So vertreibt dieser Schmetterling andere Männchen

Was tun, um sich die Konkurrenz vom Leibe zu halten? Ein Schmetterling hat eine besondere Methode entwickelt – und weitere Fakten zu den Insekten.

Tut so, als wäre sie eine Fledermaus, um Konkurrenten zu vertreiben: Die gelbe Pfirsichmotte. Foto: Wikimedia/John Tann

Tut so, als wäre sie eine Fledermaus, um Konkurrenten zu vertreiben: Die gelbe Pfirsichmotte. Foto: Wikimedia/John Tann

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Im Reich der Insekten sind die Schmetterlinge mit die auffälligsten Wesen – und auch die vielfältigsten. Weltweit gibt es etwa 180'000 verschiedene ­Arten, mehr als 90 Prozent von ihnen sind Nachtfalter. Die meisten Schmetterlinge leben nur wenige Tage. Aber alle verfügen sie über erstaunliche Fähigkeiten.

Hören

Schmetterlinge gehören zu denjenigen Insekten, die Geräusche wahrnehmen können. Ihre «Ohren», die sogenannten Tympanalorgane, liegen in einer kleinen Grube im Brustbereich oder im Hinterleib. Sie sind einfach gebaut, bei manchen Arten bestehen sie nur aus einer einzigen Sinneszelle. Tagfalter hören damit wahrscheinlich das Rauschen heranfliegender Vögel, die sie fressen wollen. Viele Nachtfalter hören sogar Töne extrem hoher Frequenzen im für Menschen nicht wahrnehmbaren Ultraschallbereich. Erkennen die Tiere die Ultraschallrufe ihrer ärgsten Feinde, der Fledermäuse, drehen sie ab oder gehen in einen Sturzflug über, was ihnen oft das Leben rettet. Manche Fledermäuse haben den Trick allerdings schon durchschaut. Sie flüstern auf der Jagd, sodass die Falter sie nicht mehr hören.

Rufen

Besonders raffiniert agieren Bärenspinner, die so heissen, weil ihre Raupen stark behaart sind. Die Tiere geben Ultraschallrufe von sich, die denen der Fledermäuse ähneln, verwirren ihre Feinde also durch eine Art Störsender. Noch durchtriebener ist die Gelbe Pfirsichmotte. Dieser Schmetterling imitiert den Ruf einer Fledermaus, um männliche Konkurrenten zu erschrecken und zu vertreiben. Dann lockt er mit einem anderen Ton Weibchen an und paart sich mit ihnen.

Sehen

Wie alle Insekten haben Schmetterlinge Facettenaugen, die aus Hunderten bis Tausenden Einzelaugen, sogenannten Ommatidien, bestehen. Bis zu 17'000 sind es auf jeder Seite. Scharfes, dreidimensionales Sehen wie mit den Linsenaugen etwa des Menschen ist damit nicht möglich. Dafür können Schmetterlinge schnelle Bewegungen besser erkennen. Jedes ihrer Einzelaugen besteht am oberen Ende aus Hornhaut. Diese ist Teil einer Linse, die das Licht auf tiefer liegenden Sinneszellen bündelt. Da die Einzelaugen in einem Halbkreis angeordnet sind, nimmt jedes von ihnen Bilder aus einer etwas anderen Richtung auf. Diese fügt das Gehirn des Schmetterlings dann zu einem Mosaikbild zusammen, das allerdings ziemlich pixelig ist.

Der Morphofalter leuchtet auffällig in strahlendem Blau. Klappt der Schmetterling die Flügel hoch, sieht er aus wie ein braunes Blatt und ist gut getarnt. Fotos: Heidi und Hans-Jürgen Koch

Dafür können sich die Fotorezeptoren in den Schmetterlingsaugen besonders schnell wieder erholen, nachdem sie durch einen Lichtimpuls aktiviert worden sind. Aus diesem Grund können die Tiere zwei Reize auch dann noch als getrennt wahrnehmen, wenn sie sehr schnell aufeinanderfolgen. Würden Schmetterlinge Serien auf Netflix anschauen, sähen sie statt eines durchgehenden Films eine langsame Abfolge von Bildern.

Wahrnehmen

Viele Falter erkennen mehr Farben als Menschen, weil sie mehr verschiedene Typen von Fotorezeptoren haben. Jede dieser Sinneszellen ist für unterschiedliche Bereiche des Farbspektrums zuständig. Menschen haben drei Arten von Fotorezeptoren und können damit Millionen Farbtöne unterscheiden.

