Vom Raketenbauer zum Chef-Astronom

Willy Benz von der Abteilung Weltraumforschung und Planetologie der Uni Bern kennt die Europäische Südsternwarte (ESO) bestens. Nun wird er Chef des ESO-Rats.

«Der Wohlstand steigt, wenn man die Wissenschaft fördert», sagt Willy Benz. Foto: Adrian Moser

«Der Wohlstand steigt, wenn man die Wissenschaft fördert», sagt Willy Benz. Foto: Adrian Moser

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Zu den harmloseren Werken von Willy Benz gehört ein Teleskop, das er gemeinsam mit einem Freund gebastelt hat. Die beiden vom Weltraum faszinierten Knaben besorgten sich Linsen bei einem Optiker, konstruierten ein Rohr und fügten die Linsen ein. Heikler war eine Rakete. Ähnlich wie der Bombenleger von Oklahoma 1995 verwendeten die jungen Raketentechniker Unkrautvernichtungsmittel, um eine explosive Mischung herzustellen. Sie zündeten die Rakete im Garten des Freundes, ohne zu bedenken, dass dort nachher kein Gras mehr wachsen würde. Der Start gelang, aber die Eltern waren alles andere als erfreut. Das Raumfahrtprogramm der Knaben nahm ein abruptes Ende.

Benz blieb dem Thema im weitesten Sinne treu. Das sieht man schon aus der Distanz, wenn man ihn heute am Institut für Weltraumforschung und Planetologie der Universität Bern besucht: Vor seinem Büro sind alle Planeten unseres Sonnensystems auf Ständern ausgestellt. Die bläuliche Erde ist so gross wie eine Aprikose, der gelbe Jupiter hat das Volumen eines ordentlichen Kürbisses.

Raketen baut Benz heute keine mehr, aber beruflich zündete kürzlich eine neue Raketenstufe und lupfte ihn ganz weit nach oben auf die Karriereleiter der Astronomie. Das grösste europäische Observatorium ist die Europäische Südsternwarte (ESO) mit mehreren Teleskopen in der chilenischen Atacamawüste. Ab Januar wird Benz Präsident des ESO-Rats. Als solcher soll er unter anderem dafür sorgen, dass das Extremely Large Telescope (ELT) ein Erfolg wird. Mit seinem 39 Meter grossen Hauptspiegel wird es das mit Abstand grösste Teleskop der Welt. Es soll 2024 in Betrieb gehen.

«Was ich glaube, ist nicht wichtig.»

Künftig wird Benz des Öfteren nach Chile reisen. «Die Atacamawüste ist eine der trockensten Regionen der Erde. Kein Grün, kein Busch, nichts ausser Sand und Steine», sagt Benz. «330 klare Nächte pro Jahr. Auch ohne Vollmond sieht man gut. Unsere Galaxie, die Milchstrasse, gibt genügend Licht.» Zum höchstgelegenen Teleskop, dem Atacama Large Millimeter / submillimeter Array (Alma) auf 5030 Meter Höhe darf man nur, wenn man das Einverständnis eines Arztes eingeholt hat. «Wenn man hinaufgeht, bekommt man eine kleine Sauerstoffflasche, und man kann sich – tscht, tscht – ein paar Atemzüge Sauerstoff geben, wenn man sich nicht wohlfühlt.» Ob es draussen im Weltall Leben gibt? «Ich glaube ja. Aber was ich glaube, ist nicht wichtig. Ich bin Wissenschaftler. Ich will es wissen.»

Benz (62) wurde in Neuenburg geboren, die Eltern stammen aus der Region Zürich. Man hört den französischen Einschlag. Gelegentlich verwendet er ein falsches Wort, sagt, er sei zum Chef des ESO-Rats «erwählt» worden statt «gewählt». Natürlich studierte Benz Physik, zunächst in Neuenburg, dann an der Uni Genf. Er war der erste Doktorand von Michel Mayor, der später den ersten Planeten ausserhalb unseres Sonnen­systems entdeckt hat. Neben der beobachtenden Astronomie macht Benz auch Theorie: Er programmiert Computermodelle zur Entstehung von Sternen, Planeten und dem Mond. 1984 ging er mit seiner Frau, der 20 Monate alten Tochter und zwei Koffern ans Los Alamos National Lab im US-Bundesstaat New Mexico, später an die Harvard University in Boston. 1997 reiste er mit seiner Frau, drei Töchtern, einem vollen Container, einem Hund und einer Katze zurück nach Neuenburg und wurde Professor an der Uni Bern.

