Walkot gegen den Klimawandel

Die Riesensäuger liefern mit ihren Ausscheidungen Nährstoffe für Meerestiere. Und leisten damit sogar einen kleinen Beitrag gegen die Erderwärmung.

Der Meeresgigant ist auch ein Klimaschützer: Pottwal in der Karibischen See. Foto: Reinhard Dirscherl (Ullstein Bild/Getty Images)

Der Meeresgigant ist auch ein Klimaschützer: Pottwal in der Karibischen See. Foto: Reinhard Dirscherl (Ullstein Bild/Getty Images)

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Wenige Sekunden hebt sich die Fluke des mächtigen Pottwals aus dem Wasser, bevor das Tier von der Länge eines Sattelschleppers mehr als tausend Meter in die Tiefe sinkt. Dort unten schlagen sich die Giganten den Bauch mit Kraken und Fischen voll. Um ein solches, mit 50 Tonnen deutlich über der Gewichtsklasse ­eines Lasters mit Anhänger liegendes Tier satt zu bekommen, sollten es schon 200 Tonnen Tiefseetiere im Jahr sein, kalkulieren Victor Smetacek vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven und seine Kollegen. Entsprechende Mengen an Kot verlassen die riesigen Meeressäuger auf der anderen Seite ­wieder – die Tiere leisten damit einen ­gewaltigen Beitrag zur Belebung des Südpolarmeers.

Schliesslich nehmen die 12'000 dort schwimmenden Pottwale jährlich rund 60 Tonnen Eisen auf, die als Spurenelemente fein verteilt in den Eiweissen ihrer Nahrung stecken. Rund 50 Tonnen davon verlassen ihren Körper mit dem Kot wieder, den die Tiere wegen des hohen Drucks nicht in der Tiefe, sondern erst in der Nähe der Wasseroberfläche loswerden. Dort aber warten bereits Algen und anderes Grünzeug auf das lebenswichtige Eisen, das in den Gewässern rund um den Südpol chronisch knapp ist.

In den 60ern fast ausgerottet

Die Exkremente der Wale mögen wie bei anderen Tieren eine anrüchige Sache sein. In erster Linie aber sind sie ein wertvoller Dünger für das Leben im Südpolarmeer, den die Riesensäuger bei ihren Tauchgängen aus der Dunkelheit der Tiefe ans Licht holen.

Diese Erkenntnis ist so neu natürlich nicht. So verkauften die Bauern Mitteleuropas auf den Märkten der Städte in den vergangenen Jahrhunderten nicht nur Kartoffeln und Gemüse, sondern nahmen oft auch den Inhalt der Nachttöpfe ihrer Käufer mit aufs Land, um damit ihre Felder zu düngen und ihre Ernte zu verbessern. Nicht anders funktioniert das Eisen aus dem Waldarm, wie eine verblüffende Entwicklung zeigt: Im 19. und 20. Jahrhundert wurden die Bestände vieler Arten der grossen Meeressäuger durch den intensiven Walfang dezimiert. Die Zahl der Blauwale und damit des grössten Tieres auf der Erde ging um 99 Prozent zurück, im Durchschnitt verschwanden bis in die 70er-Jahre zwischen 60 und 90 Prozent aller grossen Wale aus den Meeren.

12'000 Pottwale nehmen jedes Jahr 60 Tonnen Eisen auf, die in den Eiweissen der Nahrung gespeichert sind. Surce

Die meisten dieser Ozeangiganten sieben mit riesigen Hornplatten im Maul gewaltige Mengen kleiner Lebewesen aus dem Wasser. Im Südpolarmeer erwischen sie dabei meistens Krill, einen fünf Zentimeter kleinen Krebs. Eigentlich sollten die Bestände des Krills also explodieren, wenn ihr wichtigster Feind verschwindet. Genau das Gegenteil aber geschah: Als in den 60er-Jahren Blauwale und andere Arten im Südpolarmeer beinahe ausgerottet waren, brachen auch die Krillbestände auf ein Fünftel ihrer vorherigen Bestände zusammen: Die kleinen Krebse weiden schliesslich die Algen ab. Doch diesen fehlt für das Wachstum der Dünger aus den Därmen der Wale.

