Tierische Supernasen

Nahrung, Sprengstoff, Vermisste aufspüren – oder den Sexualpartner finden: Das geht im Tierreich der Nase nach.

Das Schwein hat einen guten Riecher. Fotos: iStockphoto, Getty Images

Das Schwein hat einen guten Riecher. Fotos: iStockphoto, Getty Images

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Für den Polizeidienst hat es am Ende doch nicht gereicht. Sherlock, Miss Marple und Columbo haben ihre Ausbildung abgebrochen und arbeiten stattdessen zur Unterhaltung der Besucher im niedersächsischen Vogelpark Walsrode: Flugshow statt Leichenspür-Einsatz.

Zur Ehrenrettung der drei Truthahngeier sei gesagt: An schlechten Leistungsnoten lag es nicht, dass sie ihre geplante Karriere bei der Kripo nie begonnen haben. Wer Leichen aufspüren will, der muss vor allem gut riechen können – und Truthahngeier haben einen exzellenten Geruchssinn. Eine tote Maus nehmen sie noch aus einem Kilometer Entfernung wahr.

Das Problem mit den drei Polizeianwärtern lag woanders: «Die Truthahngeier waren zu schlau», sagt Vogelpark-Sprecher Joss von der Hoeden. Sie hätten keinen Anreiz gehabt, ihr Futter gemäss Lehrplan mit der Nase zu suchen, weil es im Park überall «Fleischstücke wie auf dem Präsentierteller» gebe. Wenn irgendwo andere Vögel gefüttert wurden, sind die Truthahngeier dorthin geflogen und haben sich bedient. Satt wurden sie auf diese Weise schnell, ausgebildete Leichenspürvögel hingegen nicht.

Idealer Leichenspürvogel: Der Truthahngeier

Abgesehen von den routiniert abgespulten Huldigungen der Hundenase ist die Nase ein verkanntes Organ im Tierreich. Doch nicht nur der Hund verdient die Auszeichnung «Superschnüffler». Es gibt noch viele andere Tiere, denen man Bestleistungen auf diesem Gebiet nicht auf Anhieb zutrauen würde. Was aber ist mit den Riechorganen etwa der Schlangen, Fledermäuse und eben der Vögel? Höchste Zeit also für die Würdigung des unterschätzten Organs.

Löwen verprügeln

Unbestritten ist heute, dass viele Vögel erstaunlich gut riechen können. So wie der Truthahngeier ist zum Beispiel auch der neuseeländische Kiwi ein Hochleistungsschnüffler. Die amerikanische Katzendrossel navigiert während ihres Zuges mithilfe des Geruchssinns, und Tauben nutzen ihre Nase, um nach Hause zu finden.

Tiernasen können neben der Navigation noch zahlreiche weitere Aufgaben erledigen: Sie finden Nahrung, Vermisste, Drogen, Sprengstoff, Trüffel und Sexpartner, können Artgenossen liebkosen und Löwen verprügeln (zwei der vielen Funktionen, die ein Elefantenrüssel erfüllt); sie dienen als Statussymbol und Resonanzkörper. Trotzdem hat es der Geruchssinn seit je schwer, zu seiner wohlverdienten Anerkennung zu kommen. Sich tief in der Welt der Gerüche zu verlieren, das sei etwas Niederes, irgendwie auch Ungehöriges, so hat es der Mensch über die Jahrhunderte immer wieder durchblicken lassen.

Mehr als 130 Kilogramm: Elefantenrüssel.

Vielleicht beruht diese Ansicht aber vor allem auf Unwissen. Wer von sich selbst auf andere schliesst, der erkennt eine Nase, wenn sie dreieckig aus dem Gesicht herausragt und zwei Löcher hat. Im Tierreich ist die äussere Form der Riechorgane jedoch weitaus vielfältiger: Sie reicht vom mehr als 130 Kilo schweren Elefantenrüssel über den an eine Riesenbirne erinnernden Zinken eines männlichen Nasenaffen bis zu der gespaltenen Zungenspitze einer Schlange.

Eine Nase im engeren Sinne ist Letztere allerdings nicht. Die besitzen Schlangen auch, nutzen sie aber kaum. Viel wichtiger für das Riechen ist ihr häufiges Züngeln, es erfüllt eine ähnliche Funktion wie das Schnüffeln eines Hundes. Mit der Zungenspitze nehmen Schlangen Geruchspartikel auf und befördern sie zum oberen Gaumen. Dort liegt das sogenannte Vomeronasalorgan (VNO), über das Tiere und womöglich auch Menschen ebenfalls Geruchssignale aufnehmen. Meist dienen diese der Kommunikation mit Artgenossen.

Entscheidender als die äussere Grösse ist die Struktur der Nase.