Das Very Large Telescope in Chile. Foto: ESO

Benz brachte das Thema Exoplaneten mit und wollte das Institut vergrössern. Im Jahr 2000 reichte er ein entsprechendes Gesuch beim Schweizerischen Nationalfonds ein. Es wurde abgelehnt. «Man hat mir gesagt, dass das, was wir machen wollten, Science-Fiction sei», sagt Benz. Aber er liess nicht locker. Als die Europäische Weltraumagentur (ESA) 2012 eine kleine Weltraummission suchte, witterte er seine Chance. Er bewarb sich mit dem Satelliten Cheops zur Charakterisierung von Exoplaneten und hatte Erfolg: Die Mission wurde aus 26 Vorschlägen ausgewählt. Ende 2018 soll der rund 100 Millionen Franken teure Satellit in den Orbit starten. Beim Nationalfonds führte der dritte Anlauf zum Ziel. 2014 wurde der nationale Forschungsschwerpunkt PlanetS ins Leben gerufen. «Im Rahmen von PlanetS machen wir unter anderem die Wissenschaft zu Cheops», sagt Benz.

Die erfolgreiche Organisation der Cheops-Mission war eine der Fähigkeiten, die Benz für den Spitzenjob bei der ESO prädestiniert haben. Hinzu kommt, dass er die Organisation bestens kennt. Er war drei Jahre im Scientific Technical Committee der ESO, drei weitere Jahre hatte er dessen Vorsitz inne. Benz war im Visiting Committee, das alle drei bis vier Jahre einen Bericht über den Zustand der ESO-Aktivitäten verfasst. 2014 wurde er als einer von zwei Delegierten der Schweiz in den ESO-Rat geschickt. Im Januar beginnt sein Mandat als dessen Präsident. Dann sitzt Benz an der Schnittstelle zwischen den Mitgliedsländern, muss Meinungsverschiedenheiten schlichten und prüfen, ob ESO-Direktor Xavier Barcons alles richtig macht. Zudem stellt der ESO-Rat die Weichen für die Zukunft. «Wir bestimmen, welches grosse Projekt gemacht wird, welches nicht und legen das Budget fest», sagt Benz.

«Die Wissenschaft kann Gott weder bestätigen, noch widerlegen.»

Mehr als eine Milliarde Franken wird das Extremely Large Telescope kosten. Wie ist das zu rechtfertigen? «Grundsätzlich ist es eine Entscheidung der Gesellschaft, wie viel Geld von den Steuern an die verschiedenen Bereiche gegeben wird: an Wissenschaft, Gesundheit, Militär, Bildung und so weiter», sagt Benz. «Meine Meinung ist, dass der Wohlstand der Gesellschaft mittel- und langfristig nur steigt, wenn man auch die Wissenschaft fördert.»

Was Wissenschaft mit Jassen zu tun hat

Ein Beispiel sei die Satellitennavigation GPS. Die präzise Lokalisierung beruht auf der allgemeinen Relativitätstheorie von Albert Einstein. Es hat fast 100 Jahre gedauert, bis daraus eine wichtige praktische Anwendung für alle entstand. «Wir können schlicht und einfach nicht vorhersagen, welche Grundlagenforschung künftig erfolgreich sein wird. Daher macht es Sinn, sie breit zu fördern.» Auch die Astronomie sei nur auf den ersten Blick eine weltferne Wissenschaft. «Beim Bau neuer Teleskope pushen wir die Industrie bis an die Grenzen dessen, was möglich ist. Es ist dieser Push, der dafür sorgt, dass es technologische Fortschritte gibt. Und die sorgen letztlich dafür, dass die Förderbänder der Industrie auf Hochtouren laufen.»

Weihnachten ist für Benz vorwiegend ein grosses Familienfest. Berührungspunkte zwischen Astronomie und Religion sieht er nicht. Die Wissenschaft könne Gott weder bestätigen, noch widerlegen. Die Wissenschaft vergleicht er mit dem Jassen. Beim Jassen folgt man Regeln. Auch die Wissenschaft ist ein Spiel, das Regeln hat. «Diese Regeln sind klar. Wir verstehen uns, weil in allen Ländern die gleichen Regeln gelten», sagt Benz. «Es gibt aber viele andere Spiele, die auch interessant sind. Das ist bei der Religion gleich. Da gibt es viele verschiedene Regeln. Jeder kann glauben, was er will.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.12.2017, 21:21 Uhr

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