Ungebetene Bettgenossen

Über viele Jahre schienen Bettwanzen keine ernst zu nehmende Gefahr mehr zu sein. Nun sind die widerstandsfähigen Parasiten wieder auf dem Vormarsch.

Plüsch-Parasiten an der Bettwanzen-Konferenz in Illinois. (Foto: Brian Kersey/Getty Images)

Plüsch-Parasiten an der Bettwanzen-Konferenz in Illinois. (Foto: Brian Kersey/Getty Images)

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Bettwanzen sind im Vormarsch, das bestätigen Kammerjäger landauf, landab. Während vieler Jahre schienen Bett­wanzen nahezu ausgestorben. Doch nun sind die Parasiten wieder da. Sie haben sich laut Experten als widerstandsfähiger erwiesen als erwartet.

Erst kürzlich musste in Zürich-Albisrieden eine ganze Wohnüberbauung evakuiert werden. Bettwanzen hatten das Gebäude heimgesucht. «Seit gut zehn Jahren nehmen die Bettwanzenfälle zu», sagt Jean-Martin Fierz, Biologe und technischer Leiter bei der schweizweit tätigen Schädlingsbekämpfungsfirma Rentokil. Bettwanzen seien äusserst erfolgreiche Insekten, sagt der Experte. Ein einziges begattetes Weibchen könne zum Befall eines ganzen Wohnblocks führen. Dazu braucht die Wanze nur eines: einen menschlichen Wirt.

Einreise im Koffer

Bis zu 500 Eier kann ein Weibchen in seinem Leben legen, und vom Ei bis zur ersten blutsaugenden Nymphe dauert es nur ein paar Tage, sagt Experte Fierz. Nach vier bis fünf Wochen seien die Tiere erwachsen und bräuchten dann alle drei Tage eine Blutmahlzeit, «deren Menge das Siebenfache ihres Gewichts erreichen kann».

So sieht sie aus: Die Bettwanze. (Foto: Keystone)

Deshalb sei es wichtig, so der Experte, dass ein Befall frühzeitig erkannt und bekämpft werde. Zudem könnten die Bettwanzen unter gewissen Umständen bis zu einem Jahr hungern, ohne zu sterben. «Diese Eigenschaft ist ausschlaggebend für ihren Erfolg», sagt der Biologe.

Bettwanzenstiche sind schmerzfrei. Der Parasit injiziert beim Biss Speichel in die Wunde. Dieser verursacht einen starken Juckreiz und lässt rote Quaddeln oder Blasen auf der Haut zurück. Die Stellen schwellen je nach Sensibilität des Gestochenen mehr oder weniger stark an; die Symptome können bis zu sieben Tagen andauern. Die Bissstellen treten dicht nebeneinander auf, was zeigt, dass das Insekt nach Kapillaren gesucht hat. Die positive Nachricht: «Es sind keine Krankheiten bekannt, die durch Bettwanzen übertragen werden», sagt Biologe Fierz.

«Entgegen der Empfindung vieler Menschen hat die Bettwanze nichts mit den vorherrschenden hygienischen Verhältnissen zu tun», sagt Fierz. Ob ein Hotel dreckig oder sauber sei, ob es in Asien oder am Zürcher Bahnhofplatz liege, spiele keine Rolle. «Bettwanzen werden meistens eingeschleppt, in der Regel mit dem Reisekoffer.»

Die Gefahr lauert allerdings nicht nur im Koffer. Die Wanzen können auch aus einem benachbarten Zimmer einwandern oder werden in einem Wohnblock mit der Wäsche verschleppt. «In Zeiten von Ebay, Secondhandläden und Flohmärkten spielt auch die Verschleppung von Bettwanzen über gebrauchte Möbel, Antiquitäten, Teppiche oder Kleidung eine immer grösser werdende Rolle», sagt Experte Fierz.

Nicht nur im befallenen Hotel, wo der Imageschaden gross sein könne, sondern auch im eigenen Heim verursachten Bettwanzen Stress und einen immensen Aufwand. Denn Wohnungen seien meist viel komplexer aufgebaut als Hotelzimmer und böten viel mehr Versteckmöglichkeiten für die kleinen bis fünf Millimeter langen Viecher.

