Steine, die zu uns sprechen

Mythen und Legenden ranken sich um markante Felsen, Findlinge, Kultsteine und Megalithen. Die Schweiz lässt sich seit ihren Anfängen auch durch ihre Steine erzählen.

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Steine sind stumm, Steine sind starr, Steine sind stupid. Denken wir vielleicht. Auf eine Geröllhalde mag das zutreffen, doch gibt es im Land vielerorts Steine, die Einzelwesen sind, die Charakter haben, die zu uns sprechen und Dinge berichten. Etwa der Glögglifels im Laufental an einem alten Verkehrsweg: ein Viermeterzahn, bemalt mit zwei Wappen und behängt mit einem Glöcklein. Früher verlief an diesem Ort die Grenze zwischen Basel und Bern. Reisende hatten Zoll zu zahlen. Sie läuteten angeblich das Glöcklein, worauf der Zöllner kam und kassierte.

Viele imposante Steine in der Schweiz sind von Geschichten umrankt, immer wieder ist deren Realitätsgehalt umstritten. Das Rätsel macht sie reizvoll, weckt unser Interesse. Wieso heisst der über zehn Meter hohe Achistein im bernischen Innertkirchen so? Hat es wirklich mit der Frau zu tun, die einst an der Aare einen Garten unterhalten haben soll, bis ein Hochwasser die schöne Pflanzung wegspülte und stattdessen den Stein hinterliess. Die Frau klagte: «Ach!»

Irgendwie klingt das unglaubwürdig. Jedenfalls aber verleihen die Menschen den grossen Steinen Namen. Manchmal wechseln sie diese auch aus. Der Stein im Küsnachter Tobel am Zürichsee hiess zuerst Wöschhüslistei. Dann benannte man ihn nach dem jung verstorbenen Geologen Alexander Wettstein um in Alexanderstein.

Die grossen Steine der Schweiz sind verbunden mit Schicksalen. Mit Legenden, mit Glauben und Aberglauben. Und mit der Historie unseres Landes. Darum soll es hier gehen – um die Geschichte. Viele dieser markanten Steine verkörpern geschichtliche Ereignisse und ganze Epochen unseres Landes. Sie sind Zeitzeugen. Denn Steine sind Wesen, die reden. Wir müssen ihnen nur zuhören.

Steinzeit

Erstaunlich bei all ihrer Schönheit und Kraft, wie unbekannt die Pierre du Dos à l’Ane ist. Sie steht abgelegen anderthalb Kilometer nördlich von Essertes VD in einer Senke auf der Grenze der Kantone Waadt und Freiburg. Kein Wanderweg führt hin. Eine Tafel informiert, dass der Stein wohl aus der Jungsteinzeit stammt. Oder aus der folgenden Bronzezeit. Handelt es sich um einen Menhir, um einen in der Urzeit gezielt aufgerichteten Stein? Kann sein. Die Jungsteinzeit ist jene Zeit, in der die Menschen vom Jagen und Sammeln auf Landwirtschaft umstellen. Dörfer entstehen. Nur eine organisierte Gemeinschaft kann ein derartiges Monster von fast sechs Meter Höhe bewegen. Menhire gibt es gerade in der Romandie etliche. Sie erinnern an unsere Anfänge.

Die Römer

Conrad Ferdinand Meyers Roman «Jürg Jenatsch» beginnt auf der Julier-Passhöhe. Der junge Zürcher Heinrich Waser will dort die zwei Säulenstümpfe abzeichnen, als er unterbrochen wird: Ein Finsterling taucht auf und wähnt, Waser könnte ein Spion sein – die Erzählung spielt in den Wirren des Dreissigjährigen Krieges im 17. Jahrhundert.

Die Säulen dürften zu dem Tempel gehört haben, der in der Antike an diesem Ort stand, fünf auf fünf Meter Grundriss. Der Waser, der sie später als sensationelles Relikt porträtierte, war ein Fussgänger mit Zeit. Heute rasen die Autos vorbei, kaum jemand beachtet die Säulen, wie sie links und rechts unscheinbar im Gras die moderne Passstrasse flankieren. Und doch künden sie von den Römern, den Pionieren des Verkehrs auch in unserem Land.

Mittelalter

Der Grosse Stein steht in Kreuzlingen TG vor dem Gebäude von Kreuzlingen Tourismus. «Richtstätte der 9 Knechte des Mangold von Brandis 1368», heisst es auf einer Inschrift. Der genannte Adelige war ein Klosterherr von der Untersee-Insel Reichenau. Ein unfrommer Kerl, der einen Fischer blendete, nur weil der angeblich am falschen Ort fischte. Als Mangold sich mit den Konstanzern anlegte, stürmten diese eine der Burgen aus seiner Herrschaft. Mangolds neun Knechte, die sie bemannten, wurden in Kreuzlingen hingerichtet. Am Grossen Stein. Im Mittelalter, das manchmal so finster ist wie sein Ruf.

