2060 fällt auf dem Uetliberg nur noch halb so viel Schnee

Neue Modelle zeigen erstmals die lokalen Folgen der Erderwärmung auf. Sie sollen dem Bundesrat helfen, Massnahmen zu ergreifen.

Die Winter werden deutlich wärmer und feuchter: Eine Skipiste aus Kunstschnee (2016). Bild: Keystone

Die Winter werden deutlich wärmer und feuchter: Eine Skipiste aus Kunstschnee (2016). Bild: Keystone

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Der Wandel ist längst im Gang. In der Schweiz hat die bodennahe Lufttemperatur über die letzten 150 Jahre um etwa zwei Grad Celsius zugenommen – rund doppelt so viel wie im globalen Mittel. Auch Starkniederschläge sind häufiger und stärker geworden. Was aber kommt künftig auf uns zu? Vermehrt aus­gedörrte Ackerböden wie diesen Sommer, zahlreiche Tropennächte, die vielen Menschen den Schlaf rauben, immer heftigere Überschwemmungen und weniger Schnee?

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Ganz vermeiden lassen sich derartige Folgen des Klimawandels sicher nicht – sie sind teils längst Realität. Wirksamer Klimaschutz, der das Schlimmste abwendet, ist daher nur das eine. Um das andere, die Anpassung an die Folgen eines wärmeren Klimas, kommt die Schweiz wohl oder übel nicht herum.

Mit neu erstellten Computersimulationen haben Forscher von Meteo Schweiz, der ETH Zürich und vom Oeschger-Zentrum für Klimaforschung der Universität Bern nun die Grundlage für die künftige Anpassungsstrategie des Bundesrats gelegt. DieSimulationen, genannt Klimaszenarien CH 2018, werfen einen Blick in die mögliche Klimazukunft der Schweiz bis gegen Ende des Jahrhunderts. «Auch mit den grössten Anstrengungen kann die Erderwärmung im besten Fall begrenzt werden», schreibt Bundespräsident Alain Berset im Vorwort des neuen Klimaberichts. «Wir müssen uns auf den Klimawandel einstellen.»

Vier klare Trends

Im Wesentlichen ist die Klimazukunft der Schweiz bis Ende des Jahrhunderts durch vier Trends geprägt, zeigt der Bericht. Das sind erstens trockenere Sommer und zusammen mit der in einem wärmeren Klima stärkeren Verdunstung auch trockenere Böden. Zweitens gibt es mehr Hitzetage, da die Höchsttemperaturen erheblich stärker ansteigen als die Durchschnittstemperaturen. Drittens werden einzelne Starkniederschläge in Zukunft häufiger und intensiver ausfallen als heute, was Überschwemmungen begünstigt. Und viertens werden die Winter deutlich wärmer und feuchter. Allerdings fällt der Niederschlag eher als Regen statt als Schnee.

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Der Bericht zeigt auch, welchen Nutzen effizienter Klimaschutz hat. Unter einem Sze­nario «Klimaschutz greift» mit global weniger als zwei Grad Erwärmung wären die Klimafolgen erheblich geringer als bei einer weitestgehend ungebremsten Klimaerwärmung. «Mit konsequentem Klimaschutz liessen sich bis Mitte des 21. Jahrhunderts etwa die Hälfte, bis Ende Jahrhundert zwei Drittel der möglichen Klimaveränderungen in der Schweiz vermeiden», sagt Reto Knutti, Klimaforscher der ETH Zürich, der am Bericht beteiligt ist.

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Grundsätzlich sind diese Erkenntnisse nicht neu. Die Klimaszenarien CH 2018 bestätigen die bisher bekannten Trends, zeichnen jedoch ein wesentlich detaillierteres Bild der Schweizer Klimazukunft», sagt Knutti. Füreinige Grössen, etwa für die Änderung bei Extremniederschlägen, liessen sich nun konkrete Werte angeben. Bisher konnten die Forscher dazu nur pauschale Aussagen machen. «Damitbeschreiten wir den Weg von der wissenschaftlichen Erkenntnis hin zur Klimadienstleistung», sagt Knutti. «Architekten, Bauernverbände, Ingenieurbüros, Energieversorger und andere Nutzer können anhand des Berichts nun besser abschätzen, was konkret auf sie zukommt. Wer jetzt die Informationen aus den Klimaszenarien CH 2018 nimmt und sich entsprechend anpasst, der ist langfristig besser dran.»

Nur noch halb so viel Salz

Ein konkretes Beispiel nennt Projektleiter Andreas Fischer von Meteo Schweiz: «Wenn es künftig weniger Schnee gibt, braucht es auch weniger Salz, um die Strassen zu räumen. Gemäss unseren Berechnungen wird bis Mitte des Jahrhunderts nur noch halb so viel Salz nötig sein wie heute.» Das sei eine wichtige Information für das Unternehmen Schweizer Salinen, etwa wenn es um die Planung künftiger Lagerhallen zur Aufbewahrung von Streusalz geht. Auch liessen sich mit den Ergebnissen Warnsysteme oder Schutzbauten besser planen. Und Landwirte könnten besser beurteilen, welche Standorte sich künftig für bestimmte landwirtschaftliche Kulturen eignen werden.

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Karine Siegwart, Vizedirektorin des Bundesamts für Umwelt in Bern, sieht in den neuen Klimaszenarien die Basis für solide Entscheidungen des Bundesrats. Nächstes Jahr wird der Bundesrat den Aktionsplan «Anpassung an den Klimawandel» neu beurteilen. «Anhand der Klimaszenarien CH 2018 können wir die bisherigen Anpassungsmassnahmen überprüfen», sagt Siegwart. «Zudem zeigt der Bericht genau, was passiert, wenn man keine wirksame Klimapolitik betreibt.»

Die Klimaszenarien CH 2018 basieren auf den neusten Kli­mamodellen. Insgesamt 21 verschiedenen Computermodelle, die an Europäischen Forschungsinstitutionen betrieben werden, bilden laut Fischer die Grundlage. Nur wenn diese Modelle gemeinsam klare Tendenzen zeigen, könne man daraus Aussagen ableiten. «Rund 40 Personen waren in irgendeiner Form an dieser Arbeit beteiligt. Der Bericht wurde zudem von mehr als 20 nationalen und internationalen Experten begutachtet», sagt Fischer. Insgesamt habe sich das Wissen über unsere Klimazukunft in den letzten Jahren massiv vergrössert. «Mit dem Pariser Klimaabkommen wurde ein wichtiger Meilenstein im Kampf gegen den Klimawandel gelegt», sagt Fischer. «Doch nun müssen die Beschlüsse auch konsequent umgesetzt werden. Vielleicht können die neuen Klimaszenarien hier etwas bewirken.»

Weitere Informationen: www.nccs.ch, www.klimaszenarien.ch

Erstellt: 13.11.2018, 18:52 Uhr

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