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Ohne Navigationsgerät im Auto wären viele aufgeschmissen. Dabei kann man den Orientierungssinn trainieren.

Menschen, die meist problemlos ihren Weg finden, können flexibler zwischen verschiedenen Methoden der Orientierung hin und her wechseln. Foto: Anucha Sirivisansuwan (Getty Images)

Menschen, die meist problemlos ihren Weg finden, können flexibler zwischen verschiedenen Methoden der Orientierung hin und her wechseln. Foto: Anucha Sirivisansuwan (Getty Images)

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Die Route war idiotensicher, eigentlich: den 101 herunter, den Highway entlang der amerikanischen Westküste. Anders gesagt: so fahren, dass das Meer immer rechts von der Strasse liegt. Das sollte doch zu schaffen sein – selbst für zwei Menschen, die immer und überall die Orientierung verlieren. Der Highway stellte sich tatsächlich als recht problemlos heraus. Nur: Ihn überhaupt zu finden, dauerte unerwartet lange. Während zweier Tage irrten die beiden Urlauberinnen von Portland im Herzen Oregons aus durch das Hinterland dieses zweifellos wunderschönen Bundesstaates. Laut Routenplaner betrug die Entfernung bis zum Meer etwa 130 Kilometer. Es wurden mehr. Und ja, es befand sich ein Navi im Auto, das sich auch regelmässig einmischte.

Warum aber brauchten die Urlauberinnen zwei Tage für gut 100 Kilometer? Wer so fragt, hat nichts verstanden. Nichts von der Wut auf das Navi, die Strassenschilder, das Meer und auf Oregon und nichts von dem Frust, den jeder Verirrte ebenso gut kennt wie die Stimme aus seinem Navi. Vor allem aber nichts von der Komplexität, die dem Gehirn abverlangt wird, wenn es den richtigen Weg finden soll.

Funktioniert der Orientierungssinn problemlos, gerät er schnell in Vergessenheit. Er beansprucht keinen Körperteil, der ausschliesslich ihm dient wie die Nase dem Riechen oder das Ohr dem Hören. Unser Orientierungssinn ist ein Strippenzieher im Hintergrund, im besten Fall bei jedem unserer Schritte anwesend und dennoch meist unbemerkt. Als gewiefter Taktiker entscheidet er im Verborgenen über Routen und Abkürzungen, ohne dass wir ihm in der Alltagshektik auf die Spur kommen.

Ein körpereigenes Navi

Doch Wissenschaftler blicken nun mehr und mehr hinter seine Tarnmaske. Wie weit sie dabei schon gekommen sind, zeigte sich vor vier Jahren, als John O’Keefe sowie May-Britt Moser und ihr Mann Edvard den Medizin-­Nobelpreis für die Entdeckung verschiedener Gehirnzellen erhielten, die die Orientierung im Raum ermöglichen. Dazu zählen sogenannte Ortszellen im Hippocampus. Diese Hirnstruktur ist fürs Lernen und Erinnern wichtig.

Jedem einmal besuchten Ort entspricht ein spezifisches Aktivierungsmuster der Ortszellen. So baut das Gehirn nach und nach eine innere Landkarte auf. Daneben arbeiten Rasterzellen für das körpereigene Navi, die für die Entfernungen und Beziehungen zwischen den einzelnen Orten auf der mentalen Karte zuständig sind. Hinzu kommen viele weitere Zelltypen im Gehirn wie zum Beispiel Speed-Neuronen, die als Tacho dienen.

