Unser Mann im Weltklimarat

Der Klimaphysiker Thomas Stocker kritisiert, dass die Diskussion um den Klimawandel immer politischer werde.

Die besten Argumente sind laut Thomas Stocker gesicherte Fakten.

Die besten Argumente sind laut Thomas Stocker gesicherte Fakten. Bild: Keystone

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Er zeigt keine Spur von Müdigkeit. Thomas Stocker erklärt entspannt die Aussicht auf die Stadt. Er geniesst den Ort seiner Wahl für das Treffen. Den Rosengarten, oberhalb der Aareschlaufe, nicht weit weg von der Berner Altstadt und seinem Wohnort. In den letzten Monaten war der Klimaforscher an der Universität Bern nicht viel an seinem Arbeitsplatz. Sein Wahlprogramm war anstrengend. Mehr als 30 Länder bereiste er in drei Monaten. Am Montag möchte Thomas Stocker an der Versammlung des Weltklimarats (IPCC) in Dubrovnik den Inder Rachendra Pachauri als Präsident ablösen. Er gehört zum Kreis von sechs Kandidaten, die sich für das höchste Amt des IPCC bewerben.

Es ist fünf Uhr nachmittags an einem milden Herbsttag. Am Vortag war er noch in Brasilien an einem IPCC-Meeting. Stocker wirkt trotzdem frisch, ruhig und gradlinig in seinen Antworten. Und er überrascht. «Wir müssen schauen, dass wir wissenschaftlich bleiben», sagt er. Fürchtet er sich vor einem stärkeren Einfluss der Politik auf den Klimarat?

Immerhin reden die Regierungen der Vertragsstaaten der UNO-Klimarahmenkonvention jeweils mit, wenn es um den Klimabericht an die politischen Entscheidungsträger geht. Stocker liess sich bisher nie unter Druck setzen. Als Co-Leiter der Arbeitsgruppe I des IPCC stand er im besonderen Rampenlicht der Öffentlichkeit. Das Forscherteam beschäftigt sich mit dem physikalischen Zustand der Erde. In den letzten Jahrzehnten standen vor allem zwei Fragen im Zentrum: Erwärmt sich die Erde, und trägt der Mensch die Hauptschuld? Beide Fragen beantwortet der IPCC mit einem Ja, und er lässt keine Zweifel offen: Stets betonte der Berner Klimaforscher, dass er als Wissenschaftler hinter allen Aussagen stehen kann, die mit den Regierungen verhandelt wurden.

«Ich sage, was ich denke»

Und nun? Warum denn sorgt sich Thomas Stocker um die Wissenschaftlichkeit der IPCC-Arbeit? «Die Diskussion um den Klimawandel wird zunehmend politisch», sagt der Klimawissenschaftler. «Nun geht es immer mehr um Massnahmen und Lösungen; es geht darum, die Folgen des Klimawandels zu mildern, um die Anpassungen und die damit verbundenen Kosten.» Das sei notwendigerweise ein politischer Prozess. Das sind die Themen der beiden anderen Arbeitsgruppen des IPCC. Es liege deshalb in der Natur der Sache, dass Soziologen oder Ökonomen nicht immer robuste Daten liefern könnten. «Hier müssen wir Prozesse anschieben, damit das in Zukunft möglich wird», sagt Thomas Stocker. Er will zum Beispiel diese Wissenschaftler besser vernetzen durch gemeinsame Forschungsprogramme, wie dies in der physikalischen Klimaforschung seit Jahrzehnten gepflegt wird. Würden Regierungen erkennen, was auf ihr Land zukomme, entstünden stets politisch geladene Gespräche. «Hier helfen nur fundierte wissenschaftliche Studien, deren Resultate mehrfach abge­sichert sind.»

Stocker will nicht einfach Moderator sein, sollte er am Montag zum IPCC-Präsidenten gewählt werden. Er will gestalten, Denkprozesse stimulieren, seine langjährigen Erfahrungen einbringen. «Ich sage, was ich denke», sagt er. Aber er lade stets alle ein, um über Ideen zu debattieren und Lösungen zu finden, und er höre genau zu. In Zukunft soll das auch interdisziplinär zwischen den Arbeitsgruppen passieren. «Dazu braucht es aber noch Überzeugungsarbeit.»