Immer seltener Chemieeinsatz

Um einen Befall eindeutig zu ermitteln, sei es wichtig, typische Anzeichen zu erkennen und erste Spuren richtig zu deuten. «Die Bettwanzen verstecken sich meist um das Bett des Wirtes, zum Beispiel im Lattenrost.» Sie verkriechen sich in Ritzen, Spalten und Hohlräumen. Aber sie hinterlassen Spuren. «Kot, Blutflecken auf der Bettwäsche und Häutungsreste verraten die unliebsamen Gäste», sagt Fierz.

Lange bekämpfte man Bettwanzen nur mit chemischen Mitteln. Diese Behandlung habe aber einen entscheidenden Nachteil: «Insektizide töten nur die bereits geschlüpften Bettwanzen, die Eier bleiben unberührt.» Deshalb brauche es mehrere Behandlungen.

Heute wird immer seltener Chemie eingesetzt. Seit einigen Jahren geht man mit Wärme gegen diese Schädlinge vor. Dazu heizt der Kammerjäger die Raumtemperatur auf 55 Grad Celsius auf, da Bettwanzen ab einer Körpertemperatur von circa 45 Grad Celsius sterben. Eine Wärmebehandlung dauert in der Regel nicht mehr als 48 Stunden. «So können die behandelten Objekte sofort wieder verwendet werden, ohne chemische Rückstände», sagt Fierz. Kleider und Bettwäsche soll man bei 60 Grad waschen. Eine besondere Herausforderung sind Bettwanzen in Altersheimen und Spitälern. Gerade ältere Menschen reagieren nicht so stark auf Stiche, sodass sich ein starker Befall entwickeln kann, ohne dass es jemand merkt. «Jede Heimleitung, jedes Hotel und jedes Spital tut gut daran, das Personal auf Bettwanzenspuren zu schulen.»

Für Menschenblut entschieden

Eine genetische Studie der Universität Tulsa in Oklahoma, USA, hat gezeigt, dass Bettwanzen ursprünglich Fledermausblut saugten. Vor mehr als 3000 Jahren, als Menschen und Fledermäuse zusammen in Höhlen wohnten, sei das Entscheidende passiert. Damals haben sich einige Wanzen fürs Menschenblut entschieden. «Dies ist der Grund, weshalb sie heute die Schlafzimmer der Menschen unsicher machen», sagt der Biologe.

Dabei sei es in den 1950er-Jahren relativ knapp für die kleinen Vampire gewesen, denn durch den rigorosen Einsatz von starken Pestiziden wie DDT, «die ohne Rücksicht auf Mensch und Umwelt zum Einsatz kamen», wären die Wanzen beinahe ausgestorben. «Vor 15 Jahren meldeten sie sich dafür umso wuchtiger zurück», sagt Jean-Martin Fierz.

Neben dem Verbot von DDT kämen Resistenzen von gewissen Bettwanzenstämmen gegenüber heutigen Insektiziden dazu. Und dann kommt noch ein Aspekt hinzu: «Die enorme Reisetätigkeit rund um den Globus trägt ebenfalls zur Verbreitung der Bettwanze bei», sagt der Rentokil-Biologe.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.10.2017, 20:41 Uhr

Bettwanzen

Vorgehen bei Befall


  • Bei Verdacht auf Bettwanzen sofort Vermieter oder Hotelleitung benachrichtigen.



  • Niemanden mehr ins befallene Zimmer oder die Wohnung lassen.

  • Sofort die Schädlingsexperten kommen lassen.



  • Keinesfalls Gegenstände aus den verdächtigen Räumen herausnehmen.



  • Bettwäsche, Handtücher und Wäsche sofort in einem Plastiksack luftdicht verschliessen, bevor die Wäsche gewaschen wird. Müllsäcke sofort schliessen.



  • Reinigungsgeräte und -utensilien, die kürzlich in den betroffenen Räumen verwendet wurden, gründlich auf Anzeichen eines Befalls untersuchen. Staubsaugerbeutel im Freien entleeren.




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