Artensterben in der Schweiz: «Das kommt uns teuer zu stehen»

Unsere Lebensqualität hängt von der Natur und ihrer Vielfalt ab. Was wir tun können, um sie zu erhalten, sagt Markus Fischer vom Weltbiodiversitätsrat.

«Der Bevölkerung ist nicht bewusst, dass die blühenden Landschaften weniger vielfältig sind»: Markus Fischer. Foto: Markus Forte (Bafu)

«Der Bevölkerung ist nicht bewusst, dass die blühenden Landschaften weniger vielfältig sind»: Markus Fischer. Foto: Markus Forte (Bafu)

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Der erste globale Biodiversitätsbericht bestätigt, dass die Zahl der Tier- und Pflanzenarten und die Vielfalt der Landschaften dramatisch zurückgehen. Wie steht es in der Schweiz?
Das gilt auch für die Schweiz. Die Bestände der insektenfressenden Vögel zum Beispiel haben auf Landwirtschaftsgebiet seit 1990 um 60 Prozent abgenommen. Das zeigt der Brutvogelatlas der Vogelwarte Sempach eindeutig. In den Flüssen haben wir inzwischen viele exotische Arten wie Krebse und Muscheln aus Asien und Nordamerika, welche die einheimischen Arten verdrängen. Die Schweiz hat den höchsten Anteil an gefährdeten Arten in Westeuropa.

Wie ist das möglich?
Das hat mit unserer kleinräumigen Struktur zu tun. Wenn der Lebensraum klein ist und durch Land- und Wassernutzung und die Versiegelung der Landschaft noch kleiner wird, dann steigt das Risiko, dass eine Art ausstirbt.

Die Wissenschaftler sprechen von einem globalen Massensterben. Ist das für die Schweiz nicht Schwarzmalerei?
Verglichen mit der in der Erdgeschichte normalen Aussterberate, die man aus fossilen Funden rekonstruieren kann, ist die gegenwärtige globale Aussterberate tatsächlich 100- bis 1000-mal höher. Auch in der Schweiz gehen Arten verloren. Besonders wichtig ist, dass lokal die Artenvielfalt stark zurückgeht. So hat man bei den rund 1000 gefährdeten Pflanzenarten der Schweiz innerhalb der letzten 20 Jahre beträchtliche Aussterberaten lokaler Bestände festgestellt. Die Vielfalt geht ganz eindeutig zurück. Die Mehrheit der Bevölkerung ist sich gar nicht bewusst, dass die schönen blühenden Landschaften deutlich weniger vielfältig sind als noch vor kurzer Zeit.

«Unsere Lebensqualität hängt von der Natur und ihrer grossen Vielfalt ab. Geht sie verloren, kommt uns das teuer zu stehen.»

Es ist also ein kaum wahrgenommener Prozess. Was kann uns zwingen, zu handeln?
Die Folgen gehen uns alle an. Je monotoner die Natur, desto grösser ist das Risiko, dass sich in der Landwirtschaft Schädlinge ausbreiten. Desto mehr geht auch die Bestäubung von Nutzpflanzen durch Insekten zurück. Und desto stärker wird die Erosion der Böden und die Grundwasserbelastung. Der Beitrag zum Klimaschutz wird geringer, und wir sind schlechter vor Überschwemmungen oder Murgängen geschützt. Natürliche Vielfalt ist auch gut für die Gesundheit. Es muss uns einfach wieder bewusst werden: Unsere Lebensqualität hängt von der Natur und ihrer grossen Vielfalt ab. Geht sie verloren, kommt uns das teuer zu stehen.

Das Problem scheint erkannt zu sein. Der Schutz der biologischen Vielfalt ist in der Bundesverfassung festgeschrieben, die Schweiz hat die internationale Biodiversitätskonvention ratifiziert und sich damit zu ehrgeizigen Zielen verpflichtet.
Ja, umso unverständlicher ist, dass wir in der Schweiz nicht verstärkt politische Instrumente und mehr finanzielle Mittel einsetzen, um uns die Kosten des Biodiversitätsverlusts zu ersparen und die Vorteile hoher biologischer Vielfalt voll zu nutzen. Entsprechend hat auch die OECD die Schweiz auf ihr Biodiversitätsproblem hingewiesen.

