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Von acht Storchenbabys sind vier bereits tot

Die Natur ist brutal: Weil es wegen der Trockenheit zu wenig Futter gibt, schubst die Storchenmutter ihre Jungen aus dem Nest. Im Seeländer Storchendorf sind so bereits vier von acht Storchenbabys verendet.

Im Futterstress: Dieses Jahr müssen die Störche in Grossaffoltern weit fliegen, um Mäuse und Würmer für die Jungen zu finden.
Im Futterstress: Dieses Jahr müssen die Störche in Grossaffoltern weit fliegen, um Mäuse und Würmer für die Jungen zu finden.
Urs Baumann

Es klappert von den Dächern in Grossaffoltern. Meterhohe Horste thronen auf den Ziegeln. In kompliziertester Arbeit sind die vielen Zweige ineinander verflochten, über eine Tonne kann so ein Nest wiegen. Hier und da lugt ein Schnabel über den Rand, schwarz-weisse Flügel schlagen durch die Luft. Die jungen Störche sind rund einen Monat alt und können noch nicht fliegen. Auf ihren dünnen Stelzen wackeln sie im Nest, schmusen mit der Mutter, stärken ihre Muskeln.

Doch die Idylle im Seeländer Storchendorf trügt. Vier der acht Storchenbabys sind tot, weil es aufgrund der Trockenheit zu wenig Futter gibt. Die Eltern schubsen die Jungen aus dem Nest, um selber genug Mäuse, Würmer oder Schnecken fressen und überleben zu können. Sind die Störche nach dem Fall vom Dach nicht tot, muss ihnen Gemeindepräsident Niklaus Marti (BDP) den Gnadenstoss geben und mit einem Beil den Kopf abhacken. «Eine grausige Arbeit», sagt «Storchenvater» Marti, der diesen Übernamen überhaupt nicht mag, ihm aber durchaus gerecht wird.

Futter für Krähen

Alles hatte gut ausgesehen im Frühling. Niklaus Marti und Robert Schoop von der Gesellschaft Storch Schweiz hatten sich wegen des guten Wetters auf ein Rekordjahr punkto Jungstörche gefreut. «Denn Regen und Kälte ertragen sie schlecht», sagt Schoop. Doch die lang anhaltende Trockenheit setzte der Euphorie ein abruptes Ende. Nicht nur in der Kolonie in Grossaffoltern, auch in Altreu oder Avenches kippen die alten die jungen Störche aus dem Horst. Weil es wenig Futter gibt, gehen die Eltern zudem zu zweit auf Nahrungssuche und lassen den Nachwuchs ungeschützt zurück – gefundenes Fressen für Krähen und Marder.

267 Junge hat Storch Schweiz letztes Jahr gezählt. Das sei eine gute Zahl, sagt Hobbyornithologe Schoop. Ziel sei, auf 300 zu kommen, was unter den Bedingungen in diesem Jahr wohl nicht möglich sein wird. «Doch grundsätzlich geht es dem Weissstorch in der Schweiz gut, die Population ist ansteigend», so Schoop.

Fleisch vom Metzger

Manchmal füttern in Grossaffoltern auch die Dorfbewohner die Störche. Die Metzgerstochter beispielsweise, weiss Marti, deponiert immer mal wieder Schlachtabfälle vor dem Haus. Doch Marti und Schoop sehen das eher ungerne, selbst in der Futternot: «Die Tiere werden dann zu fett für den Zug in den Süden.»

Drei Paare haben dieses Jahr in Grossaffoltern gebrütet, sechs Nester gibt es insgesamt. Viele der älteren Störche sind immer dieselben, die nach dem Zug in den Süden wieder zurückkehren ins Seeland. Als Winterresidenz steuern die Störche Afrika, noch öfter aber Spanien an, wo sie auf Abfalldeponien genügend Futter finden.

Der älteste Storch in der Seeländer Gemeinde ist 32 Jahre alt. «Er hat hier sein Leben verbracht», weiss Marti. Im Winter ist er kaum ausgeflogen und hat so das Risiko, auf dem Flug gen Süden an einem Strommast zu verenden, von Anfang an vermieden. «Lange wird er wohl nicht mehr leben, aber er begattet noch heute einen Grossteil der Weibchen», sagt der Gemeindepräsident. Er weiss es, denn von seinem Haus neben der Kirche hat er beste Sicht auf die Horste. Jedes Jahr ist Marti von Neuem gespannt, welche Störche in sein Dorf zurückkehren.

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