«Unsere Haustiere lieben uns nicht»

Tierfilmer Andreas Kieling erklärt, warum Tiere keine Freundschaft mit Menschen schliessen. Und weshalb er Leute mit einem Bürojob respektiert.

«Liebe würde ich das nicht nennen, auch nicht Freundschaft»: Andreas Kieling, hier bei Dreharbeiten in Afrika, dürfte so manchen Hundebesitzer brüskieren. Bild: PD

«Liebe würde ich das nicht nennen, auch nicht Freundschaft»: Andreas Kieling, hier bei Dreharbeiten in Afrika, dürfte so manchen Hundebesitzer brüskieren. Bild: PD

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Gegerbtes Gesicht, Cargohose, um den Hals ein Lederband mit silbernem Medaillon: Der deutsche Tierfilmer Andreas Kieling ist oft monatelang in der Wildnis unterwegs, um Wölfe oder Bären vor die Kamera zu bekommen. Jetzt sitzt der 59-Jährige in einem goldbezogenen Sessel eines Münchner Hotels. Im Gespräch wird schnell klar: Die Grossstadt ist nicht gerade sein natürliches Habitat.

Sie sind heute einer der bekanntesten Tierfilmer der Welt. Sie baden mit vier Meter grossen Salzwasserkrokodilen, pirschen sich auf 4000 Meter Höhe im kirgisischen Gebirge an das fast ausgestorbene Marco-Polo-Argali-Schaf heran und tragen dabei eine Art weissen Bademantel...
... nein, das war ein Schneehemd für die Tarnung, wie es Jäger tragen.

Beim Aufsteigen sagen Sie keuchend in die Kamera: «Die Bilder hier sind eine Weltpremiere.» Müssen Sie permanent Ungesehenes und Rekorde liefern?
Ich spüre da keinen besonderen Druck. Aber ich glaube, jeder wünscht sich Erfolg. Und in einer gewissen Weise erfüllt es mich mit Stolz, der erste Tierfilmer der Welt gewesen zu sein, der beispielsweise mit einem wilden Grizzly-Bären getaucht ist und das unter Wasser gefilmt hat. Auch wenn man in dem Moment nicht daran denkt, damit in die Annalen des Naturfilms zu kommen. Sondern: Habe ich den Mumm hineinzugehen? Macht mein Equipment mit? Wie nah kann ich an das Tier heran? Es kann ja immer zu einer Reaktion des Tieres kommen, die für mich fatale Folgen haben könnte.

Der amerikanische Tierfilmer Timothy Treadwell wurde 2003 von einem Grizzly-Bären getötet und gefressen, die Kamera lief noch.
Ich kannte ihn sehr gut. Auch seine Freundin Amie, die auch aufgefressen wurde. Ich kenne die Stelle in Alaska gut, an der es passiert ist, und den Bären, der ihn aufgefressen haben soll – wobei ich persönlich glaube, dass es ein anderer Bär war.

Warum?
Der Bär, der 20 Stunden später, als die Ranger da waren, erschossen wurde, hatte kaum Fleisch und kaum Kleidungsreste im Magen, da fehlten locker 15, 20 Kilo.

Als Sie diese Geschichte gehört haben, da müssen Sie doch sehr...
... also es hat mich nicht verwundert, ganz ehrlich. Es war so naiv, wie Tim mit Bären umgegangen ist! Alle Bären hatten Namen, waren seine Freunde. Obwohl er ja mitbekommen haben muss, wie Bären miteinander agieren. Wie der eine den anderen umbringt in der Paarungszeit. Wie alte Männchen Jungbären fressen. Und dann hatten Tim und Amie ihr Camp auch noch auf dem einzigen Weg aufgebaut, an dem der Bär, den ich im Verdacht habe, jeden Tag mindestens viermal durchgegangen ist. Das ist, wie wenn einer bei Ihnen im Wohnzimmer auftaucht, seine Isomatte ausrollt und sagt: «Hier bleibe ich.» Irgendwann platzt Ihnen der Kragen. Tim Treadwell hatte eine Grenze überschritten.