Wo müssen wir ansetzen?
Ein wichtiger Hebel ist die Landwirtschaftspolitik. Die Landwirtschaft nutzt die Ökosystemleistungen der Natur am intensivsten, allerdings auf Kosten fast aller anderen Leistungen der Natur für den Menschen. Intensive Landnutzung, der Einsatz von Pestiziden und die starke Stickstoffdüngung gehören weltweit und auch in der Schweiz neben dem Klimawandel zu den stärksten Treibern des Biodiversitätsverlustes. Wir sollten aber auch zum Beispiel die Verschwendung vermeiden, die Vorteile aus der Nutzung der Natur gerecht verteilen und unseren ökologischen Fussabdruck im Ausland verringern. Schutzgebiete sollten vergrössert, vernetzt und angemessen gemanagt werden. Doch im Aktionsplan Biodiversität der Schweiz sind nur die wenigsten dieser Handlungsfelder aufgegriffen, und die Mittel dafür sind bescheiden.

Immerhin sind in der Schweiz rund 12,5 Prozent der Landesfläche für die Erhaltung der Biodiversität ausgeschieden.
Das Ziel der Biodiversitätskonvention, welche die Schweiz ratifiziert hat, ist 17 Prozent an Schutzgebietsflächen bis 2020. Davon sind wir noch weit entfernt. Zudem sind viele Schutzgebiete klein und wenig vernetzt, und sie beherbergen insgesamt nur einen Teil der Arten der Schweiz. Schon allein im Hinblick auf Artenverschiebungen mit dem sich ändernden Klima reicht das ganz einfach nicht. Eine Ausweitung der geschützten Fläche und ein nachhaltiger Umgang mit der Biodiversität ausserhalb von Schutzgebieten sind dringend geboten, will die Schweiz ihre national und international gesteckten Biodiversitäts- und Entwicklungsziele erreichen.

«Es gilt, die Zahlungen so auszurichten, dass sie keine schädlichen Auswirkungen auf die Biodiversität haben.»

Wie könnten wir wirtschaftlich eingreifen?
Es gibt nach wie vor kaum einen wirtschaftlichen Antrieb, weder im Inland noch bei Importen, um die Produktion von Nahrungsmitteln oder anderen Produkten der Natur stärker und schneller auf einen nachhaltigen Weg zu lenken. Der Grund ist: Die Kosten für verringerte Leistungen der Natur, wie etwa bei der Luft- und Wasserreinhaltung, beim Klimaschutz, Hochwasserschutz oder Erholung, finden in der Bilanz des Bruttoinlandproduktes keinen Platz. Verursachte Umweltkosten finden sich auch in keiner betrieblichen Abrechnung. Das Verursacherprinzip kommt bei der Biodiversität kaum zum Tragen, und die Preise der Produkte, deren Herstellung die Natur belastet, spiegeln die wahren Kosten nicht wider.

Der Staat kann durch Direktzahlungen die Landwirtschaft steuern.
Grundsätzlich ist das ein sinnvolles und sogar auch im Umfang wenig bestrittenes Steuerinstrument. Es gilt aber, die Zahlungen auch wirklich gezielt auszurichten, sodass diese Subventionen keine schädlichen Auswirkungen auf die Biodiversität und die Leistungen der Natur für den Menschen haben. Momentan sind die Direktzahlungen dafür noch viel zu wenig auf die Erhaltung und Förderung der Biodiversität ausgerichtet. Es wäre im Sinn der Kostenwahrheit notwendig, in der neuen Agrarpolitik 22+ der Schweiz voll zu berücksichtigen, welche Direktzahlungen ökologische Leistungen fördern und welche sogar schädliche Umweltnebenwirkungen nach sich ziehen.

Erstellt: 06.05.2019, 14:19 Uhr

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