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So entstehen die Monster-Schwärme

Millionen von Heuschrecken vernichten derzeit Ernten in Asien und Afrika. Für biologische Massnahmen ist es zu spät.

Schlimmste Heuschreckenplage seit 25 Jahren: Die gefrässigen Insekten breiten sich unkontrollierbar aus. Video: AP

Eigentlich sind Wüstenheuschrecken scheue, in geringen Dichten lebende Insekten. Doch unter bestimmten Wetterbedingungen mit viel Regen vermehren sie sich massenhaft und verwandeln sich vom harmlosen Einzelgänger zum monströsen Schwarm mit Millionen von Individuen. In ­zahlreichen Ländern fressen Wanderheuschrecken momentan viele Regionen geradezu kahl. Egal, ob Baumwolle, Weizen, Mais oder sonstige Pflanzen.

Gemäss der UNO-Ernährungs- und Landwirtschafts­organisation (FAO) sind nach Äthiopien, Somalia, Kenia, Pakistan und ­Indien jetzt vor allem auch der Südsudan, Uganda und Eritrea bedroht. Die Heuschreckenplage ist aufgrund ihres enormen Zerstörungspotenzials und ihrer derzeitigen Ausbreitung eine der schlimmsten seit Jahrzehnten. Somalia und Pakistan haben deshalb bereits den Notstand ausgerufen. Denn die gefrässigen ­Insekten gefährden dort die Ernährungssicherheit des Landes. Kontrollieren lässt sich eine Plage von diesem Ausmass nur noch mit chemischen Insektiziden, die etwa aus der Luft versprüht werden. Allerdings besitzt z.B. Somalia im Gegensatz zu Kenia keine solchen Flugzeuge.

Pilz als Bio-Insektizid

«Die dabei eingesetzten Organophosphate sind Nervengifte, die zwar schnell wirken, aber neben den Wanderheuschrecken auch für andere Insekten wie etwa Bienen oder auch für den Menschen schädlich sind», sagt Axel Hochkirch, Biologe an der Universität Trier und designierter Präsident der internationalen Gesellschaft der Heuschreckenforscher. Besser wäre es, die ­Plage gleich von Anfang an im Keim zu ersticken. So setze zum Beispiel Australien Metarhizium-Pilzsporen ein. Weil diese umweltfreundliche, biologische Bekämpfungsmassnahme aber sehr viel mehr Zeit brauche, funktioniere es nur in einem frühen ­Entwicklungsstadium, wenn die Insekten tatsächlich noch Jungtiere ohne Flügel seien.

Dass es jetzt zu dieser Kata­strophe kommt, liegt unter anderem auch daran, dass die Vermehrung der Heuschrecken zum Teil in Krisenregionen stattfand. Angefangen hatte es 2018 im Jemen, von wo sich die Schwärme nach Saudiarabien und von dort über den Iran nach Pakistan und nach Ostafrika ausgebreitet haben. Denn Zyklone über dem Indischen Ozean führten in der gesamten Region zu ungewöhnlich viel Niederschlag, sodass die im Boden abgelegten Eier sowie auch diegeschlüpften Jungtiere optimale Voraussetzungen vorfanden. Seit 2019 breitet sich die Invasion mit aussergewöhnlicher Geschwindigkeit nun auch in ­Kenia aus.

Bis zu 130 Kilometer am Tag

Wanderheuschrecken fliegen normalerweise mit dem Wind und können an einem Tag etwa 5 bis 130 Kilometer oder mehr zurücklegen. Die Grösse eines Schwarms kann dabei von weniger als einem Quadratkilometer bis zu mehreren Hundert Quadratkilometern variieren. Auch die Anzahl der Individuen pro Quadratkilometer ist dabei sehr unterschiedlich und schwankt zwischen 40 und 80 Millionen.

Heuschrecken wurden schon in der Bibel als Plage erwähnt. Der Schaden, den sie anrichten, ist oft enorm: Gemäss der FAO nimmt ein Schwarm mit 40 Millionen adulten Heuschrecken die gleiche Mengen an Nahrung zu sich wie etwa 35000 Menschen. Und ein Schwarm von der ­Grösse von Paris vertilgt demnach an einem Tag genauso viel wie die Hälfte der Bevölkerung Frankreichs.

Bei viel Regen vermehren sich die harmlosen Einzelgänger massiv und werden schliesslich zum monströsen Schwarm: Heuschreckeninvasion in Kenia. Foto: Keystone
Bei viel Regen vermehren sich die harmlosen Einzelgänger massiv und werden schliesslich zum monströsen Schwarm: Heuschreckeninvasion in Kenia. Foto: Keystone

Doch wie kommt es dazu, dass sich ein solcher Schwarm überhaupt bildet? Sind die ­Reproduktionsbedingungen für Wüstenheuschrecken ideal, kann die Dichte so stark anwachsen, dass die Konkurrenz zwischen den Jungtieren steigt. Durch die häufigen Berührungen werden Botenstoffe ausgetauscht, die dazu führen, dass sich die Heuschrecken zur «Wanderform» weiterentwickeln und aus den Einzelgängern Schwärmer werden.

Jungtiere fressen sich selbst

Mit steigender Populationsdichte verändern Heuschrecken auch ihre Farbe von Braun zu Gelb, sie bekommen längere Flügel und stärkere Flugmuskeln. Doch damit nicht genug: Sobald die Anzahl der Jungtiere eine gewisse Grösse erreicht hat, bewegen sie sich fortan im Kollektiv. «Wir haben herausgefunden, dass Kannibalismus eine treibende Kraft dafür ist», erklärt Iain Couzin vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie in Konstanz.

Wenn das pflanzliche Nahrungsangebot irgendwann knapp werde, frässen sie auch ihre Artgenossen, um an ­Proteine und Salze heranzukommen. Der Feind lauere somit in den eigenen Reihen. Wenn es irgendwo plötzlich ­viele Heuschrecken gibt, beginnen ­bereits die jungen, noch flug­unfähigen Insekten sich in einer Art erzwungenem Marsch auf dem Boden fortzubewegen. Können sie dann fliegen, wird diese aufeinander abgestimmte, kollektive Bewegung auch in der Luft fortgesetzt. Denn Insekten, die nicht mit dem Strom ziehen würden, hätten ein grösseres ­Risiko, von ihren Artgenossen angegriffen und verspeist zu werden, ergänzt Couzin. Eine geordnete Bewegung würde somit deren Überleben sichern.

Zu viele Regenperioden

Demnach ist es die beste Strategie, seinem Vordermann zu folgen und vor seinem Hintermann abzuhauen. «Sind sie in der ­Masse unterwegs, sind sie gleichzeitig auch vor Feinden wie etwa Vögeln besser geschützt», sagt Couzin. Er plant jetzt in Kenia Feldexperimente mit Drohnen, um noch mehr Daten über das Schwarmverhalten der Heuschrecken im Freiland zu sammeln und diese mit seinen Modellberechnungen zu vergleichen.

In Zukunft könnten solche Plagen häufiger vorkommen. «Klimaforscher gehen davon aus, dass auf der südlichen Arabischen Halbinsel und im nördlichen Ostafrika in Zukunft verstärkt mit solchen starken Niederschlagsphasen zu rechnen ist», sagt Hochkirch. Dies bedeute, dass es auch mehr Heuschreckenplagen geben werde. Aus diesem Grund sei es wichtig, dass schon die Jungtiere bei ihren Massenmärschen am Boden bekämpft werden würden – wie in Australien.

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