Unsere fliegenden Geschwister

In den Regenwäldern Südostasiens schweben Riesengleiter von Baum zu Baum. Sie sind mit dem Menschen verwandt.

Die Colugos, auch Riesengleiter genannt, haben eine Spannweite von bis zu 70 Zentimetern. Foto: Walter Quirtmair (Getty Images)

Die Colugos, auch Riesengleiter genannt, haben eine Spannweite von bis zu 70 Zentimetern. Foto: Walter Quirtmair (Getty Images)

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Gross wie eine Katze flitzt ein Tier einen kräftigen Baumstamm im Regenwald Südostasiens hinauf, hält oben nur kurz inne und stösst sich dann zu einem tollkühnen Sprung in die Tiefe ab. Arme und Beine spreizt das Colugo genannte Säugetier weit ab und spannt so eine Haut samt Fell auf, die vom Hals zu den Armen und weiter zu den Beinen sowie bis zum Schwanz reicht. Wie ein Gleitschirmflieger schwebt der «Riesengleiter» dann auf dieser Flughaut mit einer Spannweite von bis zu 70 Zentimetern zielstrebig auf einen anderen Baum zu, der durchaus hundert Meter entfernt stehen kann. In dessen Krone schlägt sich das Tier dann den Magen mit Knospen, Blüten und Blättern voll, verschläft den nahenden Tag gut versteckt im Geäst, bevor es in der kommenden Nacht zu einem anderen Baum gleitet.

So fliegen die Riesengleiter. Quelle: National Geographic/Youtube

Von den Riesengleitern gibt es heute nur noch zwei Arten, den Philippinen- sowie den Malaiengleiter. Sie unterscheiden sich kaum, und wenn, dann erkennt man sie an der Fellfarbe auf dem Rücken. Wie jetzt die Zoologen Bill Murphy von der Texas A & M University und Jürgen Schmitz von der Universität Münster mit einer raffinierten Analyse des Erbguts herausgefunden haben, gehören die Riesengleiter zwar nicht zu den Affen oder Halbaffen, sind aber doch sehr nahe mit den Primaten, und damit auch mit uns Menschen, verwandt.

Ein Genetikkrimi

Die Geschichte dieser wissenschaftlichen Zuordnung ist ein wahrer Genetikkrimi. Die Forscher beenden damit einen Irrflug, der bereits im 19. Jahrhundert begann: Zunächst lag eine Verwandtschaft der Colugos mit den Fledermäusen nahe, die auf ihren Flughäuten nicht nur durch die Luft gleiten, sondern auch sehr geschickte Flugkünstler sind. Insektenfresser und Raubtiere ­waren ebenfalls im Gespräch. In den 1960er-Jahren brachte der finnische Biochemiker Kai Simons mit einer Untersuchung der Ohrknöchelchen dann die Primaten ins Spiel. Das schien eine Analyse eines relativ kleinen Teils des Erbguts höherer Säugetiere im Jahr 2002 dann auch zu bestätigen. Zur völligen Verblüffung der Fachwelt landeten die Riesengleiter in dieser Studie mitten unter den Affen.

Jürgen Schmitz aber hatte seine Zweifel. Schliesslich hatten die Forscher dieser Studie nur einen kleinen Teil des Erbguts unter die Lupe genommen, weil damals von vielen Säugetieren das gesamte Genom noch gar nicht analysiert war. Vom Menschen aber war das Erbgut bereits bekannt. Darin stecken jede Menge sogenannter Alu-Elemente, die für Affen und Halbaffen charakteristisch sind. Auch beim Menschen machen mehr als eine Million dieser relativ kurzen Abschnitte immerhin ein Zehntel des menschlichen Erbguts aus, bei allen anderen Primaten sieht es ähnlich aus. Dafür gibt es nur eine Erklärung: Dieses reichliche Angebot an Alu-Sequenzen, deren Funktion immer noch weitgehend unbekannt ist, müssen alle Primaten von einem gemeinsamen Vorfahren geerbt haben.

Ausgerechnet im Erbgut der Riesengleiter fand Jürgen Schmitz jedoch kein einziges Alu-Element. Vom gemeinsamen Vorfahren aller Primaten konnten die Colugos daher nicht abstammen. Diese Analyse beendete daher rasch die kurze Karriere der Riesengleiter als Mitglied der Tierordnung der Affen und Halbaffen.

Wo aber gliedern sich die eleganten Gleitflieger der Wälder Südostasiens in den Stammbaum aller Säugetiere ein? Es gab deutliche Hinweise, dass Primaten und Riesengleiter näher als alle anderen Säugetierordnungen miteinander verwandt sind. Zur Zeit der Dinosaurier könnte, so die Hypothese, eine Tiergruppe gelebt haben, die sich damals in Colugos auf der einen Seite sowie Affen und Halbaffen auf der anderen aufgespalten hat. Letztere könnten sich dann erst nach dieser Trennung die Alu-Elemente «eingefangen» haben.

