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Gentech-Blumen in Schweizer Gärten und keiner merkte es

Die Petunien der Farbe orange machten einen Forscher stutzig. War da nicht ein Experiment vor 30 Jahren, das als Meilenstein in der modernen Züchtung galt?

Betroffen sind die orangen Exemplare: Ein Mais-Gen ist für ihre leuchtende Farbe verantwortlich. Foto: Frank Richards
Betroffen sind die orangen Exemplare: Ein Mais-Gen ist für ihre leuchtende Farbe verantwortlich. Foto: Frank Richards

Sie hören auf so klingende Namen wie Pegasus Orange, Bingo Mandarin oder African Sunset. Gemeinsam ist diesen Petuniensorten, dass sie alle schön orange leuchtende Blüten haben. Und gemeinsam ist ihnen seit letzter Woche auch, dass sie vernichtet werden müssen. Eine entsprechende Verfügung hat das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) am 24. Mai an alle Gärtner sowie Händler und Vertreiber von Jungpflanzen verschickt.

Der Grund: Die beliebten Zierblumen verdanken ihre orange Farbe einer gentechnischen Veränderung. Doch der Anbau und Verkauf von gentechnisch veränderten Pflanzen (GVO) ist in der Schweiz, wie auch in der EU, verboten. Pikant an der Sache ist, dass die GVO-Petunien seit mehreren Jahren – wie lange weiss niemand genau – weltweit im Umlauf sind und auch in der Schweiz jedes Jahr zu Tausenden angepflanzt wurden. Etwas überspitzt könnte man sagen: Es war der grösste je gemachte Feldversuch mit gentechnisch veränderten Pflanzen – notabene, ohne dass es jemand bemerkt hat. Nach heutigen Erkenntnissen ist dabei weder die Umwelt noch ein Mensch zu Schaden gekommen.

Blumenkübel in Helsinki

Dass die illegalen Petunien überhaupt aufgeflogen sind, ist dem Zufall – und einem aufmerksamen und neugierigen finnischen Pflanzenbiologen zu verdanken. Wie das Wissenschaftsmagazin «Science» letzte Woche berichtete, bemerkte Teemu Teeri vor etwa zwei Jahren bei einem Bahnhof in Helsinki orange Petunien in einem Blumenkübel. Er wurde stutzig. War da nicht was?, schoss es ihm durch den Kopf. Genau solche Blüten hatte man doch vor 30 Jahren in einem Gentechlabor in Köln erstmals gezüchtet. Das Experiment galt damals als Meilenstein in der modernen Pflanzenzüchtung.

Teeri pflückte einen Stängel und nahm ihn mit in sein Labor. Dort bestätigte sich der Verdacht. In dem Exemplar fand er genau jene gentechnischen Veränderungen, welche die Kölner Forscher anno 1987 in die Petunien eingeführt hatten. Einem Team um den Pflanzengenetiker Peter Meyer vom Max-Planck-Institut für Pflanzenzüchtungsforschung gelang es damals, ein Mais-Gen in die Petunien zu schleusen, welches die Petunien veranlasste, das Pigment Pelargonidin zu produzieren. Pelargonidin färbt die Blüten orange.

Teeri meldete den brisanten Befund einem ehemaligen Doktoranden, der nun für die finnische Gentechregulierungsbehörde arbeitet. Von da an nahm die Geschichte ihren Lauf. Am 27. April 2017 verfügte die zuständige finnische Behörde, die Samen und Jungpflanzen von acht betroffenen Sorten aus dem Verkehr zu ziehen und zu vernichten. Andere europäische Staaten, insbesondere Deutschland, zogen in den folgenden Tagen nach, auch die USA verfügten die Vernichtung der betroffenen Sorten.

In der Schweiz reagierte Jardin Suisse, der Dachverband der Schweizer Gärtner, ebenfalls unverzüglich. «Ende April haben wir davon erfahren», sagt Othmar Ziswiler, Leiter Gärtnerischer Detailhandel bei Jardin Suisse. «Am 1. Mai haben wir dann unsere Mitglieder, rund 500 Betriebe, informiert, dass sie die entsprechenden Sorten aus dem Verkauf nehmen sollten.» Zum Glück seien zu dem Zeitpunkt noch nicht viele Pflanzen verkauft worden, sagt Ziswiler, dem kalt-nassen April sei Dank.

