Städte gehen mit gutem Beispiel voran

Metropolen tragen viel zum Klimawandel bei, bekommen die Folgen aber auch besonders heftig zu spüren. Bürgermeister weltweit versuchen deshalb, die CO2-Emissionen zu reduzieren.

Blick auf Los Angeles: Die kalifornische Stadt siedelt Projekte mit elektrischen Carsharing-Autos bevorzugt in ärmeren Stadtteilen an. Foto: Alamy

Blick auf Los Angeles: Die kalifornische Stadt siedelt Projekte mit elektrischen Carsharing-Autos bevorzugt in ärmeren Stadtteilen an. Foto: Alamy

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Wer im Jahr 2020 die Kathe­drale von Quito besucht, ein weiss getünchtes Gotteshaus aus dem 16. Jahrhundert, der wird die Kirche vermutlich CO2-frei er­reichen: zu Fuss, per U-Bahn, mit dem elektrischem Bus oder einem batteriebetriebenen Taxi. Schon in zwei Jahren will die Hauptstadt von Ecuador in ihrem historischen Zentrum eine Zone einrichten, in der zumindest der öffentliche Verkehr keine Emissionen mehr erzeugt. Das hat Manuel Rodas, der Bürgermeister der Stadt, vergangene Woche auf dem Global Climate Action Summit in San Francisco versprochen.

Quito setzt damit ein Zeichen. Für Besucher von Westminster Abbey, Notre-Dame, Petersdom, St. Patrick’s Cathedral werden dann noch keine derart strengen Regeln gelten. Immerhin: Paris, London und Rom haben versprochen, im Jahr 2030 so weit zu sein. Rodas’ Ankündigung ist eine von Hunderten öffentlicher Zusagen, die Teilnehmer des Klimatreffens gemacht haben.

Weltkonzerne gelobten, ihre Lieferketten so umzustruktu­rieren, dass für den Anbau von Palmöl kein Wald mehr gerodet wird. Andere wollen Millionen von neuen Ladestationen für Elektroautos einrichten oder ihre Fahrzeuge komplett auf Batteriebetrieb umstellen. Regionen wie der Bundesstaat New York, Wales und die Balearen schlossen sich einem Bündnis an, das den Kohleausstieg forciert. Stiftungen setzten insgesamt vier Milliarden Dollar für Klimaschutzprojekte aus, davon 459 Millionen Dollar für die Erhaltung der Wälder.

Klimaschutz in 9000 Städten

Doch es waren oft die Städte, die im Zentrum der Diskussionen standen. Dutzende Bürgermeisterinnen und Bürgermeister von allen Kontinenten waren nach San Francisco gekommen. Insgesamt 9000 Städte haben sich eigene Ziele gesetzt, die über die jeweiligen nationalen Ambitionen zum Klimaschutz hinaus­gehen, und sich dazu dem Global Covenant of Mayors (Weltweiter Vertrag der Bürgermeister) angeschlossen.

Es geht um Gebäude, Verkehr, Müll, Industrie und Häfen. Altstädte von Verkehrsemissionen zu befreien, ist nur eine von vielen Ideen. Zwei Dutzend Städte wollen das bis zum Jahr 2030 schaffen. «Wir fangen in Quito einfach mal an», sagt Manuel Rodas. Doch einfach wird das für keinen der Orte.

Die Städte stehen in der Klimakrise an vorderster Front. «Auch wenn das Pariser Abkommen von den nationalen Regierungen unterschrieben wurde», sagt Patricia de Lille, die Bürgermeisterin von Kapstadt, «erwarten doch die Leute von uns, dass wir sie vor dem Klimawandel schützen.» London Breed, ihre Kollegin aus San Francisco, bestätigt: «Er bedroht besonders die verletzlichsten Gemeinschaften und die kritische Infrastruktur von Städten. Der Klimawandel ist zu wichtig, um nicht zu handeln.» Michael Bloomberg, ehemaliger Bürgermeister von New York City und Co-Vorsitzender der Konferenz, fasst zusammen: «Die Städte sind, wo die Leute sind, wo die Probleme sind, wo die Lösungen sind.»