Als ob das nicht schon kompliziert genug wäre, ist der Orientierungssinn zusätzlich auf die Hilfe anderer Sinne angewiesen. Ohne ein Gefühl für Gleichgewicht fällt es schwer, die eigene Position im Raum zu bestimmen, und wie wichtig das Sehen ist, haben Forscher des Tübinger Max-Planck-Instituts für Kybernetik in einem Versuch gezeigt. Nachdem sie ihren Studienteilnehmern die Augen verbunden hatten, konnten die Probanden höchstens 20 Meter geradeaus gehen. Spätestens dann bogen sie auf eine Kreisbahn ab. Wer nichts sehen kann und dennoch losmarschiert, entfernt sich nicht weiter als 100 Meter von seinem Ausgangspunkt. Mit verbundenen Augen geradeaus zu laufen, schafft auf Dauer kein Mensch.

Warum brauchten die Urlauberinnen zwei Tage für gut 100 Kilometer? Wer so fragt, hat nichts verstanden.

Der Orientierungssinn macht grosse Unterschiede darin, wie sehr er jedem Einzelnen beisteht. Manche Menschen wissen selbst in fremden Städten, welcher Ausgang der U-Bahn-Station sie an der richtigen Stelle ans Tageslicht befördert, andere finden vom Badezimmer nicht zurück ins Wohnzimmer, wenn sie irgendwo eingeladen sind. «Beim Orientierungssinn gibt es sehr grosse individuelle Unterschiede», bestätigt MPI-Forscherin Marianne Strickrodt.

Wie vorsichtig man jedoch damit sein sollte, die verschiedenen Orientierungsfähigkeiten einzelner Menschen oder Gruppen zu erklären, zeigt eine kürzlich veröffentlichte Studie mit mehr als einer halben Million Teilnehmern aus 57 Ländern. Sie alle erprobten ihre Orientierungsfähigkeiten in einer Spiele-App. Dabei offenbarten sich unerwartete Zusammenhänge, die auf einen starken Einfluss sozio-ökonomischer Faktoren auf die Navigationsfähigkeiten hinweisen.

Zum Beispiel korrelieren sie mit dem ökonomischen Wohlstand eines Gebiets. Spieler aus wirtschaftlich gut aufgestellten Regionen wie West- und Nordeuropa schnitten in der App besser ab als Teilnehmer aus Indien, Ägypten und dem Irak. Möglicherweise reisen Menschen in wohlhabenden Ländern mehr und fördern damit ihre Navigationskünste stärker, spekulieren die Autoren.

Flexibilität als Schlüssel

Trotzdem bleibt angesichts der grossen individuellen Unterschiede eine Frage: Was machen diejenigen anders, die sich mühelos zurechtfinden? Als Probanden in einer Studie während der Wegfindung ihre Überlegungen laut äussern sollten, zeigte sich: Menschen, die meist problemlos ihren Weg finden, können flexibler zwischen verschiedenen Methoden der Orientierung hin und her wechseln.

Vereinfacht gesagt, stehen zwei Strategien zur Auswahl: sich gedanklich in die Vogelperspektive zu versetzen und sich so einen Überblick zu verschaffen, oder sich die Route wie eine Vokabelliste auswendig zu merken: «An der ersten Kreuzung geradeaus, bei der Kirche links bis zur Ampel, dann dreimal rechts abbiegen.» Mit welcher Methode man schneller ans Ziel kommt, hängt stark von der jeweiligen Situation ab. Das sogenannte Routenwissen fordert das Gehirn weniger und lässt sich oft schneller lernen, vor allem für Menschen mit schlechtem Orientierungssinn. Haben sie erst einmal gelernt, wo sie in welche Richtung abbiegen müssen, kommen auch sie gut zurecht – solange sie nicht in einem fremden Land das Meer suchen oder in vertrauter Umgebung plötzlich eine Strasse gesperrt ist. Denn wer kognitive Ressourcen spart, der zahlt dafür den Preis mangelnder Flexibilität.

Widersinnige Befürchtungen

Über Flexibilität verfügen jene Menschen, die sich auch anhand der Vogelperspektive orientieren. Dabei richten sie sich nach unverrückbaren Merkmalen wie der Himmelsrichtung und dem Sonnenstand, einem markanten Berggipfel oder der Küstenlinie. Offenbar speichert das Gehirn das Wissen über solch grössere Zusammenhänge getrennt von der Fähigkeit, eine Schritt-für-Schritt-Wegbeschreibung zu erstellen.

