Sie will ja nur ihren Clan verteidigen

In Selbstversuchen haben Forscher getestet, welche Bienen und Wespen am schmerzhaftesten stechen.

Ihr Stich schmerzt, allerdings nur mittelmässig: Nahaufnahme einer sozialen WespeFoto: Getty  Images

Ihr Stich schmerzt, allerdings nur mittelmässig: Nahaufnahme einer sozialen WespeFoto: Getty Images

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Kaum beisst man in ein Stück Kuchen oder eine Frucht, schwirren auch schon gelb-schwarze Flug­objekte heran. Meist handelt es sich um die Gemeine oder Deutsche Wespe. Die staatenbildenden Hautflügler haben gerade viel Zeit, «weil sie arbeitslos geworden sind». Diese verblüffende Erklärung liefert Michael Ohl vom Museum für Naturkunde in Berlin. Derzeit legen die Wespenköniginnen nur noch wenige Eier, aus denen sich «Geschlechtstiere» bilden, sprich Drohnen und neue Königinnen. Viele Arbeiterinnen, die den Sommer über emsig die Larven mit Fleischkost versorgt haben, sind nun überflüssig.

Der deutsche Wespenexperte hat kürzlich ein faszinierendes Buch über seine Forschungsobjekte veröffentlicht. Darin beschreibt er, was wir am meisten an Wespen und Co. fürchten: den Stachel. Erst die Fähigkeit, sich zu wehren, habe die Staatenbildung ermöglicht, schreibt Ohl. Schliesslich sind Wespennester, die einen Umfang von bis zu zwei Meter erreichen können, auffällig und locken Räuber an, weil sich darin nahrhafte Larven befinden.

Die Wespen verteidigen also sich und ihren Clan, wenn sie sich angegriffen fühlen – auch wenn ein Mensch sie drückt oder wild herumfuchtelt. Dabei tut der Stich einer Gemeinen oder Deutschen Wespe nur mittelmässig weh, zumindest laut einer Schmerz-Skala, die der Insektenforscher Justin Schmidt an der Universität von Arizona entwickelt hat. Der Entomologe hat es mit seinem Schmidt-Schmerz-Index zu einiger Berühmtheit gebracht.

Überraschenderweise ist das Gift der Wegwespe kaum toxisch.

Aus wissenschaftlicher Neugierde liess sich der Forscher von 83 Insektenarten stechen und erstellte eine Skala von 1 bis 4. Den Stich von kleinen Bienenarten, der sich etwa so anfühlt, «als ob ein winziger Funke ein einziges Haar am Arm versengt», ordnet Schmidt der Kategorie 1 zu. Als «heftig blendend, schockierend elektrischen Schmerz» der Stufe 4 bezeichnet er den Stich einer in der Neuen Welt heimischen Wegwespe der Gattung Pepsis. Kein Wunder, die bis zu fünf Zentimeter grosse Wüstenbewohnerin jagt Vogelspinnen. Der Experte rät Betroffenen, die von Pepsis gestochen werden: «hinlegen und schreien». Der Schmerz, der einem die Sinne vernebelt, klinge jedoch nach drei Minuten wieder ab, schreibt Ohl, der selber schon einmal Opfer war.

Überraschenderweise ist das Gift der Wegwespe kaum toxisch. Wenn ein Schmerzsignal eine Warnung für einen körperlichen Schaden ist, so sei das Gift der Wegwespe ein «grosser Bluff», schreibt Ohl. Das Gift von staatenbildenden Insekten hingegen ist in der Regel toxischer, sorgt also bei Räubern tatsächlich für Probleme. So können bereits wenige Wespenstiche eine Maus töten. Menschen zeigen ab etwa 50 Bienenstichen schwere klinische Symptome. Lebensbedrohlich wird es ab 100 bis 500 Stichen. Das Gift der grössten mitteleuropäischen Wespe, der Hornisse, ist hingegen nur ein Viertel so stark wie das der Biene.

Es kommt aber nicht nur darauf an, welches Insekt einen sticht, sondern auch, in welche Körperpartie es seinen Stachel rammt, ist das Fazit eines anderen Insektenforschers, der auf Bienen spezialisiert ist. Als der Amerikaner Michael Smith, der heute an der Universität Konstanz arbeitet, einmal in den Hoden gestochen wurde, weckte diese Pein seinen Forscherdrang. In haarsträubenden Selbstversuchen ermittelte er, auf welcher Körperregion ein Bienenstich am meisten wehtut. Sein Fazit: Ein Stich auf dem Schädel oder Oberarm ist am ehesten erträglich. Wohingegen man nicht einmal seinem Feind wünscht, von einer Biene an Penis, Oberlippe oder Nasenloch malträtiert zu werden.

Von den 153'000 Hautflüglerarten, zu denen Wespen, Bienen und Ameisen zählen, besitzt die Hälfte einen Stachel. In unseren Breiten werden wir hauptsächlich von der Gemeinen und Deutschen Wespe oder der Honigbiene ge­stochen.

«Zombie-Wespen» laben sich an noch lebenden Opfern

Auf die Idee, mit dem Stachel Gift zu injizieren, kamen ursprünglich solitär lebende Hautflügler. Noch heute nutzen die Einzelgänger ausgeklügelte Strategien, um ihre Nachkommen zu versorgen. Oft töten sie ihre Opfer nicht, sondern lähmen mit ihrem Gift lediglich die Körper, damit sie für die Larven länger frisch bleiben.

Eine der merkwürdigsten Wespengruppen seien die Schabenwespen, findet Ohl. Eine Vertreterin ist die nach ihrem eleganten Aussehen benannte, bunt schillernde Juwelwespe, die in Südostasien heimisch ist. Zusätzlich trägt sie den weniger schmeichelhaften Spitznamen «Zombie-Wespe» – wegen ihres gruseligen Jagdverhaltens. Die Wespe lähmt zunächst das vordere Beinpaar des Opfers, das sich nicht mehr verteidigen kann. Eine zweite Injektion Gift spritzt die Angreiferin ins Gehirn der viel grösseren Schabe, die dadurch ihr  Verhalten ändert und den Fluchtreflex verliert. Schliesslich führt die Wespe ihr Opfer an der Antenne in ihren Bau «wie einen Hund an der Leine» und legt ein einzelnes Ei auf dem Körper ab, schreibt Ohl. Die geschlüpfte Wespenlarve verzehrt das gelähmte Tier, indem sie mit den weniger wichtigen Organen beginnt. Ein Tod wie in einem Horrorfilm.

Die Wespen, die uns nun zur Essenszeit besuchen, versüssen sich hingegen ihren Lebensabend. Sie werden bald sterben. In einigen Wochen sind nur noch wenige Jungköniginnen übrig. Sie überwintern und gründen im nächsten Jahr einen neuen Staat.

Michael Ohl: «Stachel und Staat – Eine leidenschaftliche Naturgeschichte von Bienen, Wespen und Ameisen», Droemer-Verlag, ca. 52 Fr.

Erstellt: 25.08.2018, 18:52 Uhr

Keine Angst vor Wespen

Wespen kann man mit langsamen Handbewegungen verscheuchen. Nähern Sie sich nie einem Wespennest. Wenn dort eine Wespe sticht, kommen weitere hinzu. Nahrung im Freien sollten Sie abdecken, vor allem Dosen mit Süssgetränken. Wespenstichallergiker müssen sofort Hilfe holen. Alle anderen Gestochenen nur, wenn Mund- oder Atembereich betroffen sind.

Tel: 144. Infos: stadt-zuerich.ch/schaedlingsbekaempfung

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