Die Opfer des Palmöl-Booms

Gejagt, vertrieben, verhungert, verbrannt: Auf Borneo sind über 100'000 Orang-Utans verschwunden. Wie die Menschenaffen noch zu retten sind.

Die Brandrodung trieb ihre Familie auseinander: Zwei verwaiste Orang-Utan-Weibchen auf Borneo.

Die Brandrodung trieb ihre Familie auseinander: Zwei verwaiste Orang-Utan-Weibchen auf Borneo. Bild: Ed Wray/Keystone

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Der Mond gehört natürlich nicht zum Revier des Försters Bahtiar Adi. Sein Einsatzgebiet ist die Erde, genauer gesagt: die Tropeninsel Borneo. Wer den Indonesier begleitet und den Blick über die trockengelegte Torflandschaft streifen lässt, fühlt sich dennoch in eine andere Welt katapultiert. Mond mit Palmen, so sieht das hier aus.

Bahtiar schaukelt mit seinem Allradwagen über die Piste, es herrscht reger Gegenverkehr. Lastwagen donnern die schnurgerade Strasse zwischen den Palmreihen entlang, Staubwolken wirbeln durch die Luft. Auf den Ladeflächen türmen sich Palmölfrüchte für die Raffinerie, in der jenes Öl erzeugt wird, das in fast jedem zweiten Produkt steckt, das in hiesigen Supermärkten zu kaufen ist: von der Margarine bis zum Waschmittel. «Früher war hier Sumpfregenwald», sagt Bahtiar. Erst ein paar Jahre ist das her. Heute erstrecken sich Öl­palmen über das küstennahe Torfgebiet, 60 Kilometer nördlich der Stadt Pontianak. 6000 Hektar hat die Firma Peniti Sungai Purun hier bepflanzt. Wobei das noch keine der ganz grossen Plantagen ist. Manche Konzerne kontrollieren mehrere Firmen, die zusammen schon mal 10'000 Hektar bepflanzen. Das ist eine Fläche grösser als der Zürichsee.

Bahtiar arbeitet für die Naturschutzbehörde des Forstministeriums und hat damit einen der härtesten Jobs, die auf Borneo zu vergeben sind. Er soll die Artenvielfalt schützen. In der Ferne sind zwei Hügel zu erkennen, wie Inseln ragen sie aus dem Palmenmeer. Der Förster steigt aus dem Geländewagen und blickt den Hügel hinauf. Dort oben in den Kronen müssen sie irgendwo sein. Bahtiar sucht Orang-Utans, bevor es für sie zu spät ist.

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Es steht nicht gut um die rothaarigen Menschenaffen in Südostasien. Wie stark ihre Bestände geschrumpft sind, hat jüngst ein Forscherteam um die Biologin Maria Voigt vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitäts­forschung in Leipzig untersucht und im Fachmagazin «Current Biology» veröffentlicht. Demnach sind innert sechzehn Jahren mehr als 100'000 Orang-Utans verschwunden.

Gejagt, vertrieben, verhungert, verbrannt: Die Affen sind etlichen Gefahren ausgesetzt, und nicht jeder Fall lässt sich einzeln dokumentieren. Die Forscher haben stattdessen einen grossen Datensatz für die Jahre 1999 bis 2015 zusammengetragen, Luftbilder sowie Unter­suchungsberichte ausgewertet, um die Zahl von Orang-Utan-Nestern in Baumkronen zu bestimmen. Dann haben sie ihre Ergebnisse mit Karten kombiniert, die den Wandel der Landnutzung zeigen. So konnten sie bestimmen, wo die meisten Affen verschwanden und wie stark die Verluste ausfielen.

Höchstens 100'000 Tiere noch

Wissenschaftler schätzen, dass noch 70'000 bis 100'000 Orang-Utans in den Wäldern Malaysias und Indonesiens herumklettern. Zwei Arten leben auf Sumatra, eine auf Borneo. Alle drei stehen auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tiere. Sind sie noch zu retten? Diese Frage beschäftigt natürlich auch den Förster Bahtiar. Ein Arbeiter von der Plantage erzählt ihm von Nestern, die er beim Streifzug durch den Wald entdeckt hat. «Sie beweisen, dass hier noch Orang-Utans leben», sagt Bahtiar. «Aber man sieht ja, dass es eng für sie geworden ist.»