Im Idealfall ergänzt sich beides. Aber was ist schon ideal in dem Moment, in dem man weder weiss, wo man sich befindet, noch in welche Richtung man will? Helfen kann dann nur eins: die unerschütterliche Stimme aus dem Navi. Doch in die Erleichterung über die technische Hilfe mischt sich ein leiser Zweifel. Sind die Geräte vielleicht mehr Fluch als Segen?

Zahlreiche Stimmen warnen vor den potenziell schlimmen Auswirkungen ständigen Navi-Gebrauchs. Es droht angeblich nicht weniger als der völlige Verlust der Vogelperspektive. Totale Hilflosigkeit, sobald der Akku mal ausfällt oder ein Tunnel den Datenempfang stört. Autos mit der Kühlerhaube im Fluss oder eingekeilt zwischen dicht stehenden Bäumen mitten im Wald, weil die Fahrer ihren Geräten blind vertraut haben. Andererseits: Wer Stunden, wenn nicht Tage seiner Lebenszeit auf Irrfahrten und Umwegen verbracht hat, der denkt sich selbst angesichts dieser Schreckensszenarien, dass er eigentlich nicht viel zu verlieren hat.

Referenzen helfen auf dem Weg

Stefan Münzer kennt sich als Bildungspsychologe an der Universität Mannheim bestens mit der Beziehung zwischen Mensch und Navi aus – und stimmt weder den Apokalyptikern noch den Sorglosen uneingeschränkt zu: «Wir haben bisher keine harten Belege dafür, dass Menschen, die früher mit Karten navigiert haben, durch das Navi wirklich etwas verlernen.»

Für kritischer hält er die Situation jedoch bei jüngeren Menschen, die erst im Navi-Zeitalter geboren wurden und nie andere Hilfsmittel zur Orientierung genutzt haben. Ihnen fehlt möglicherweise die nötige Portion Skepsis gegenüber der eindringlichen Stimme, die einen mitunter auch dann zur Weiterfahrt auffordert, wenn man schon mitten im Maisfeld steht. Wer sich vom Navi leiten lässt, entwickelt bestenfalls ein Routenwissen.

Einen Überblick aus der Vogelperspektive vermitteln die Geräte nicht, wie mehrere Studien gezeigt haben. Erhält man dagegen eine Wegbeschreibung von einem anderen Menschen, baut der meist auch markante Punkte wie den Bahnhof oder das Stadtzentrum in seine Erklärung ein, selbst wenn sie für den eigentlichen Weg keine Rolle spielen. Doch helfen solche Referenzen, sich selbst in der Umgebung zu verorten.

Neue Generation von Navis

Um sich gut zurechtzufinden, empfiehlt Forscher Stefan Münzer ein zweistufiges Vorgehen: sich vor der Fahrt mithilfe einer Karte – egal ob in Papierform oder als Online-Routenplaner – einen Überblick zu verschaffen, wo man hinwill und welche markanten Punkte als Richtungsweiser dienen können. Folgt man unterwegs dem Navi, kann man dessen Vorgaben mit der Erinnerung an die Übersichtskarte abgleichen.

Mit einer neuen Generation von Navis könnte diese umständliche Reiseplanung überflüssig werden. Zumindest hofft das der Psychologe Münzer. Zusammen mit Kollegen der Uni Münster arbeitet er an einem Gerät, das neben der Wegbeschreibung auch Überblicks­wissen vermitteln soll – ähnlich wie ein Mensch, der einem anderen den Weg erklärt. «Das lässt sich aber nicht so einfach in Algorithmen umsetzen», sagt Münzer.

Als ob jemals etwas einfach gewesen wäre beim Thema Orientierung.

Erstellt: 18.12.2018, 19:40 Uhr

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