Mit dem Aufzeigen dieser Zusammenhänge entlarven Victor Smetacek vom AWI, Trish Lavery von der Flinders University in Australien und Steve Nicol vom australischen Antarktis-Institut in Tasmanien ein Argument mancher Fischereiverbände als Trugschluss. Diese sehen die grossen Wale genau wie Delfine und Robben als Konkurrenten, die ihnen ihre Beute in Form von Fischen und Tintenfischen vor den Netzen wegfangen. Auch hier ist genau das Gegenteil der Fall, wie die Forscher ausrechneten: Die Exkremente der Blauwale liefern einen Überschuss an Nährstoffen, sodass sich mehr Fische und Krebse von den so gedüngten Algen ernähren können, als die Blauwale selber wieder zu sich nehmen.

200'000 Tonnen CO2 weniger

Viele Wale fördern aber nicht nur die Fischbestände, sondern bremsen auch ein bisschen den Klimawandel. So blasen allein die 12'000 Pottwale des Südpolarmeeres jährlich zwar 200'000 Tonnen Kohlenstoff als Treibhausgas Kohlendioxid (CO2) mit ihrem Atem in die Luft. Gleichzeitig aber liefern sie genug Eisendünger, um damit jede Mengen Algen, Fische und Krebse wachsen zu lassen. Ein Teil davon sinkt irgendwann auf den Meeresgrund und nimmt dabei jedes Jahr 400'000 Tonnen Kohlenstoff mit in die Tiefe, den die Algen vorher für die Produktion von Biomasse in Form von CO2 der Luft entzogen. Unter dem Strich holen die Pottwale des Südpolarmeeres also jedes Jahr 200'000 Tonnen Kohlenstoff aus der Luft.

Der Kot der sich langsam erholenden Walbestände hilft also auch ein wenig, die steigenden Temperaturen auf dem Globus zu bremsen.

Erstellt: 29.12.2015, 21:04 Uhr

Was bringt die Eisenzufuhr im Meer?

Künstliche Düngung

Es ist eine umstrittene Hypothese, ob die Erderwärmung gebremst werden könnte, wenn das Südpolarmeer künstlich mit Eisen gedüngt würde. Das hätte den Effekt, so die These, dass das Algenwachstum verstärkt und damit mehr Treibhausgase in Form von Kohlen­dioxid (CO2) der Atmosphäre entzogen würden. Tatsächlich haben Experimente im Südpolarmeer vor drei Jahren gezeigt, dass sich durch eine künstliche Düngung das Algenwachstum beschleunigen lässt.

Eine grosse Menge der Algen sank dann auch nach dem Absterben auf den Meeresgrund. Ein Forschungsteam unter der Leitung der ETH Zürich und der Princeton University fand anhand von Sedimentbohrkernen heraus, dass während der letzten Eiszeit eine konstante Eisendüngung im subpolaren Südozean zu einer Planktonblüte führte. Das Eisen stammte vom Staub, der reichlich vom Südzipfel Südamerikas in den Südlichen Ozean geblasen wurde. Die Wissenschaftler erklären damit auch, warum die CO2-Konzentration in der Atmosphäre während der Eiszeiten auf einen Tiefpunkt fiel. Dennoch bleibt die Frage, wie viel CO2 das Meer letztlich durch einen verstärkten Eintrag von Eisen speichern kann. Ein internationales Forscherteam zeigt im Fachmagazin «Nature», dass die sogenannte biologische Pumpe, die Kohlendioxid aus oberen Wasserschichten in die Tiefsee transportiert, durch Eisendüngung an Wirksamkeit verlieren kann.

Der Grund: Es vermehren sich neben Phytoplankton auch Meeresbewohner, die Kalkschalen bilden. Die Schalentiere ernähren sich von Algen und geben beim Schalenaufbau CO2 ab. Damit wird unter dem Strich weniger Kohlenstoff in der Tiefsee gespeichert als bisher angenommen.

Wie auch immer: Die meisten Forscher sehen jedenfalls ein zu grosses ökologisches Risiko, wenn das Südpolarmeer künstlich gedüngt würde, um die Erderwärmung zu bremsen. (lae)

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