Tiere brauchen keine Ethiker

Philosophen fordern mehr Rechte für Tiere und kritisieren Zoos. Beides zeugt von mangelnder Fachkenntnis.

Ein Löwe bei einem seiner Power-Naps im Taronga-Zoo von Sydney, Australien. Foto: Harvey Meston (Getty)

Ein Löwe bei einem seiner Power-Naps im Taronga-Zoo von Sydney, Australien. Foto: Harvey Meston (Getty)

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Es ist in Mode gekommen, nach Ethikern für Tiere zu rufen. Manche haben diese Marktlücke entdeckt. Was haben die Tiere davon? Nichts. Die zoologischen Kenntnisse der Tierethiker sind in der Regel minim. Anders bei den Zoologen und Tiergärtnern. Sie haben studiert und befassen sich täglich mit dem Thema.

Und wissen deshalb, dass es absurd ist, ein Recht auf Leben für alle Tiere zu verlangen. Auch für Zebras und Gnus? Wie sollen die Löwen überleben, deren Magen-Darm-Trakt nicht auf Grasäsen eingestellt ist? Und wie soll dieses Recht durchgesetzt werden? Um bei den Löwen zu bleiben: Was sagen die Tierethiker dazu, dass die Weibchen jagen, die Kater zuerst an die Beute dürfen, danach erst die Weibchen und ganz zum Schluss die Jungen? In Notsituationen heisst das, dass Jungtiere verhungern.

Das klingt grausam, ist aber biologisch sinnvoll, weil das Jagdwissen bei den Weibchen und die Verteidigung bei den Katern liegt und ihr Überleben daher wichtiger ist als dasjenige der Jungtiere, die alleine nicht überleben könnten. Auch ist bekannt, dass die Kater nach Übernahme eines Weibchenrudels oft die kleinen Jungen töten. Dadurch hört die Laktation der Weibchen auf, diese werden schneller wieder paarungsbereit, und die Kater können so mehr Nachkommen produzieren. Dies ist alles biologisch sinnvoll.

Entscheidend ist die Raumqualität

An der Universität Basel lehrte der weltbekannte Tierpsychologe Heini Hediger. Schon er konnte wissenschaftlich nachweisen, dass Tiere in Territorien einer gewissen Grösse leben müssen, damit ihre Ernährung über das ganze Jahr sichergestellt ist. Aber das erledigen im Zoo die Tierpfleger. Raumqualität ist, wie Hediger zu Recht gesagt hat, wichtiger als Raumquantität. Gerade Löwen ruhen und schlafen während 83 Prozent ihres Lebens, weshalb Zoogehege weitaus kleiner sein können als ein Freilandterritorium. So ist es sinnlos, für Schimpansen Gehege von der Grösse des Kantons Basel-Stadt zu fordern. Die weltbekannte, sehr kritische Schimpansenforscherin Jane Goodall schätzt Zoos sehr wohl. Auch ihre Gehege zur Rehabilitation von Schimpansen haben nicht die Grösse von Basel-Stadt.

Ohne Beweise vorzulegen, stellen Tierethiker die Behauptung auf, Zoos hätten keinen Einfluss auf unser Verhältnis zu Tieren. Diverse Zoos können diesen Einfluss durch entsprechende Studien durchaus belegen. Naturfilme bieten zwar oft die korrekte Kulisse, aber meist wird eine Action an die andere gehängt, weil schon nach wenigen Minuten die Zuschauer den Kanal wechseln würden, wenn sie während 83 Prozent der Zeit ruhende und schlafende Löwen sehen würden. Die Anlagen in guten Zoos werden immer naturnaher, und vor allem zeigen die Zootiere das natürliche Verhaltensrepertoire, das der Besucher mit allen seinen Sinnen wahrnehmen kann. Auch das Argument, dass mit dem enormen Reiseverkehr Zoos überflüssig geworden sind, ist nachweislich falsch: Wenn die jährlich weltweit 700 Millionen Zoobesucher auf Naturgebiete losgelassen würden, würden viele dieser Gebiete zerstört: Schon jetzt haben zum Beispiel die Galapagos-Inseln oder der Ngorongoro-Krater Übersättigungsprobleme.

Wenig differenziert wird vom Aussterben der Tiere gesprochen. Vor 65 Millionen Jahren sind die Dinosaurier ausgestorben. Die schätzungsweise 140 Tierarten, die heute täglich unwiederbringlich verschwinden, sterben nicht aus – sie werden von uns Menschen ausgerottet. Nicht nur Przewalskipferd und Wisent sind in Zoos gerettet worden – über 60 weitere Arten würden ohne Zoos nicht mehr existieren.

Das Überleben der Arten ist zentral

«Tierethik» ist ein widersprüchlicher, aber überflüssiger Begriff. Seit langer Zeit kennen wir den Tierschutz mit seinen Gesetzen. Viele davon müssten wohl verschärft werden, wie etwa die Regulierung der Massentiertransporte. Andere müssten besser überwacht und durchgesetzt werden, wie die Rinder-Enthornung, die aufgrund des Verstümmelungsverbots eigentlich illegal ist.

Das grösste Problem der heutigen Zeit ist aber die Erhaltung unserer Biodiversität. Sie ist drei Hauptgefahren ausgesetzt: Verlust von Wildnis, Wilderei und Einschleppen fremder Arten. Nicht so sehr das Recht auf Leben des Einzeltiers müsste heute im Fokus stehen als vielmehr das Recht auf Überleben der Arten und Ökosysteme.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.12.2016, 17:56 Uhr

Christian R. Schmidt war unter anderem Präsident der Eidgenössischen Kommission für Artenschutz, Vizedirektor im Zoo Zürich und Direktor im Zoo Frankfurt.

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