Die Probleme fangen an beim Elend von Slumbewohnern in den Metropolen der Entwicklungsländer. «Sie haben keinen Zugang zu einfachsten Dienstleistungen wie Wasser- und Stromversorgung und müssen ständig mit der Sorge leben, vertrieben zu werden», sagt Sheela Patel, Leiterin der Organisation Slum Dwellers International. Zudem leiden Menschen in Hütten oft am stärksten unter den zunehmenden Wetterextremen. Erst langsam begännen Städte, diese oft ungeliebten Bürger an Entscheidungen zu beteiligen, klagt Patel. Eine Vereinbarung mit der Bürgermeisterin von Durban in Südafrika vor wenigen Tagen sei ein echter Fortschritt.

Wetterextreme bedrohen aber auch die Menschen in sehr reichen Ländern. «Wir hatten im August in Seattle eine Luftqualität, die schlechter war als in Peking», bekennt Jenny Durkan, die Bürgermeisterin der Stadt. «Nördlich der Grenze in der kanadischen Provinz Britisch Columbia und weiter östlich in unserem Bundesstaat Washington tobten viele Waldbrände.» Luftverschmutzung sei ohnehin ein entscheidender Faktor, erklärt Christiana Figueres, ehemalige Leiterin des Klimasekretariats der Vereinten Nationen in Bonn und Co-Vorsitzende der Konferenz. «In den Städten reduziert sich das komplizierte Problem des Klimawandels auf die Frage nach der Luftqualität. Heute sind weltweit neun von zehn Bewohnern belasteter Luft ausgesetzt. Wenn wir es geschafft haben, dass zehn von zehn saubere Luft atmen, haben wir den Klimawandel praktisch gestoppt.»

Dazu haben die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister verschiedenste Initiativen gestartet. Wo sie Einfluss auf die Stromerzeugung haben, drängen sie Kohle aus dem Mix und stärken erneuerbare Quellen, etwa durch Förderprogramme für Solarzellen auf Dächern. Besondere Bedeutung haben auch die ener­getischen Eigenschaften der Häuser. Viele Städte haben sich verpflichtet, ab dem Jahr 2030 nur noch kohlenstoffneutrale Gebäude bauen zu lassen. Im Jahr 2050 sollten dann alle Häuser diesem Standard entsprechen. Auch Kapstadt hat dieses Versprechen abgegeben. Die Stadt fange mit dem Umbau der eigenen Gebäude schon an, so Bürgermeisterin de Lille.

LED und Dachgärten

Buenos Aires verschenke fünf Millionen LED-Lampen an die Bürger, sagt der Bürgermeister Horacio Rodríguez Laretta. In Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesh, werden die Strassen­laternen auf diese energie­sparende Technik umgestellt. Ausserdem fördere die Stadt Dachgärten, so Bürgermeister Mohammed Sayeed Khokon.

Ein weiterer Ansatzpunkt ist der Verkehr: Ein gutes Dutzend Städte haben sich bereits verpflichtet, ab 2025 nur noch elektrische Busse zu kaufen, darunter Heidelberg als einzige deutsche Grossstadt. Pünktlich zur Konferenz schlossen sich dem Aufruf weitere zwölf an; etwa Tokio, Medellin, Warschau und West Hollywood. In Sevilla, Kopen­hagen oder Buenos Aires schafft die Verwaltung breite Fahrrad-Schnellwege, die argentinische Metropole hat zudem ein kostenfreies System von Leihfahrrädern etabliert.

Accra in Ghana forciert den öffentlichen Busverkehr und richtet nach Auskunft seines Bürgermeisters mehr Fussgängerwege im Zentrum ein. Dubai möchte die Probleme von Verkehrsstaus und Luftverschmutzung mit autonomen Autos und Bussen mindern; das Emirat plant einen internationalen Wettbewerb für Entwickler, die ihre Ideen in der Stadt ausprobieren sollen. Mailand erhebt wie London eine Maut für Autos im Stadtzentrum, der «Area C»: Sie soll nach Worten des Bürgermeisters Guiseppe Sala demnächst auf den Rest der Stadt ausgeweitet werden, ausserdem arbeite seine Verwaltung an einem Dieselfahrverbot.