Grafik mit Zündstoff

Stockers Taktik ging bisher immer auf. Man müsse die Regierungen auf Neues vorbereiten, sagt er. Zum Beispiel auf die Grafik Nummer 10 in der Kurzfassung des 5. Klimaberichts an die Politiker und Behörden, der vor zwei Jahren in Stockholm veröffentlich wurde. Sie war Zündstoff. Die Grafik belegte den erstaunlich einfachen Zusammenhang zwischen den CO2-Emissionen der letzten 250 Jahre und der erwarteten Erwärmung im 21. Jahrhundert. Stocker erinnert sich: «Wir arbeiteten drei Monate daran, mehrere unabhängige wissenschaftliche Resultate zu kombinieren, ihre Unsicherheiten sorgfältig abzuschätzen, um dann zuverlässige Aussagen zu machen.»

Die Botschaft hatte eine enorme politische Relevanz. Auf einen einfachen Nenner gebracht: Zwei Drittel des CO2-Budgets sind aufgebraucht. Das Budget gibt an, wie viel Treibhausgas in die Atmosphäre gelangen darf, damit sich die Erde nicht um mehr als 2Grad aufwärmt. Dieser für viele Ökosysteme weltweit kritische Zielwert ist heute in der UNO-Klimarahmenkonvention festgeschrieben. Die Konsequenzen, die man aus der Grafik lesen kann, sind für die Politik und die Wirtschaft brutal: Etwa drei Viertel der Reserven an Kohle, Erdöl und Erdgas müssen im Boden bleiben. «Es brauchte einige schlaflose Verhandlungstage mit unzähligen Interventionen, bis Staaten wie Saudiarabien und China überzeugt werden konnten, diese Darstellung zu akzeptieren.» Sie hätten als Wissenschaftler dafür gekämpft. «Letztlich wurde kein Punkt in unserem Dokument durch die Regierungen gestrichen; der Text wurde im Konsens verabschiedet.»

In sieben Jahren soll der nächste Klimabericht vorliegen. Möglicherweise mit einem grösseren Fokus auf wirtschaftliche und soziale Fragen. Welchen Einfluss hat der Vorsteher des IPCC? «Es braucht von Anfang an einen Plan, um festzustellen, wo die Wissenschaft kontrovers diskutiert», sagt Thomas Stocker. Dafür brauche es ein eingeschworenes Team, das auf dieses Ziel hinarbeitet. Stocker sieht sich dabei als Inputgeber, ohne dabei autokratisch auftreten zu wollen. Er habe schliesslich die Freiheiten als Co-Leiter auch geschätzt, die ihm der zurückgetretene Präsident Rajendra Pachauri gegeben habe. Allerdings gibt er zu: Auf die Zusammensetzung der Führungscrew könne der IPCC-Chef keinen Einfluss nehmen. Das liegt ­allein in der Hand des Wahlgremiums.

Institut mit Weltruf aufgebaut

Seit 17 Jahren arbeitet Thomas Stocker für den IPCC. Und noch immer scheint er keine Abnützungserscheinungen aufzuweisen. Im Gegenteil. Für ihn wäre der Posten eine neue Herausforderung. Und der Abschluss einer steilen Karriere. Nach Forschungsaufenthalten in London, Montreal und New York wurde der Klimaforscher 1993 als erst 34-jähriger Wissenschaftler an das Physikalische Institut der Universität Bern berufen, wo er bis heute die Abteilung für Klima- und Umweltphysik leitet. Seither hat er die Klimaforschung in Bern vorangetrieben – heute geniesst sie Weltruf. «Wir haben konsequent Nachwuchsforschung betrieben, sodass ich mich bei einer Wahl mit gutem Gewissen auf diese neue Aufgabe konzentrieren könnte», sagt Stocker. Einen PlanB hat er nicht.

Erstellt: 01.09.2016, 08:30 Uhr

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