Napoleons Ära

Napoleons Programm ist dieses: weg mit der alten Ordnung! Auch das Ancien Régime der Eidgenossenschaft wird durch die Franzosen beseitigt. 1799 stehen die Russen, Teil der monarchischen Koalition, bei Zürich. Die Franzosen aber lagern bei Dietikon südlich der Limmat. General André Masséna ist ihr Kommandant. Am 25. September gelingt ihm eine Glanzleistung. Nach langen Vorbereitungen setzt eine Vorhut seiner Soldaten nachts über den Fluss und überrumpelt die russischen Posten auf der anderen Seite. Dann bauen die Franzosen eine Pontonbrücke, über die immer mehr von ihnen ans andere Ufer gelangen. Jetzt geht es gegen Zürich. Dort sind die Franzosen siegreich. Auf dem Arc de Triomphe in Paris, wo Napoleons grosse Schlachten aufgeführt sind, ist Dietikon genannt. Ein Stein erinnert an der Limmat daran.

Belle Epoque

Der Ferienort Morschach im Kanton Schwyz auf seiner Terrasse über dem Urnersee hat eine grosse Hotelvergangenheit. Der Druidenstein, Leistungsträger des damaligen Tourismus, steht heute mitten im Golfplatz. Doch führt ein öffentlicher Fussweg hin. Zu Zeiten der Belle Epoque ist er die Attraktion des nahen Grandhotels Axenstein. Besitzer Ambros Eberle lässt einen romantischen Pfad auf die Grossegg anlegen. Dass der Granitmocken, der dort auf einer Kalkunterlage ruht, wie ein Altar wirkt: Es dient der Weckung kultischer Gästefantasien ebenso zu wie der klingende Name Druidenstein.

Autobahn-Aufbruch

Im Teufelsstein von Göschenen erkennen sich die Urner wieder als gewitztes Völklein. Die Sage kennen wir alle: Im Mittelalter gelingt es den Talleuten mithilfe des Teufels, in der Schöllenen eine Brücke anzulegen. Dann betrügen sie den Teufel um seinen Lohn. Als dieser mit besagtem Stein sein Werk zerstören will, ritzt ein Mütterchen ein Kreuz in den Stein, der dem Teufel subito zu schwer wird. Er zottelt ab. 13 Meter hoch und 2000 Tonnen schwer ist der Teufelsstein. Er steht heute gedemütigt am Rand der Autobahn in einem tristen Winkel. 1973 verschob man ihn um 127 Meter an ­diesen Abstellplatz, weil er der entstehenden Autobahn im Wege stand. 300000 Franken kostete das. Die Urner, die Schweizer hängen an ihren Steinen.

Esoterische Moderne

In der Akupunktur sticht man Nadeln in gewisse Körperstellen, die Vorstellung dahinter ist, dass Meridianlinien den Körper überziehen, die man stimulieren kann. Der Künstler Marko Pogacnik, ein Slowene, versteht sich als Akupunkteur im grossen Stil. Als Heiler der geschundenen Erde, in die er nadelähnliche Granitsäulen rammt in Punkte an, wie er meint, Kraftlinien über den Kontinent. Ein solcher Lithopunkturstein steht etwas ausserhalb von Ins im Berner Seeland rechts am Wanderweg kurz vor der Hügelkuppe St. Jodel. Ob das Stechen nützt? Die Erde schweigt.

Urbane Gegenwart

Die St.-Jakobs-Halle («Joggelihalle») steht im Gebiet von Münchenstein BL, der Boden gehört samt Halle dem Stadtkanton Basel. In ihr findet zum Beispiel der Tennisanlass Swiss Indoors statt. Eben wurde die Halle für 110 Millionen Franken renoviert. Und wer dominiert das nigelnagelneue Foyer? Ein Findling, der als knorziger Zeitreisender in der Modernarchitektur hockt und den zentralen Pfeiler trägt. Ein Künstler liess den Stein aus dem Aargau heranschaffen, vergass dabei freilich, dass derartige Brocken oft geschützt sind. Der zuständige Chefbeamte gab sich kulant: «Es geschieht leider viel zu selten, dass geologische Objekte derart gebührend in Wert gesetzt werden wie dieser Findling.» Der Joggeli-Findling: ein Stein mehr, der die Öffentlichkeit beschäftigt.

(Redaktion Tamedia)

(Erstellt: 19.04.2019, 20:31 Uhr)

Ausflugsführer zu Schweizer Steinen

Thomas Widmer ist Reporter der «Schweizer Familie» und Autor der TA-Wanderkolumne. Sein neues Buch «Hundertundein Stein» schildert aussergewöhnliche Steine im ganzen Land und ist ein Ausflugsführer. Bestellung für
24 Fr. unter www.echtzeit.ch/tamedia

Buchvernissage: 12. Juni, Kaufleuten, Zürich. Mit Thomas Widmer unterhält sich TA-Chefredaktorin Judith Wittwer. (red)

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