Flucht vor den Dinosauriern

Den Beweis dafür liefern jetzt Jürgen Schmitz und seine Kollegen in ihrer Spezialdisziplin, der Analyse sogenannter springender Gene. Das sind relativ kurze Abschnitte, die im Erbgut hin und her springen können. Dabei landen sie normalerweise an keinem bestimmten Zielort, sondern eher zufällig irgendwo im Erbgut. Sie liefern so wertvolle Informationen zu den Verwandtschaftsverhältnissen und damit zur Evolution der untersuchten Tiere.

Von 17 dieser Elemente fanden Jürgen Schmitz und seine Kollegen 16 bei den Riesengleitern und bei Affen und Halbaffen an genau der gleichen Stelle. «Das kann kaum ein Zufall sein, Colugos und Primaten müssen also einen gemeinsamen Vorfahren haben», meint Jürgen Schmitz. Die Gleitschirmflieger der Regenwälder Südostasiens gehören damit zwar nicht zu den Affen und Halbaffen, sind aber dennoch Geschwister der Primaten und damit auch von uns Menschen. Allerdings gehen beide Ordnungen wohl seit ungefähr 80 Millionen Jahren eigene Wege, lassen die Erbgutanalysen weiter vermuten.

In dieser Zeit dominierten noch die Dinosaurier die Tierwelt. Säugetiere konnten sich gegen diese Vormacht nur in kleinen Nischen behaupten, in denen die relativ grossen Dinos wenig zu melden hatten. Dazu gehört zum Beispiel das Dach des Regenwaldes. Und genau dort könnten die Vorfahren von Riesengleitern und Primaten zu Hause gewesen sein. Deren Nachkommen spalteten sich dann in die flugfähigen Tiere und die geschickten Kletterer auf, zu denen noch heute alle Riesengleiter auf der einen und die meisten Affen und Halbaffen auf der anderen Seite zählen.

Die Geschichte beider Ordnungen verlief seither unterschiedlich. So kennen Forscher heute mehr als 400 Primatenarten, bei den Riesengleitern dagegen mit dem Philippinen- und dem Malaiengleitflieger nur ganze zwei. Beide sind geschickte Gleitsegler und hervorragende Kletterer, kommen am Boden jedoch nur mühsam voran. Ihre Heimat sind daher die Regenwälder, die allerdings in den vergangenen Jahrzehnten sehr stark abgeholzt und häufig durch Palmölplantagen ersetzt wurden.

Wie gefährdet ist die Art?

Da sie auf den Philippinen sowie zwischen Thailand und Vietnam im Norden sowie Indonesien im Süden in etlichen Gebieten leben, gelten beide Arten bei der Weltnaturschutzorganisation IUCN als wenig gefährdet. Das könnte sich jedoch bald dramatisch ändern: Bei einer Analyse des Erbguts von präparierten Riesengleitern aus Museen entdeckte Bill Murphy eine Vielfalt, die sich mit nur zwei Arten nicht erklären lässt. «Vermutlich gibt es mindestens acht Riesengleiterarten in Südostasien», fasst Jürgen Schmitz zusammen. Diese Arten werden wohl bald von den Zoologen anerkannt werden. Und etliche von ihnen dürften dann in höheren Gefährdungskategorien der IUCN landen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.08.2016, 19:12 Uhr

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Landeroberungen im Gleitflug

Colugos oder Riesengleiter leben nur in den oberen Etagen der Regenwälder. Trotzdem finden sich die Tiere auf etlichen der grossen Inseln Südostasiens, die vom Meer voneinander getrennt sind. Aber wie konnten sich die Gleiter auf verschiedene Inseln verteilen?

In den Eiszeiten lag der Wasserspiegel teilweise mehr als hundert Meter niedriger als heute. Damals waren viele Inseln durch Landbrücken miteinander verbunden, auf denen vermutlich Wälder wuchsen. Über diese Brücken können die Riesengleiter andere Inseln erreicht haben, auch wenn sie schlecht zu Fuss sind, nicht schwimmen können und nicht viel weiter als hundert Meter durch die Luft gleiten können. So kamen zum Beispiel die auf der indonesischen Insel Java lebenden Riesengleiter vor rund neun Millionen Jahren vermutlich aus Ost-Borneo in ihre heutige Heimat.

Spitzhörnchen sind ebenfalls eine Ordnung der Säugetiere, die mit rund 20 Arten durch die Wälder Südostasiens klettern. Jürgen Schmitz schliesst aus seinen Untersuchungen, dass diese Gruppe die nächsten Verwandten der Primaten und Riesengleiter stellt. Damit würden alle Säugetierord­nungen, die weit überwiegend in den oberen Etagen der Wälder leben, von einem ge­meinsamen Vorfahren abstammen. (rhk)

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