Der Wald, der einst die Ebene bedeckte, ist auf wenige Flecken geschrumpft. Aus der Luft gleicht die Landschaft Borneos einem Flickenteppich. Plantagen, Felder, Sümpfe, Siedlungen – und immer mal wieder Wald. Das ist die Welt, die den Orang-Utans in Zeiten grossflächiger Abholzungen, Brandrodungen und industrieller Agrarwirtschaft geblieben ist.

Vorher / nachher: Verschieben Sie den Balken, um den Rückgang des Waldes zwischen 1973 und 2010 zu sehen.

Um 1900 war Borneo nahezu vollständig bewaldet, 1973 noch zu 75 Prozent. Danach haben die Motorsägen ganze Arbeit geleistet. Innerhalb von vier Jahrzehnten ging eine Waldfläche verloren, die viermal so gross ist wie die Schweiz. 1980 bis 2000 schlugen Konzerne auf Borneo gar mehr Tropenholz als in Afrika und am Amazonas zusammen. Schreitet die Entwaldung voran wie bisher, rechnen Forscher damit, dass die Zahl der Borneo-Orang-Utans bis 2050 um weitere 45'000 Tiere abnehmen wird. «Die Insel darf also keine grösseren Waldflächen mehr verlieren, soll der dramatische Verlust gestoppt werden», warnt Voigt.

«Wir glauben, dass die
Orang-Utans eine gute Chance haben.»
Nationalparkdirektor Arief Mahmud

In diesem düsteren Bild gibt es auch Lichtblicke, manche Bestände in Schutzgebieten erscheinen stabil oder nehmen sogar zu, wie Nationalparkdirektor Arief Mahmud hervorhebt. «Wir glauben, dass Orang-Utans eine gute Chance haben, bei uns zu überleben – wir können sie schützen», sagt Arief, der die Parks Be­tung Kerihun und Danau Sentarum im Westen Borneos verwaltet. Ausserhalb der Schutzgebiete ist das schwieriger. Albertus Tiju, Manager des World Wildlife Fund (WWF) in Westkalimantan, erzählt, wie sie mal ein Orang-Utan-Nest in einer Kiefer entdeckten, untypisch für die Tiere, die sich gewöhnlich auf Urwaldriesen zurückziehen. Der Nadelbaum war offenbar der einzige Platz, den die Affen noch zum Schlafen fanden.

Der Forstbeamte Bahtiar fährt ins Dorf Nusa Pati, um die Stimmung auszuloten. Es ist schon dunkel, als Bürgermeister Dedy Darmansyah ins Haus bittet. Der frühere Lehrer sagt, er wisse um die letzten Affen auf dem Hügel, und er wolle Konflikte vermeiden. «Ich sage den Leuten: Treibt sie nicht vor euch her, tötet sie nicht.» Aber er könne auch nicht für die Sicherheit der Affen garantieren. «Wenn die Orang-Utans in die Nähe kommen, haben manche Leute Angst. Oder sie werden wütend, wenn die Affen Früchte aus dem Garten nehmen.» Auf der Plantage erzählten Arbeiter, dass schon mal ein Orang-Utan im Dorf erschlagen worden sei.

Dorfbewohner möchten Tiere umsiedeln

Es ist nicht belegt, dass ein Orang-Utan je einen Menschen getötet hätte, aber das macht es für die Affen nicht leichter, wenn Bauern sie nur als Schädlinge einstufen. Das Leben der Leute ist hart, eingekreist von der Palmölindus­trie. Der Bürgermeister betrachtet die Plantagen mit gemischten Gefühlen, «manche haben dort ihre Jobs». Viele im Dorf klagten jedoch, dass es so heiss geworden sei in der Gegend, seitdem der Wald abgeholzt ist. «Wir finden kaum Feuerholz und haben auch Probleme, sauberes Wasser zu bekommen.»

Im Dorf wären sie froh, wenn die letzten Tiere umgesiedelt würden, dann könnten sie den Wald leichter nutzen, sagen sie. Die Plantagenarbeiter ihrerseits fürchten, dass die Affen Ärger machen. Sie fressen hin und wieder junge Palmschösslinge, was kein Manager gern sieht. «Es ist hier zu riskant für Affen», sagt ein Arbeiter im Flüsterton. Genauer will er nicht werden, doch ist offenkundig, was er meint: Es gibt zahlreiche Berichte, wonach Orang-Utans den Besuch einer Plantage nicht überlebten. Auf das Töten der Affen steht Gefängnis, Artenschützer klagen indes, dass das Gesetz nur selten durchgesetzt werde.

