Es ist die blanke Notwehr

Freiwillige ohne Ausrüstung bekämpfen in Indonesien riesige Waldbrände. Die Region erinnert nur noch vage an die Erde.

Auf Sumatra brennen riesige Flächen von Buschland und Waldgebieten. Helfer versuchen, der Lage Herr zu werden – ohne passende Ausrüstung. Foto: Getty Images

Auf Sumatra brennen riesige Flächen von Buschland und Waldgebieten. Helfer versuchen, der Lage Herr zu werden – ohne passende Ausrüstung. Foto: Getty Images

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Der junge Mann hat die Baseballkappe tief ins Gesicht gezogen und sich ein Stofftuch über Mund und Nase gebunden. Das muss reichen. Atemmaske, Schutzbrille, Helm? Davon können die Feuerwehrmänner im Süden Sumatras nur träumen.

Supriyadi gehört zu jenen Männern, die an der Feuerfront von Jambi ihr Leben riskieren. Er verliert nicht viele Worte dazu. Er hat auch keine Zeit, über mangelnde Ausrüstung oder seine Müdigkeit zu klagen. Denn gleich muss er wieder ran. Muss in die vorderste Linie, um den Flammen zu trotzen.

Samstag, 28. September, 13.40 Uhr. Unterwegs mit der Unfreiwilligen Feuerwehr von Kumpeh. Man muss die Gruppe indonesischer Männer so nennen, denn der Notstand lässt ihnen keine Wahl. Keiner von ihnen hat gelernt, was er hier tut. Es ist die blanke Notwehr. Im normalen Leben sind sie Arbeiter, Bauern, Gemüsehändler. Aber was ist schon normal in den Tagen des grossen Feuers.

320'000 Hektaren zerstört

Die Brände, die nun schon seit Monaten auf den Inseln Sumatra und Borneo lodern, hinterlassen Schneisen der Verwüstung, selbst den Nationalpark Tesso Nilo, ein Refugium für Elefanten, Tapire und Tiger, hat es getroffen, weil dort illegal gerodet wurde. Mindestens 320'000 Hektaren Wald und Plantagenpflanzungen wurden auf den Inseln schon vernichtet, eine Fläche fast so gross wie Mallorca.

Die Männer von Kumpeh müssen verhindern, dass der Brand überspringt auf ihren Besitz, jenseits des Grabens. Dort haben sie Ölpalmen gepflanzt, deren Ertrag ernährt die Familien. Alles oder nichts. Deshalb schuften sie bis zur Erschöpfung.

«Manchmal haben wir das Gefühl, dass dieses Feuer mit uns spielt.»Soldat Marzeli

Wenn es eng wird, ist Attacke bisweilen die beste Verteidigung. Der Präsident hat Tausende Soldaten in die Brandgebiete entsandt, Schutzausrüstung besitzen sie dafür kaum. Supriyadi, der Mann ganz vorne, packt seinen Schlauch und arbeitet sich Schritt für Schritt voran.

In manchen Gegenden hat ­inzwischen Regen eingesetzt, er erlöst dort die Feuerwehrleute von ihren Strapazen. Doch nicht in der Gegend Kumpeh. Dort kämpfen sie noch immer. Der Weg an die Feuerfront führt von der Stadt Jambi über holprige Strassen, vorbei an Obstgärten und kleinen Siedlungen. Wasserbüffel grasen am Wegrand, überall sind Ölpalmen gepflanzt.

Alles in Rot getaucht

Kumpeh ist jene Gegend, in der Bewohner wenige Tage zuvor ausserirdisch anmutende Videos posteten; Szenen, die aussahen, als könnten sie unmöglich vom Planeten Erde stammen. Eher vom Mars. Alles in Rot getaucht. Kupferfarbener Himmel, um elf Uhr vormittags.

Physiker erklären das Phänomen mit einer besonderen Streuung des Lichts, verursacht durch Rauchpartikel in der Luft. Einige Tage später ist alles in warmes Gelb getaucht. Von Pematang Raman sind es nur wenige Kilometer bis zu jenem Brandherd, wo Feuerwehrmann Supriyadi gegen die Flammen kämpft.

Es ist ein düsteres Jahr für die Wälder Indonesiens, aber auch für die Menschen, die hier leben: Mitte September registrierten Satellitenbilder mehr als 4000 Brandherde, sogenannte Hotspots. Der Luftqualitätsindex PSI, der schon bei Werten über 100 als ungesund gilt, kletterte ins Extreme. 500, 600, manchmal 700. Lebensfeindliche Zustände.

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An solchen Tagen ist es desaströs, sich ungeschützt im Freien zu bewegen. Am besten das Haus gar nicht verlassen, Fenster und Türen schliessen, Luftfilter anwerfen, Anstrengung vermeiden. Das empfehlen Ärzte, besser noch würde man das Gebiet gleich ganz verlassen. Doch in den Dörfern Sumatras hilft das nicht, denn für Zwangsferien und Luftfilter haben die Leute kein Geld. Die Geräte würden auch wenig nützen, sind die Hütten doch so gebaut, dass überall der Wind durchbläst. Das ist gut, wenn die Hitze drückt, aber fatal, wenn giftiger Rauch die Luft verpestet. Schutzräume der Regierung sind oft weit weg, wenn sie überhaupt existieren.