Solche Projekte stossen oft auf Widerstand. «Massnahmen, die Stadt grüner zu gestalten, bedeuten oft grosse Vorteile für die Bewohner der Innenstädte», sagt Raymond Johannsen, der Bürgermeister von Oslo, «aber die Menschen in den Aussenbezirken sehen vor allem Nachteile. Deswegen muss man gleichzeitig den öffentlichen Verkehr ausbauen.» Seine Kollegin aus Seattle, Jenny Durkan, bestätigt: «Wir müssen es für die Leute leichter machen, aus ihren Autos auszusteigen.» Sie plant, alle Schüler der Highschools in ihrer Stadt mit einer Netzkarte auszustatten. «So gewöhnen sie sich daran, die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen, und bald ist es für sie normal, das zu tun.»

Steigt die soziale Spannung?

Elektroautos und Ladestationen zu fördern, könnte hingegen die sozialen Unterschiede in Städten zementieren, fürchten viele Lokalpolitiker. Die Batterieautos sind für Menschen, die wenig Einkommen haben, bisher schlicht zu teuer. Ihre Viertel werden daher weiter von Auspuffabgasen durchweht, während die wohlhabenden Gegenden zunehmend sauberer und leiser werden. Los Angeles siedelt darum Projekte mit elektrischen Carsharing-Autos und Ladestationen bevorzugt in ärmeren Stadtteilen an, erzählt Eric Garcetti, Bürgermeister der Metropole. Auch eine der Firmen, die auf dem Gipfeltreffen in San Francisco die Einrichtung von insgesamt 3,5 Millionen Ladestationen in den USA bis 2025 versprochen hat, will sich auf einkommensschwächere Gegenden konzentrieren.

Ob aber die angekündigten Massnahmen auch die erwarteten Effekte bringen und ob die Bürgermeister konsequent bleiben, das müsse man wohl abwarten, wie ein Reporter der «New York Times» lakonisch bemerkte. Auch auf lokaler Ebene können sich Mehrheiten ja schnell ändern.

Unter den 9000 Städten mit Klimaschutzzielen ist der vermutlich exklusivste Club die Organisation C40, die mit mittlerweile 96 Mitgliedern die Zahl in ihrem Namen längst übertroffen hat. In San Francisco gab die Gruppe bekannt, dass 27 davon bereits im Jahr 2012 den Höhepunkt ihrer Emissionen überschritten haben – die Analyse ist aber nur im Rückblick über mehrere Jahre möglich. Darunter sind Metropolen wie London, Paris und New York, aber auch Warschau, Barcelona, Berlin und Heidelberg.

Auch San Francisco gehört dazu, wie Bürgermeisterin London Breed stolz feststellt. «Seit 1990 sind unsere Emissionen um 30 Prozent gesunken, aber die Wirtschaft ist um 111 Prozent gewachsen.»

Erstellt: 20.09.2018, 19:12 Uhr

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Bauen belastet das Klima erheblich

Die Stadt ist eine Hauptquelle für Treibhausgase. Die Hälfte der Weltbevölkerung lebt heute in Städten – und knapp ein Viertel der CO2-Emissionen verursacht neben Verkehr und Heizungen vor allem der Bau der Infrastruktur. Die UNO schätzt, dass die städtische Bevölkerung bis ins Jahr 2050 um mehr als 60 Prozent anwächst.

Gleichzeitig verlangt eines der 17 Nachhaltigkeitsziele der UNO, die Ungleichheit zwischen und innerhalb von Städten zu verringern. Das heisst: Die Infrastruktur in den Millionenstädten in Entwicklungsländern soll den Standard der westlichen Welt erreichen. Wissenschaftler gehen im Fachmagazin «Nature» davon aus, dass das zu einer zusätzlichen Produktion von 350 Gigatonnen CO2 führen könnte. Denn die Zementproduktion ist nach der Verbrennung fossiler Brennstoffe und der Veränderung
von Kulturland wie der Abholzung von Wäldern die drittgrösste CO2-Quelle.

Zum Vergleich: Das UNO-Klimaziel im Pariser Abkommen aus dem Jahr 2015 verlangt, eine Erwärmung der Erdober­fläche um über 2 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit zu verhindern. Klimamodelle zeigen, dass die Vorgabe nur erreicht wird, wenn der Mensch nicht mehr als 800 Gigatonnen CO2 zusätzlich ausstösst. Allein mit dem Bau moderner Infrastruktur wäre schon fast die Hälfte des CO2-Budgets aufgebraucht. In Zukunft müssen Architekten also klimaschonende Baumaterialien verwenden. (lae)

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