Viele reden hier vom Umsiedeln der Affen. Aber wohin? Gibt es noch genügend Wald dafür? Solche Fragen beschäftigen den WWF-Manager Albertus Tiju. «70 Prozent aller Orang-Utans leben immerhin ausserhalb von Schutz­gebieten», sagt der Ökologe. «Für diese Tiere muss es eine Strategie geben.» Sicher ist: Man kann nicht alle Affen in bestehende Schutzgebiete umsiedeln, sobald es mit Menschen Probleme gibt. «So viele geeignete Waldflächen haben wir nicht mehr», sagt Tiju.

Korridore für die Orang-Utans

Deshalb versuchen Naturschützer, den Affen wieder Räume zu öffnen. Weiter östlich arbeitet der WWF an Plänen, einzelne Nationalparks durch Korridore für Orang-Utans und andere Wildtiere zu vernetzen. Laut WWF ziehen auch die Behörden nun mit. Dennoch ist es angesichts der Landverteilung ein kompliziertes Vorhaben. Teils müssen schon erteilte Lizenzen für Palmölplantagen wieder entzogen werden. Die Plantagen-Lobby jedoch ist mächtig. Wenn trotzdem alles gut geht, können Experten teils gerodeten Wald zwischen den ­Nationalparks wieder als Schutzgebiete ausweisen. «Jedenfalls muss man die ­Agrarkonzerne in den Waldschutz einbinden», sagt Forscherin Voigt.

Es wird aber nicht reichen, die Waldgebiete als Lebensraum zu schützen. Die Forscher um die Biologin kommen nämlich zum Schluss, dass zahlreiche Affen Jägern zum Opfer fallen, die durch die Wälder streifen. Dieses gezielte Töten der Tiere ist damit ein weit grösseres Problem als lange vermutet. Menschen wildern, um Affenfleisch zu essen, oder sie erschiessen Mütter, um Babys illegal als Haustiere anzubieten.

Schon der Verlust weniger weiblicher Tiere hat enorme Auswirkungen auf eine Population, da Orang-Utans sich äusserst langsam fortpflanzen: Nur alle sechs bis sieben Jahre bekommen sie ein Junges. Die Jagd auf Orang-Utans hat auf Borneo allerdings Tradition. Die Leute reden nicht offen darüber, weil die Tiere geschützt sind. Aber manche Gruppen einheimischer Dayak-Völker sind es seit langem gewohnt, Orang-Utans zu essen.


Bilder: Affen an der Flasche


Besuch bei Yakub Apui, einem Dayak im Westen der Insel. Er trägt nur eine kurze Sporthose am Leib, sein Haar ist grau, die Brille sitzt etwas schief auf der Nase. Der 65-Jährige lädt in seine Holzhütte, die auf Stelzen gebaut ist. Wie ist das also mit der Jagd? «Früher zogen wir ständig in die Wälder», erzählt der Mann aus Sungai Buloh. Er hat noch gelernt, Giftpfeile mit dem Blasrohr zu schiessen, später nahmen sie Gewehre. «Wir erlegten am liebsten Schweine.» Nur einmal habe er zugesehen, wie einer einen Orang-Utan schoss.

Die Menschenaffen waren vermutlich nie die bevorzugte Kost, aber wenn eine mehrtägige Jagd auf Schweine erfolglos war und die hungrigen Männer auf dem Rückweg zufällig einen Affen sahen, ­haben sie auch den geschossen. Und heute? Apui winkt ab. «Hier jagt schon lange keiner mehr, wo auch, der Wald ist ja abgeholzt.»

Manche Dayak-Gemeinden wollten Land an Konzerne verkaufen, andere nicht. Fast immer gab es Streit. «Meistens wurden die Leute mit Tricks über den Tisch gezogen», schimpft der Sohn. Der Vater glaubt ebenfalls nicht, dass der Plantagenboom gut für sie war. «Wir haben jetzt eine Strasse, Motorräder, Mobiltelefone. Aber wenn ich es mir überlege, fühlte sich unser Leben früher, im Wald, doch besser an.» Deshalb hat der Dayak jetzt begonnen, wenigstens drei Hektar nahe dem Haus neu zu bepflanzen. Er will wieder Wald wachsen sehen, keine Palmen.

Erstellt: 26.04.2018, 18:19 Uhr

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