Die Sie wirklich nie übertreten?
Wenn ich mit einem Bären tauche, dann habe ich tagelang, vielleicht sogar wochenlang darauf hingearbeitet. Mich mehreren Bären genähert, geschaut, wie sie auf mich reagieren. Diese Anbahnungsversuche sieht man nicht in den fertigen Filmen. Das Warten. Die Geduld.

«Diese Gefahr, die wir immer in die Natur hineininterpretieren, die ist nichts gegen das, was hier jeden Tag auf den Strassen abläuft»

Wie oft waren Sie eigentlich schon in Lebensgefahr?
Das kann ich nicht an einer Hand abzählen. Oft. Mich hat einmal eine Giftschlange gebissen, das war recht dramatisch, weil ich permanent zu ersticken drohte. Mich hat einmal ein Keiler in der Eifel schwer verletzt, ich habe heute noch an der linken Wange eine Narbe davon. Das sind alles Momente, in denen man denkt: Jo, ganz schön gefährlich. Aber jetzt schauen Sie mal hier aus dem Fenster...

Wir sehen eine mehrspurige Ausfallstrasse im Münchner Norden...
Wie viele Menschen sind hier ständig in Gefahr? Es fahren natürlich deutlich mehr Menschen Auto, als dass sie mit Bären tauchen oder sich Wüstenelefanten nähern. Ich lag auch schon einmal unter einem Wüstenelefanten. Aber im Verhältnis zu der Zeit, die ich in der Natur verbringe, bin ich wenig in Gefahr. Diese Gefahr, die wir immer in die Natur hineininterpretieren, die ist nichts gegen das, was hier jeden Tag auf den Strassen abläuft. Wenn die Natur wirklich so gefährlich wäre und so brutal, wie immer alle tun, hätten wir unsere Evolution nie geschafft. Wir wären immer noch Menschenaffen im Bergregenwald, würden in den Bäumen sitzen und irgendwelche Feigen und Wasserbären fressen.

Welche fünf Tiere gehen in einem Tierfilm immer?
Eisbären, Braunbären, Elefanten, Wale und Pinguin.

Löwe und Leoparden nicht?
Nicht so sehr. Sind uns doch zu fremd.

Mit den Tieren in Filmen sollte der Zuschauer eine emotionale Nähe aufbauen können?
Es gibt sehr viele faszinierende Tiere, die es kaum in die Filme schaffen. Nacktmulle sind hochinteressant, sehen aber abstossend aus. Bei Reptilien funktionieren nur die grossen, gefährlichen, aber keine kleinen wie die Blindschleiche. Fledermäuse finden wir einfach zu eklig. Insekten haben es sehr schwer. Übel aussehende Käfer, von denen man auch weiss, sie riechen nicht gut, denen schaut man mal ein paar Sekunden zu, aber länger nicht. Viele wollen das Kindchenschema: Knopfaugen, tollpatschige Pinguine.

Etwas Menschliches finden.
Ich glaube schon. Es gibt auch die Sehnsucht, Freund der Tiere zu sein. Aber man darf Tiere nicht romantisieren. Tiere schliessen eigentlich keine Freundschaft mit einem Menschen. Das tun sie untereinander auch nicht. Es sind Zweckgemeinschaften. Wir füttern unsere Haustiere, wir umsorgen sie, also bleiben sie bei uns. Aber sie lieben uns nicht. Warum sollten sie das auch?

Alle Hundebesitzer werden jetzt aufheulen.
Bei Hunden, gut, da gibt es schon eine Prägungsphase. Wer sie als Welpen mit neun Wochen bekommt, zu dem haben sie eine starke soziale Bindung. Aber Liebe würde ich das nicht nennen. Auch nicht Freundschaft.

Lustigerweise nennen Sie Cleo, die Schweisshündin, die Sie immer auf Ihren Expeditionen begleitet, «meine allerliebste Freundin».
Aber ich bin nicht ihr allerliebster Freund. Ich wünsche es mir, mache mir aber keine Illusionen: Wenn es mir im Wald schlecht ging und ich wäre irgendwo eingeklemmt und hätte Schmerzen, dann würde Cleo nicht ins Dorf rennen und bellend Bescheid geben. Das ist nicht wie im Film.