Wie bunt muss die Welt dann erst für Schmetterlinge aussehen? Den Rekord hält der in Asien lebende Kolibrifalter ­Graphium sarpedon, bei dem Biologen 15 verschiedene Fotorezeptoren nachgewiesen haben. Wozu der schwarz-türkis Schmetterling die alle braucht, ist noch nicht bekannt. Klar ist, dass das Tier UV-Licht sehen kann, das für Menschen unsichtbar ist. Das können aber viele andere Insekten auch. Um Bestäuber anzulocken, haben Pflanzen deshalb oft Blüten mit auffälligen UV-Mustern. Zusätzlich zu ihren Facettenaugen haben manche Schmetterlinge zwei Einzelaugen, mit denen sie ihren Tag-Nacht-Rhythmus steuern.

Täuschen

Die Augen auf den Flügeln mancher Schmetterlinge wie etwa dem Tagpfauenauge sollen die zahlreichen Feinde verwirren und abschrecken. Um zu überleben, imitieren manche Falter auch andere Tiere, die wehrhafter sind als sie selbst. Der vollkommen harmlose Hornissen-Glasflügler beispielsweise sieht aus wie eine Hornisse.

Riechen

Schmetterlinge riechen mit ihren Fühlern, manchmal auch mit anderen irgendwie herausstehenden Körperteilen, auf denen sich feine Härchen, sogenannte Riechsensillen, mit geruchsempfindlichen Zellen befinden. Sie funktionieren ganz ähnlich wie die Riechzellen in der Nase von Wirbeltieren. Die Fühler von Schmetterlingen können sehr verschieden sein: kurz oder lang, gerade oder gebogen, manche sind mit Kolben versehen, andere ähneln eher einem Kamm.

Federartige Fühler des Japanischen Eichenseidenspinners.

Die längsten Fühler haben Schmetterlinge aus der Familie der Langhornmotten. Ihre Antennen sind manchmal viermal so lang wie ihr Körper. Zwei Arten von Gerüchen interessieren die Tiere: der nach Nahrung und der nach Sex. Nehmen sie einen davon wahr, fliegen die oft scheinbar ziellos umherflatternden Schmetterlinge erstaunlich zielstrebig darauf zu. Seidenspinner-Männchen beispielsweise können ein paarungsbereites Weibchen kilometerweit riechen.

Duften

Die Weibchen der Seidenspinner produzieren das Pheromon Bombykol in Drüsen an ihrem Hinterteil und locken so die Männchen an. Sie können nicht fliegen, sondern sitzen nur da und warten, bis das Männchen angeflattert kommt. Bei vielen anderen Schmetterlingsarten produzieren hingegen die Männchen mit speziellen Duftschuppen auf ihren Flügeln oder an den Beinen Substanzen, die Weibchen anlocken.

Schmecken

Die meisten Schmetterlinge schmecken mit ihren Fühlern, manche aber auch mit den Füssen – zum Beispiel die Weibchen des Schwalbenschwanzes. Bevor sie ihre Eier auf einem Blatt ablegen, trommeln sie mit den Füssen darauf herum. So testen sie, ob es ein Blatt ist, dass die Raupen, die aus den Eiern schlüpfen, auch fressen. Mit speziellen Sinneshaaren an den Füssen können die Weibchen sogar einzelne Inhaltsstoffe des Blattes herausschmecken. Die Falter sind sogar in der Lage, Alter und Gesundheitszustand eines Gewächses zu erschmecken.

Fressen

Die meisten Falter ernähren sich von Nektar, den sie mit einem ausrollbaren Rüssel aus Blütenkelchen schlürfen. Die längsten Rüssel haben Schmetterlinge aus der Familie der Schwärmer; den Rekord hält die subtropische Art Amphimoea walkeri, deren Rüssel 280 Millimeter lang ist. Viele Schwärmer tauchen ihren Rüssel im Flug in die Blüten ein. Sie schwirren dann in der Luft, ähnlich wie Kolibris. Schmetterlinge, die wie die Pfauenspinner keinen Rüssel haben, fressen überhaupt nicht. Sie zehren von den Reserven, die sie sich als Raupe angefressen haben, und sterben bald.

Halb ausgerollter Rüssel des Edelfalters Apatura schrenckii.

Auch die meisten Schmetterlingsraupen sind Vegetarier und nagen an Blättern, Blüten oder Wurzeln. Eine Ausnahme sind die Raupen einiger auf Hawaii lebender Spannerarten. Die Tiere tarnen sich als kleine Zweige, legen sich auf die Lauer und überfallen andere Insekten. Noch gruseliger sind die Raupen der ebenfalls auf Hawaii lebenden Prachtfalter. Sie tarnen sich mit einem Gehäuse aus Seide und Moos, schleichen sich an schlafende Schnecken heran und fesseln sie. Dann kriechen sie in das Schneckenhaus und fressen den Bewohner nach und nach bei lebendigem Leib auf. Vollgefressen tragen sie dann das leere Schneckenhaus mit sich herum.

Erstellt: 15.07.2019, 19:15 Uhr

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