Auch als individuelles Erkennungsmerkmal kann die Nase dienen, zum Beispiel beim Rind. Dessen Oberlippe ist mit dem Naseneingang zum sogenannten Flotzmaul verschmolzen, das sich in viele kleine Abschnitte teilt. So entsteht auf der Oberfläche ein einzigartiges Muster, vergleichbar dem menschlichen Fingerabdruck.

Schwierig zu beantworten ist offenbar die Frage, welche weiteren anatomischen Strukturen zum Flotzmaul gehören – ein Problem, mit dem sich vor drei Jahren ein Schweizer Gericht befassen musste. Ein Landwirt hatte einer Kuh einen Ring durch die Nasenscheidewand getrieben, um sie vom Saugen an Artgenossen abzuhalten. Ist die Nasenscheidewand noch Teil des Flotzmauls? Dann hätte der Ring gegen das Tierschutzgesetz verstossen. Ein Sachverständiger von der Universität Zürich verneinte dies jedoch, das Gericht wies die Beschwerde ab.

Wenn sich der Mensch an einer Nase zu schaffen macht, wird es für die Tiere schnell unangenehm oder wenigstens befremdlich. So dürften auch Fledermäuse nicht immer begeistert von dem gewesen sein, was Menschen mit ihren angestellt haben. Wer lässt sich schon gerne «das linke Nasenloch zustopfen», wie es Fledermausforscher vor 40 Jahren in einer Studie beschrieben haben? Immerhin trugen diese Prozeduren dazu bei, die Fledermausnase als Vokalisationsorgan zu identifizieren. Mit verstopfter Nase hörten sich die Tiere anders an als normal. So ist auch die auffällige und namensgebende Nase der Grossen Hufeisennase nicht deshalb so gross, damit die Flugsäuger besser riechen können, sondern sie dient als eine Art Schallkeule.

Die Nase als Statussymbol

Sich mithilfe einer besonders grossen Nase Gehör zu verschaffen, auf diesen Trick sind auch die Männchen einer auf Borneo lebenden Primatenart gekommen. Wie der Nasenaffe zu seinem Namen gekommen ist, wird beim ersten Blick in sein Gesicht deutlich. Auch er nutzt seine Nase als Resonanzkörper – und als Statussymbol. Je grösser der Zinken, umso besser stehen die Chancen bei den Weibchen. Die haben viel kleinere Nasen und können trotzdem nicht schlechter riechen.

Klar, wie der zu seinem Namen gekommen ist: Nasenaffe

Entscheidender als die äussere Grösse ist die Struktur der Nase. Tiere, die sich stark auf ihren Geruchssinn verlassen, haben kompliziert gebaute Nasenhöhlen oder andere komplexe Strukturen, um möglichst viel Platz für Riechsinneszellen zu schaffen. Dieses Prinzip hat die Evolution auch bei den Hunden angewandt. Deren Riechschleimhaut würde ausgebreitet bis zu 200 Quadratzentimeter einnehmen (die des Menschen fünf). Zu den Spitzenriechleistungen eines Hundes trägt auch seine Atemtechnik bei. Bis zu 300-mal kann er in einer Minute Luft holen. Beim Ausatmen bildet sich vor seiner Nase ein leichter Unterdruck, durch den Geruchsmoleküle besonders effizient in die Nasenhöhle gesaugt werden.

Solche Fähigkeiten wecken Begehrlichkeiten im Menschen. Gerade die Hunde haben zahlreiche Riechaufgaben übertragen bekommen, etwa Drogen, Sprengstoffe, Personen oder Wild aufzuspüren. Theoretisch können sie sogar Lungenkrebs bei Menschen erkennen – für eine praktische Anwendung liegt ihre Trefferquote aber zu niedrig. Forscher haben im Fachmagazin «Applied Animal Behaviour Science» aber auch schon angeregt, mit Elefanten Sprengstoff aufzuspüren. Sie waren Anekdoten nachgegangen, wonach Elefanten in Angola Minenfelder dank ihres Geruchssinns meiden.

Luise, das Polizei-Wildschwein

Schweine haben ebenfalls eine sehr feine Nase. Vor gut 30 Jahren trainierte ein Diensthundeführer der niedersächsischen Polizei Luise, ein 150 Kilo schweres Wildschwein. Viermal wurde die Bache in den Einsatz geschickt, um Rauschgift aufzuspüren. Den grössten Teil ihrer Arbeitszeit verbrachte sie jedoch mit Fernsehauftritten und anderer Öffentlichkeitsarbeit.

Als Luise nach nur einem Jahr den Dienst quittieren sollte, kam es zu Protesten von Bürgern. Der niedersächsische Ministerpräsident schaltete sich ein mit der Anweisung, dem Schwein «in Anerkennung der erfolgreichen Arbeit auch in Zukunft einen Platz im öffentlichen Dienst bereitzuhalten». Luise gehörte noch zwei weitere Jahre der Polizei an: als «SWS» («Spürwildschwein») inmitten einer Diensthundestaffel.

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 10.07.2017, 19:20 Uhr

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