Über die Einsamkeit in Alaska haben Sie einmal geschrieben: «Hier bist du nichts, vielleicht ein Moskito.» Wer sind Sie hier?
Hier bin ich jemand, der für Naturschutz und Abenteuer steht.

Haben Sie manchmal Sehnsucht nach der Sicherheit eines geregelten 9-to-5-Jobs?
Ganz ehrlich: Ich habe Respekt vor allen Leuten, die das können.

Manche Kritiker werfen Ihnen unsauberes Arbeiten vor: In einem Film von 2012 präsentierten Sie wolfsähnliche Hunde als echte Wölfe.
Wir machen alle Fehler im Leben. Und das mit den Wolfshunden war eine Unsauberkeit. Richtig. Nicht mehr und nicht weniger.

Die Sie bereuen?
Ich ärgere mich, dass ich das nicht klarer kommuniziert habe. Ein Tier wie der Wolf, das nachtaktiv ist und damals nur ganz wenige Sichtungen in Deutschland hatte, das kann auch der Grossmeister des Tierfilms nicht bei Tageslicht filmen. Deshalb filmte ich es repräsentativ mit tschechischen Wolfshunden. Aber klar, das hätte man fett untertiteln müssen.

Mehrfach wurden Sie auch schon der «neue Grzimek» genannt. Wie sehr sehen Sie sich in einer Reihe mit Tierfilm-Legenden wie Bernhard Grzimek oder Heinz Sielmann?
Da ordne ich mich durchaus ein. Sielmann sehe ich allerdings mit etwas gemischten Gefühlen. Ich habe ihn kennen gelernt. Und er war schon ein seltsamer Mann.

Sind nicht die meisten Tierfilmer auf ihre Art seltsam?
Die Leidenschaft, mit der Kamera besondere, aussergewöhnliche Momente einzufangen, das kann schon auch fast pathologische Züge haben, etwas Zwanghaftes. Man muss dafür einiges in Kauf nehmen wollen. Ein nicht so enges soziales Netz haben. Monate von der Familie getrennt sein. Tierfilmer haben oft einen gewissen egozentrischen Charakter.

Das sagen Sie auch über sich?
Ja. Bestimmt. Wenn ich ein Rehstreichler wäre, dann würden wir gar nicht miteinander reden. Dann wäre ich für Sie uninteressant.

Was genau ist ein «Rehstreichler»?
Jemand, der es allen recht macht. So Typen, die tun, als wären sie ein wenig eckig, aber eigentlich sind sie es nicht.

«Inzwischen, wenn ich in Alaska bin, riecht es oft faulig – es ist so warm, dass der Permafrost auftaut und Methan entweicht»

Seit fast 30 Jahren sind Sie nun auf der ganzen Welt mit Kamera und Stativ unterwegs. Wie hat Sie das geprägt?
Ich hatte zwei intensive Jahrzehnte in Alaska. Der viele Schnee und der viele Regen, der Permafrost, die Kälte, die UV-Strahlung, das hat schon alles seine Spuren hinterlassen. Vor zwei Jahren hatte ich eine schwere Malaria Tropica in der Zentralafrikanischen Republik, da wäre ich fast draufgegangen. Der Giftschlangenbiss hat eine Nierenschädigung hinterlassen. Es summiert sich.

Wie halten Sie sich fit?
Ich mache jeden Tag 200 Liegestützen. Im Moment nur 50, weil ich eine Schulterblockade habe.

Jenseits der körperlichen Prägung: Wie sehr hat sich Ihr Blick auf die Erde verändert?
Ich romantisiere die Natur weniger als am Anfang, als ich noch viele Bücher von alten Schriftstellern im Kopf hatte. Natur ist nicht nur schön. Sondern oft grausam, desillusionierend. Und ich sehe natürlich die Folgen des Klimawandels, die unglaubliche Zerstörung von Lebensräumen, und das macht mir Angst. Inzwischen, wenn ich in Alaska bin, riecht es oft faulig – es ist so warm, dass der Permafrost auftaut und Methan entweicht.