Eine Woche später, am 8. Mai, verfügte das Bundesamt für Landwirtschaft einen offiziellen Verkaufsstopp. Laut BLW-Pressesprecher Jürg Jordi wurden darauf in Verkaufsstellen Proben genommen und im Labor analysiert. Dabei bestätigten sich die gentechnischen Veränderungen. Dies veranlasste das BLW, letzten Mittwoch die Vernichtungsverfügung an betroffene Betriebe zu verschicken. Die Verfügung besagt, dass alle betroffenen Pflanzen in geschlossenen Säcken oder Behältern der Kehricht­abfuhr mitzugeben sind. Damit ist die Schweizer Regelung strikter als jene in Deutschland oder den USA, wo die Petunien auch kompostiert werden dürfen.

Die orangefarbenen Gentech-Petunien waren hierzulande kein Renner, sondern eher ein Nischenprodukt, wie Othmar Ziswiler erläutert. Er schätzt, dass jährlich höchstens einige Tausend davon in Schweizer Gärten oder Blumen­töpfen angepflanzt wurden. Praktisch alle wurden als Jungpflanzen aus Deutschland importiert und in Schweizer Gärtnereien fertig kultiviert. Weltweit sind von den Vernichtungsaktionen aber Hunderttausende oder gar Millionen von Blumen betroffen. Ein regelrechtes «Petunien­-Massaker», wie «Science» bemerkt.

Wie und wann die GVO-Petunien den Weg in den freien Handel gefunden haben, ist derzeit völlig unklar. Eine Tochter der niederländischen Saatgutfirma Zaadunie lizensierte Ende der 1980er-Jahre die Technologie und entwickelte sie weiter, wie «Science» berichtet. Eine andere, ebenfalls mit Zaadunie liierte Firma hatte den gleichen Plan. Kommerzialisiert wurde die Pflanze von beiden Firmen nie offiziell. Zaadunie gehörte damals zum Schweizer Chemieunternehmen Sandoz, ging mit diesem 1996 in Novartis auf und wurde 2000 der neu gegründeten Syngenta einverleibt.

Wo kein Sünder auszumachen ist, wird es wohl auch keine Bestraften geben. Niemand habe davon eine Ahnung gehabt, dass es sich bei den orangen Petunien um GVO-Pflanzen handle, sagt Ziswiler. Schweizer Betriebe, die mit dem Label «Suisse Garantie» arbeiten, hätten sogar jedes Jahr von den deutschen Zuchtbetrieben die Bestätigung erhalten, die Petunien seien hundertprozentig gentechfrei.

Einige sind bereits gepflanzt

Laut Ziswiler ist es gut möglich, dass trotz garstigem Aprilwetter einige GVO-Petunien bereits gepflanzt wurden. Auf eine Rückrufaktion verzichtet das BLW aber aus Gründen der Verhältnismässigkeit. Spätestens Ende Saison ist dann Schluss – als strikt einjährige Pflanzen können Petunien nicht überwintern.

Dass nun noch viele andere gentechnisch veränderte Zierpflanzen auffliegen werden, halten Experten für wenig wahrscheinlich. Künftig könnte es aber immer schwieriger werden, mit modernen pflanzenbiotechnologischen Methoden gezüchtete Sorten auch als solche zu erkennen. Denn anders als die «groben» Werkzeuge, wie sie 1987 verwendet wurden, hinterlassen moderne Gentech-Tools wie die Genschere Crispr/Cas kaum Spuren im Erbgut.

Der zufällige Entdecker der Gentech-Petunien, der Finne Teemu Teeri, bedauert übrigens gemäss «Science» mittlerweile, dass er seinen Befund gemeldet hat. Er habe wohl zu viel erzählt, sagt er. Gleichzeitig hält er es aber auch für möglich, dass die schmucken GVO-Petunien das Image von gentechnisch veränderten Pflanzen etwas verbessern könnten. Schliesslich hätten Konsumenten diese gekauft, weil sie die Blumen als schön empfunden hatten.

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