«Solche Funde sind wie Showboxen»

Urmensch in Südafrika entdeckt: Der Anthropologie-Professor Christoph Zollikofer erklärt die Bedeutung dieser Ausgrabung.

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Herr Zollikofer, amerikanische Forscher entdeckten in einer Höhle in Südafrika einen neuen Urmenschen. Wie bedeutend ist dieser Fund für die Forschung?
Es ist schön, wenn man grössere Ensembles von menschlichen Fossilien, also mehrere Individuen, auf einem Platz findet.

Ist das ein Meilenstein oder eher ein kleiner Schritt?
Wie in der Forschung üblich, sind die Schritte eher klein, werden aber als Meilensteine verkauft.

Wieso wurde der Fund Ihrer Meinung nach als Meilenstein verkauft?
Wenn man die Aufmerksamkeit eines grösseren Publikums erreichen will, braucht man einen Aufhänger wie in diesem Fall die neue Spezies oder das spezielles Verhalten. Die Ankündigung steht aber in keinem Verhältnis zu den wissenschaftlichen Daten.

Neuer Urmensch entdeckt: Dieser Vorfahre konnte klettern. (Video: UW-Madison Campus Connection)

Wie wichtig ist die Tatsache, dass der Homo naledi seine Verstorbenen bestattet hat?
Das ist eine typische Diskrepanz zwischen den Daten und der medialen Präsentation. Im wissenschaftlichen Paper steht, es sei eine mögliche Erklärung, dass diese Körper da beseitigt worden seien. Aber dahinter steht immer noch ein grosses Fragezeichen. Es handelt sich dabei sicher nicht um eine Bestattung.

Wie bekannt ist das Forscherteam von Lee Berger?
Lee Berger ist eine interessante Persönlichkeit, er ist ein hervorragender Manager und Medienmensch. Er hat das nötige Gespür für interessante Funde. Vor sechs oder sieben Jahren hat er bereits den Australopithecus sediba entdeckt, das war auch ein sehr wichtiger Fund. Solche Fundstellen zu entdecken und auszugraben, ist bemerkenswert.

Empfinden Sie dem Forscherteam gegenüber auch ein bisschen Neid?
Da kann ich nicht von Neid sprechen, wir haben noch viel bessere Funde (lacht). Man kennt sich natürlich auch persönlich, es ist ein bisschen wie ein Showboxen.

Wie oft kommen solche Funde vor?
Das ist schon sehr, sehr selten. Bis heute gibt es vielleicht weltweit zwei oder drei Fundstellen, bei denen man eine grössere Gruppe von Individuen gefunden hat und die zudem auch noch relativ gut erhalten sind.

Dieser Fund wurde bereits im Jahr 2013 gemacht, wieso werden die Ergebnisse erst jetzt publiziert?
Man muss sich eher fragen, wieso es schon jetzt publiziert wird. Von der wissenschaftlichen Seite betrachtet, kann man nicht in zwei Jahren einen so grossen Fund seriös bearbeiten. Interessant ist auch, dass Lee Berger seine Arbeit vom ersten Spatenstich an von den Medien sehr genau dokumentieren liess.

Das heisst, wir müssen mit weiteren, genaueren Befunden rechnen?
Ja. Das Interessante ist ja, dass man schon vor zwei Jahren wusste, dass es sich um eine neue Menschenart handelt. Und das, bevor man die Daten zum Fund hatte.

Erstellt: 10.09.2015, 21:23 Uhr

Christoph Zollikofer ist Professor für Anthropologie an der Universität Zürich.

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