Am 19. September berichtet die lokale Presse über ein junges Paar aus Kulim, das kurz zuvor ihr erstes Kind bekommen hatte. Der Sohn wirkte gesund bei der Geburt, doch am zweiten Tag begann er zu husten, er fieberte. Die Hebamme gab ihm Medizin, zunächst schien sie zu helfen, aber tags darauf schnellte das Fieber auf 41 Grad. Sie hasteten ins Krankenhaus, doch auf dem Weg starb der Säugling. Er lebte nur drei Tage. Seine Eltern hatten ihm noch nicht mal einen Namen gegeben. Ein Arzt wird später mit den Worten zitiert, dass das Kind den Rauch in der Luft nicht überlebt habe.

Physische Schäden

Die Regierenden betrachten es nicht als vorrangige Aufgabe, über die Gesundheitsrisiken aufzuklären. Aber zumindest die Vereinten Nationen schlagen Alarm. Unicef beklagt, dass fast zehn Millionen Kinder und Jugendliche in den Brandgebieten enormen Risiken ausgesetzt seien. UN-Experten warnen vor «lebenslangen physischen und kognitiven Schäden» durch den giftigen Rauch.

Wenn Torfböden brennen, reichen die Folgen weit über Indonesien hinaus. Wochenlang litten auch Singapur und Malaysia unter den giftigen Rauchschwaden, die über das Meer nach Nordosten trieben. Tausende Schulen mussten schliessen. Der Botaniker Lahiru Wijedasa, der tropische Torflandschaften erforscht, hat keinen Zweifel: «Diese Feuer sind von globaler Bedeutung, weil sie enorme Mengen Treibhausgas in äussert kurzer Zeit freisetzen.»

Die Böden in den Tiefebenen speichern riesige Mengen Kohlendioxid, sie zu bewahren, ist wichtig für den Klimaschutz. Singapurs Umweltminister Masagos Zulkifli vermittelte kürzlich eine Vorstellung von der Dimension des Desasters: Er schätzt, dass die Brände seit August 360 Millionen Tonnen Kohlendioxid freigesetzt haben, mehr als Spanien in einem ganzen Jahr.

Umweltschützer klagen, dass Indonesien Strafen gegen Brandsünder nicht konsequent durchsetzt.

Wo Plantagen brennen und Feuer ausser Kontrolle geraten, müssen sich die Besitzer laut Gesetz dafür verantworten, egal ob es Kleinbauern oder multinationale Konzerne sind. Doch Umweltschützer klagen, dass Indonesien Strafen gegen Brandsünder nicht konsequent durchsetzt. Besonders grössere Konzerne schafften es immer wieder, Sanktionen zu entgehen. Das dürfte kaum dazu beitragen, dass Regeln künftig eingehalten werden. Feuer bleibt die billigste Methode, um Wald zu roden, und sie wird immer noch genutzt.

Einst waren die riesigen Torfebenen mit Sumpfwald bewachsen und dünn besiedelt. Doch die Expansion der Plantagenwirtschaft und der Druck einer wachsenden Bevölkerung, die ernährt werden will, hat alles verändert. Menschen aus anderen Teilen Indonesiens waren schon vor Jahrzehnten hierher umgesiedelt worden, sie sollten Reis anbauen, was oft misslang. «Transmigrasi» hiess das Programm.

Später stieg der Druck auf das Land weiter, bis 2010 hatten Konzerne und Bauern schon ein Drittel aller Torfgebiete in Plantagen verwandelt, wie Forscher um den Biologen Lahiru Wijedasa in einer Studie im Fachblatt «Global Change Biology» berechneten. Wald wurde abgeholzt, Konzerne legten die Torfebenen trocken. Sie pflanzten Monokulturen: Akazien für die Papierindustrie und Ölpalmen für Sprit, Kosmetik, Lebensmittel.

Problem Monokultur

Doch das alles hat einen Preis. Während Feuer in Torflandschaften früher allenfalls durch Blitzschlag ausgelöst wurden, ist das Risiko von Flächenbränden heute allgegenwärtig. Das Feuer zerstört nicht nur Bäume und Büsche, es kokeln auch die trockengelegten Torfböden selbst. Und sie sind extrem schwer zu löschen.

In Indonesien konzentriert sich der Streit auf die Brandstifter und wie man sie stoppen kann. Der Botaniker Lahiru Wijedasa hält das für wichtig, glaubt aber auch, dass sich der Staat mit dem Kern des Problems viel zu wenig beschäftigt: «Die Plantagenwirtschaft, wie wir sie kennen, hat die Böden in leicht entflammbares Material verwandelt.» Dieser unbequemen Wahrheit aber scheint sich kaum jemand stellen zu wollen.

Der Anbau von Ölpalmen und Akazien verändert den Wasserhaushalt so radikal, dass auch der beste Brandschutz wenig nutzt, um Feuer zu verhindern, die den CO2-Speicher zerstören. «Wir müssen Nutzpflanzen finden, die für die Böden geeignet sind», sagt Wijedasa. Sonst bekomme man die Krise nie in den Griff.

Auch Supriyadi und die anderen haben kaum noch Hoffnung, dass die Helikopter das Blatt wenden könnten. Sie werfen zehnmal am Tag ihre Wasserbomben ab, aber das reicht alles nicht. «Manchmal haben wir das Gefühl, dass dieses Feuer mit uns spielt», sagt der Soldat Marzeli. Wenn die Pumpen schweigen, glimmt es vor sich hin, als habe es jede Kraft verloren.

So beten sie also für Regen. «Solange halten wir noch durch», sagt Sanusi, der Mann an der Pumpe. Er setzt seine Spiegelbrille auf und rückt seine Hello-Kitty-Maske zurecht. «Besser als nichts», sagt er und wirft die Pumpe an.

Erstellt: 13.10.2019, 18:48 Uhr

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