eine erschrak, Kopf und Beine einzog und «wie tot auf die Erde plumpste», kletterte er auf ihren Rücken. «Wenn ich ihr dann ein paar Mal hinten auf ihren Panzer klopfte, erhob sie sich und lief los – doch fand ich es sehr schwierig, das Gleichgewicht zu halten», schrieb er in sein Reisetagebuch. Gut möglich, dass sich die Tiere noch nach Jahren an den Vorfall erinnerten.

Das Langzeitgedächtnis der Reptilien ist nämlich hervorragend, wie das Team um Gutnik herausfand. Die Riesenschildkröten im Tiergarten Schönbrunn zumindest wussten auch neun Jahre später noch, was sie tun mussten, um zu einer Belohnung zu kommen.

Wie aber trainiert man Riesenschildkröten? Die Methode ist jener ähnlich, die Biondi mit dem Kleinen Buben demonstriert hat. Die Zoo-Mitarbeiter haben den Tieren in zwei Schritten beigebracht, dem Gummiball am Stock zu folgen. Zunächst lernen die Schildkröten, dass sie immer etwas zu fressen bekommen, wenn sie in den Ball beissen. Im zweiten Schritt lernen sie, dem Ball am Stock zu folgen. «Das ist sehr praktisch, wenn wir die Tiere wiegen müssen», sagt Biondi. Die Riesenschildkröten gehen freiwillig auf eine portable Waage in ihrer Anlage. Früher mussten die Mitarbeiter die Tiere dorthin tragen – ein Stress für alle ­Beteiligten.

Bei der Gruppe abgucken, wie sie die Aufgabe löst

Das Training im Alltag war das eine, die wissenschaftliche Studie, welche die Lerngeschwindigkeit der gepanzerten Riesen einordnen konnte, das andere. «Riesenschildkröten lernen etwa so schnell wie Hunde oder Pferde», sagt Anton Weissenbacher, Kurator im Tiergarten Schönbrunn, der an den Versuchen beteiligt war.

Die Lernversuche gingen jedoch noch weiter. Die Frage war, ob die Riesenschildkröten auch in der Lage sind, eine kompliziertere Aufgabe zu lösen, nämlich sich an ein spezifisches Ziel zu erinnern. Gutnick präsentierte den Tieren dazu zwei Stöcke, mit zwei drauf gepfropften Gummibällen, ein Ball war zum Beispiel rot, der andere gelb. Nur einer der Bälle galt als richtiges Ziel. Beim Gruppentraining in Zürich bekam jedes Tier eine individuelle Farbe als richtiges Ziel zugeteilt, und auch da zeigte sich: In der Gruppe lernten die Tiere schneller.

Die Forscher postulierten, dass es sich um soziales Lernen handle, also um die Fähigkeit, bei Gruppenmitgliedern abzugucken, wie sie eine Aufgabe lösen. Soziales Lernen ist von zahlreichen Tier­arten bekannt: von Säugetieren, Vögeln und sogar von Fischen.

Für Michael Krützen von der Universität Zürich ist nicht klar, ob es sich bei den Riesenschildkröten im Zoo Zürich tatsächlich um ­soziales Lernen handelt. Krützen erforscht das Lernverhalten von Delfinen in freier Wildbahn. Er hofft auf weitere Studien mit den Riesenschildkröten.

Der Kleine Bub würde sicher gern teilnehmen. Die Grundvoraussetzung zeigt er deutlich: Neugierde. Dem ungewohnten Besuch nähert er sich jedenfalls ohne Scheu und lässt sich am Hals kraulen.



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Erstellt: 19.01.2020, 16:50 Uhr

Im Indischen Ozean und auf den Galapagosinseln

Die Aldabra-Riesenschildkröte lebt auf den Seychellen im Indischen Ozean, die Galapagos-Riesenschildkröte auf den gleichnamigen Inseln im Pazifik. Sie gehören zu zwei verschiedenen Gattungen, die sehr ähnlich aussehen. Während es bei den Aldabra-Riesenschildkröten nur noch eine einzige Art gibt, haben sich bei den Galapagos-Riesenschildkröten 15 Unterarten entwickelt, von denen vier ausgestorben sind.

Riesenschildkröten können weit über 100 Jahre alt werden und die Männchen bis zu 290 Kilo schwer. Der Zoo Zürich ist der einzige Zoo in Europa, dem es gelungen ist, Galapagos-Riesenschildkröten zu züchten. Bei den Aldabra-Riesenschildkröten hat das in Zürich noch nicht geklappt.

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