Mit 16 sind Sie aus der DDR geflohen, indem Sie an der tschechisch-österreichischen Grenze durch die Donau geschwommen sind. Aus Verzweiflung über die politischen Verhältnisse?
Ich komme aus einem desolaten Elternhaus, aber das war es weniger. Ich hatte vor allem eine ungeheure Sehnsucht. Schon als kleines Kind wollte ich immer woanders sein und habe stundenlang allein im Wald gespielt. Später habe ich viele Bücher gelesen, alles von Jack London, Daniel Defoes «Robinson Crusoe», der 28 Jahre, 2 Monate und 19 Tage auf einer einsamen Insel mit Tieren gelebt hat. Dort wollte ich hin.

Geht so eine riskante Flucht nur mit der Naivität der Jugend?
Mir war klar, was passieren kann: Bestrafung. Inhaftierung. Tod. Aber das hat mich nicht abgehalten. Ich habe mir das zugetraut, vielleicht auch, weil ich eine vormilitärische Ausbildung hatte, bei der wir lernten, uns zu tarnen, mit einem Kompass umzugehen und Stacheldraht zu überwinden.

Der Staat hat Ihnen das Rüstzeug für Ihre Flucht gegeben?
Ja, das ist ein bisschen schräg. Und das war auch das perfekte mentale Training. Stellen Sie sich einfach vor: Sie liegen im Wald im Laub, haben Gras vor dem Gesicht, das Gesicht mit Walderde eingerieben und sind 16 Jahre alt. Und dann kommt neben Ihnen eine Patrouille tschechischer Grenzsoldaten, Schäferhund, Maschinengewehre. In dem Moment musst du dir einschärfen: Die wissen nicht, dass du da bist. Mach dich unsichtbar, bleib ruhig. Das ist schwer für einen 16-Jährigen. Aber ich habe es durchgehalten.

Und beinahe nicht überlebt: Ihnen wurde während des Schwimmens in den Rücken geschossen. Kurz dachten Sie, querschnittgelähmt zu sein, weil Sie Ihre Beine nicht mehr spürten.
Ja. Im Westen angekommen, sollte ich dann auf ein Hamburger Gymnasium gehen und dachte nur, o Mann, so eine steife Abiturklasse, dafür hast du dir keine Kugel in den Rücken schiessen lassen. Ich bin erst einmal zur See gefahren, drei Jahre lang. Und gleich weit weg. Nach Australien.

Haben Sie sich da sehr allein oder sehr stark gefühlt?
Ich erinnere mich an eine Nacht. Ich stehe auf der Brücke dieses riesigen Überseeschiffs im Indischen Ozean, die Monsunzeit geht zu Ende, das Schiff rollt durch die Dünung, ich kriege den warmen Wind ab, habe Salzgeschmack auf den Lippen, schaue zu den Sternen hoch, es ist ganz still. In dem Moment war ich...

... glücklich?
Total. Und ich habe mich stark gefühlt.

Träumen Sie noch von der Nacht, in der Sie durch den Grenzfluss schwammen?
Das letzte Mal vor etwa einem Jahr. Es ist immer dieselbe Szene: Ich schleiche durch die Büsche, auf einmal taucht ein Soldat vor mir auf, nimmt eine Kalaschnikow hoch und drückt ab, und ich sehe die Kugel auf mich zufliegen. Es macht keinen Sinn, ich habe ja einen Schuss in den Rücken bekommen, ich habe den, der auf mich geschossen hat, nie gesehen. Und dann werfe ich mich im Schlaf blitzschnell auf die Seite, falle aus dem Bett und wache auf. Jedes Mal.

Erstellt: 17.02.2019, 18:10 Uhr

Ein Leben in der Natur

Die Tierfilme und Bücher von Andreas Kieling sind einem breiten Publikum bekannt. Der heute 59-Jährige floh mit 16 aus der DDR, arbeitete danach als Seemann in der ganzen Welt und als Förster in China. Von seiner ersten Reise nach Alaska brachte er 1991 Filmaufnahmen mit – der Beginn seiner Karriere. Für den ARD-Dreiteiler «Abenteuer Erde – Yukon River» erhielt er den Panda Award, den Oscar des Tierfilms. Kieling ist etwa zehn Monate pro Jahr unterwegs, ansonsten lebt er auf einem Bauernhof in der Eifel. Er ist verheiratet und hat vier Söhne.

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